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Montagsthemen (vom 11. August)

Sein Trick wurde weltberühmt. Als der Zauberer Kolta 1875 in London einen Käfig in den Händen hielt, in dem ein kleines, süßes Vögelchen piepste, verschwand – simsalabim und flugser als schwupps – der Vogelkäfig mitsamt Inhalt. Wie hatte er das bloß gemacht, dieser Kolta, sogar ohne Kolter überm Käfig? Scheinbar unerklärlich. Toller Trick.
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Auch der Sport hat so manchen Trick auf Lager. Zum Beispiel den von Karl-Heinz Rummenigge, der »ausplaudert« (so die Meldungen), er habe »erfahren«, »gerüchteweise« könne Marco Reus für 25 Millionen aus seinem Vertrag aussteigen, sei also ein echtes Schnäppchen. Der Trick dabei: Rummenigge piekst den BVB, der lässt sich auch pieksen. Statt souverän zu ignorieren, schnappt man in Dortmund empört nach Luft und schimpft wie ein Rohrwatzke. Logische Folgerung: Die »ausgeplaudert gerüchteweise erfahrene« Summe stimmt, jetzt wissen es alle, von Arsenal bis Real. Trick gelungen.
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Nicht besonders trickreich dagegen, wie  das Duell Bayern München – Borussia Dortmund zum ultimativen Showdown hochstilisiert und fast buchstäblich hochsterilisiert wird, denn spätestens seit der WM weiß selbst jeder Hardcore-Fan, dass für Spieler, Trainer und Verantwortliche die Konkurrenz eine rein sportliche ist, dass sie (vor allem die Spieler) miteinander kompatibel und die »Hass«-Rituale steril sind, da schlecht geschauspielert.
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Der Fußballer ist halt auch nur ein Hirsch. Für den atemlos beobachtenden, unbedarften menschlichen Zuschauer kämpfen Platzhirsch und Herausforderer scheinbar auf Leben und Tod. Sie halten sich aber an Regeln, die beiderseits Beschädigungen vermeiden sollen, denn die Brunft ist kurz, das Leben lang. Beste Methode für den Platzhirsch: Wenn der Herausforderer schon durch reines Imponiergehabe demoralisiert aufgibt und sich leise grollend trollt.
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So gibt es auch zwischen Bayern und BVB   eine »genau festgelegte und daher für die Kontrahenten weitgehend vorhersehbare Abfolge von Verhaltensweisen im Zusammenhang mit dem Festlegen der Rangordnung« (»Kommentkampf«-Definition von Wikipedia). Einzige Komplikation: Das an und für sich ungefährliche Ritual »kann in Beschädigungskämpfe übergehen, wenn der Konflikt nicht mit einem Kommentkampf zu lösen ist«, zum Beispiel, »wenn beide Kontrahenten ungefähr gleich stark sind«. Also doch: Vorsicht! Bei beiden.
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Der Supercup, rein sportlich ein Suppencup, gehört sogar nur zum Vorgeplänkel eines Kommentkampfs. Niemand verausgabt sich, keiner kommt zu Schaden, aber der Gewinner röhrt ein Weilchen angeberisch im Revier herum.
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Auch nur ein PR-Trick? Hätte Markus Rehm erst gar nicht bei den deutschen Meisterschaften starten dürfen, jedenfalls nicht in Konkurrenz mit den Unamputierten, würde er seinen Sport immer noch im paralympischen Schatten betreiben. Da er, Vergleiche hin oder her, Großartiges leistet, ist ihm diese Aufmerksamkeit (die gemeinhin mit anderen Annehmlichkeiten einhergeht) aus ganzem sportlichen Herzen zu gönnen. Allerdings wurde jetzt bekannt, dass Rehm schon neun Wochen vor der DM angeboten worden war, drei Wochen vor den Meisterschaften bei einem Wettkampf zu starten, bei dem »eine komplette Leistungsdiagnostik aufgebaut« werden sollte (Bundestrainer Uwe Florczak in »Sport-Bild«). Bereits da wäre klar geworden, dass der Bilanzkoeffizient des Absprungs von Rehm bei 2,5 liegt, bei der gleich weit springenden Konkurrenz aber unter 0,5. Zum DM-Start wäre es erst gar nicht gekommen. Erst gar nicht kam aber Rehm, »das Angebot kam viel zu kurzfristig, da hatte ich private Termine, die ich nicht verschieben wollte«.
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Aber selbst wenn es nur ein Termin-Trick war: Er führte zum im Sinne der Sache gerechtfertigten Ziel der Aufmerksamkeitsverstärkung. Sportlich angemessene Lösung: Rehm springt bei großen Wettkämpfen, aber außer Konkurrenz. Oder in einem Teamwettbewerb, den ja viele andere Sportarten – wie Skispringen und Biathlon – eingeführt haben. Reif und Rehm gegen Bayer und einen weiteren Paralympiker, mit addierten Weiten, vielleicht sogar um olympische Medaillen – das wäre eine schöne neue, attraktive Disziplin der Leichtathletik. Allerdings liegt das Problem im Detail, hier in den paralympischen Regeln mit ihren kaum zu zählenden unterschiedlichen Schadensklassen.
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Von allen Trickvarianten ist nur eine echt unsportlich: die von Kolta. Ach was, unsportlich – widerwärtig! Denn worauf basierte der Trick? Der kleine Käfig passte, im Bruchteil einer Sekunde zusammengeklappt, in Kostas Ärmel. Mitsamt Vögelchen. So schnell, dass es nicht mal Piep sagen konnte. Nie mehr. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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