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Kein kleiner Unterschied (“Anstoß” vom 7. August

Angeregt durch die Diskussion um den Prothesenspringer Markus Rehm stellt ein durchaus nicht sportferner, allerdings sehr fußballfixierter Mensch eine Frage, die uns der Leichtathletik Näherstehende stets aufs Neue verblüfft: Warum laufen und springen Frauen deutlich schlechter als Männer, obwohl sie annähernd so gut werfen? Und warum starten sie in getrennten Wettbewerben?
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Nein, sie veräppeln uns nicht, liebe Leichtathleten. Aber sie finden nur alle Jubeljahre zu uns, bei Olympia, Welt- oder, wie jetzt Europameisterschaften, und da bei den Fernsehübertragungen Selbstverständlichkeiten wie Maße und Gewichte selten erwähnt werden, tut grundlegende Aufklärung not. Diese kann zudem helfen, der aufgeflammten Diskussion um Inklusion im Wettkampfsport auf die Sprünge (und Läufe, und Würfe) zu helfen.
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Zunächst einmal das Elementare: In den Läufen und Sprüngen sind die Leistungen von Männern und Frauen direkt vergleichbar, da beide Geschlechter zwar im Wettkampf unter sich bleiben, aber unter identischen Bedingungen antreten. Ausnahme: Hürdenlauf. Auf der kurzen Strecke sprinten die Männer 110 Meter lang über 106 Zentimeter hohe Hürden mit Zwischenabständen von 9,14 Metern (Frauen: 100/83/8,50), über 400 Meter beträgt die Hürdenhöhe 91 bzw. 76 Zentimeter.
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Die unterschiedlichen Höhen erscheinen sinnvoll, da Frauen in der Regel kleiner sind als Männer. Müssten sie deren Hürden überwinden, wäre es kein Hürdenlauf, sondern Hürdenhüpfen. Das führt uns zu den Würfen, denn auch hier kommen die Regeln den Frauen und ihren körperlichen Nachteilen entgegen, die von allen fundamentalfeministischen Bestrebungen nicht beseitigt werden können. Auflistung der unterschiedlichen Wurfgewichte: Kugel und Hammer: 7,26 kg/4kg. Diskus: 2 kg/1 kg. Speer: 800 Gramm/600 Gramm.
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Wie weit werfen die besten Diskus-Männer mit dem halb so schweren Gerät der Frauen? Am besten gar nicht, denn die Verletzungsgefahr wäre bei vollem Krafteinsatz mit dem leichten Gerät zu groß. Alwin Wagner, hessische Diskus-Ikone aus Melsungen (Olympiasechster 1984, Bestleistung 67,80 m), bestätigt: Man benötigt viel Gefühl, um im Optimalfall knapp 15 Meter weiter zu werfen als mit dem doppelt so schweren Gerät. Wagner selbst warf bei einem Test im Training einmal über 80 Meter. Zum Vergleich: Die derzeit beste Frau, die Kroatin Sandra Perkovic, kam in diesem Jahr auf 70,51 m, so weit, wie seit über 20 Jahren keine Frau mehr. Dass Perkovic schon wegen Dopings gesperrt war, steht auf einem anderen, aber schon viel beschriebenen Blatt der weiblichen Wurfdisziplinen.
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Von den Männer-Wurfgeräten fliegt nur der Speer über 100 Meter. Nein, er flog: DDR-Athlet Uwe Hohn hält seit 1984 mit 104,80 m den »ewigen« Weltrekord, denn aus Sicherheitsgründen wurde danach bei dem 800-Gramm-Gerät der Schwerpunkt verändert, so dass es steiler fliegt und früher absinkt. Hohn hält auch einen anderen absoluten Rekord: 100,02 Meter mit einer DDR-»F 1« im Handgranatenweitwurf. Von Frauen sind hier keine Vergleichszahlen bekannt. Und das ist auch gut so.
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Bescheiden dagegen naturgemäß die Weiten der Kugelstoßer. Grund ist der gleiche wie beim Diskuswerfen: Die 4-kg-Kugel ist einfach zu leicht für die schweren Männer. Allerdings gibt es Tausende unter ihren Geschlechtsgenossen zwischen 15 und 75, die weiter stoßen als die gewaltige (1,93 m/120 kg) Valerie Adams aus Neuseeland, die seit Jahren unbesiegt ist und dabei meist knapp über 20 Meter stößt. Übrigens ist Adams trotz aller massiver Muskelhaftigkeit eine durchaus attraktive Athletin, vor der selbst Machos und Chauvis auf die Knie gehen – entweder aus Bewunderung der Statuenfigur einer herkulischen Göttin oder aus Angst vor ihr.
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Damit sollte klar sein, warum Männer und Frauen im leichtathletischen Wettkampf nicht gegeneinander antreten: Nur gleichartige Leistungsvoraussetzungen erlauben sportlich faire Wettkämpfe, und das ist bei Männern und Frauen (oder Naturfüßigen und Prothesenträgern) nicht gewährleistet, auch wenn die Theorie der Inklusion das anders sieht, sehen will oder, wenn sie es richtig sieht, den fairen Leistungsvergleich der Inklusion unterordnet.
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Dass Nobelpreise nicht nach Geschlechtern oder Behinderungsgraden getrennt vergeben werden, dass in Kunst, Literatur und Wissenschaft nur die Leistungen zählen, nicht die Befindlichkeiten ihrer Erbringer, sind keine Gegenbeispiele, sondern Bestätigungen: Hier sind die Leistungsvoraussetzungen gleichartig, daher muss, nein darf es keine getrennten Wettkämpfe geben.
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Wie auch im Sport, wenn diese Voraussetzungen gegeben sind. Vom Reiten bis zum Schach können Frauen ihre Leistungen mit Männern messen, bei den verwegenen Buschreitern der Vielseitigkeit dominieren sie sogar. Auch Markus Rehm könnte in vielen Sportarten gleichberechtigt starten, sogar im Boxen, denn dort würden Hightech-Beinprothesen weder Vor- noch Nachteile bieten. Nur im Kickboxen sollte er bitte nicht antreten dürfen. Und wäre er unterarmamputiert, dann auch nicht mit Spezialprothese im Boxen. Klingt wie ein flauer Witz, bringt aber die Sache auf den Punkt. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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