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Dienstag, 5. August, 10.30 Uhr

An der Vorbereitung des nächsten Beitrags für das “Seniorenjournal” sitzend, lenkt mich die Mail von Dr. Sylvia Börgens (siehe “Mailbox” ab). Der “progressive Alt-Tag” soll sich diesmal um die fortschreitende Unsichtbarkeit drehen, durchdacht und gegliedert ist die Glosse noch nicht, und da ich abgelenkt bin, lege ich den Stichwort-Zettel beseite und beame mich vom Seniorenjournal zurück auf die Jugendseite der Wetzlarer Neuen Zeitung, für die ich, als damaliger Wetzlarer (von daher auch das Zeichen gw, für “Gerhard” und “Wetzlar), meine ersten Artikel geschrieben habe. Kommt mir wie gestern vor. Zum Beispiel der Anschiss des Sportchefs, weil ich (zu der Zeit etwa 16 oder 17) einen Leichtathletik-Bericht mit der Bemerkung beendet hatte, es sei ein sportlicher Skandal, dass zu Leichtathletik-Wettkämpfen der guten Athleten des TV Wetzlar so wenige und zu den schwachmatischen Kickern von Eintracht Wetzlar so viele Zuschauer kämen. Da merkte ich schon, dass man nicht alles schreiben darf, was man für richtig hält …

Etwas später schrieb ich viele Artikel für die Jugendseite, meist Buch-Rezensionen. Heute weiß ich, dass mir der Verlag diejenigen Freiexemplare schickte, die die Redakteure nicht lesen wollten, weil für sie zu uninteressant. Ich aber war stolz und nutzte die Gelegenheiten, meine pseudorevolutionäre Gesinnung verbal auszuleben. Zum Beispiel in der Rezension von ”Gesammelte Schriften” von Gerhard Hess:

Wissend und gütig lächelt er uns auf Seite 2 entgegen. Was hat er nicht alles erreicht in seinen 60 Jahren! Rektor der Universität Konstanz ist er geworden, Mitglied des Wissenschaftsrates und vieles mehr. Wie morsch und brüchig muss die Welt dieser Leute doch sein, in der ein “Vorsitzender des Vorstands des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft”  ein schlaffes, aalglattes Geleitwort schreibt, und in der die “Schüler” Jauss und Müller-Daehn ihren “Lehrer” 15 Seiten lang hochleben lassen. (…) Der zweite Teil des Buches, eine Sammlung hochschulpolitischer Schriften, ist völlig überflüssig. Einige Aufsätze sind vor mehr als einem Jahrzehnt geschrieben worden (…), andere, aktuellere Beiträge, haben teilweise einen derart indiskutablen Inhalt, dass ihre Besprechung völlig fruchtlos wäre. Nur ein Beispiel: Heß bedauert, dass den meisten Professoren “die Muße fehlt, die Stille des Schreibtischs”, so dass sie keine Zeit für “ausgeruhte” Werke hätten, sondern sich unstandesgemäß mit billigen Taschenbüchern zufrieden geben müssten. Für Heß ist die Lösung des Problems einfach: “Die Verminderung der Studentenzahlen an einer Reihe von Hochschulen gehört zu den selbstverständlichen Erwartungen.” Ist die Muße des Professors wichtiger als die Behebung des Bildungsnotstandes?

 

Ha! Wow! Ganz schön angry, dieser young man! Aber er kanns’ noch besser. Hier seine allererste Glosse, Thema: Jugend, erschienen in der WNZ 1967 oder 68:

 

Man ist nur einmal jung – das scheint die Devise eines großen Teils der heutigen Jugend zu sein. Doch die Jugendlichen, die so denken, sind nur den Jahren nach jung, in Wahrheit seit Kindesalter vergreist. Für sie ist die Jugend als zeitlich festgesetzte Phase ihres Lebens eingeplant, wird bewusst erlebt und nach einer angemessenen Zeit bewusst beendet – hinter der frischen Coca-Cola-Keglerin und ihrem lachenden Partner stehen bereits die Frau, die weißer wäscht, und der würdige Herr von Asbach Uralt. Deutlich offenbart sich diese Geisteshaltung in der modernen jugendlichen Kleidung. Diese Uniformen der Jugendzeit werden pünktlich am Ende der Dienstzeit als Jugendlicher abgelegt.  Während dieser Dienstzeit hat MAN zuerst reimlose Gedichte anzufertigen, Raucherzimmer in den Schulen zu fordern und die Tanzstundendame zu küssen. Später hat MAN Partys zu feiern, vorübergehend Kommunist zu sein (Willy Brandt: “Jeder gute Sozialdemokrat muss in seiner Jugend einmal Kommunist gewesen sein.”), freie Liebe zu fordern oder, was seltener ist, sie auch zu praktizieren, Geld zu verachten, aber im Besitz eines Sparbuchs zu sein und die Leute, die in ihrem Lebensplan die Jugendzeit bereits absolviert haben, so lange zu verachten, bis man selbst an deren Stelle getreten sein wird.

Wer glaubt, dass dies zu krass, zu undifferenziert formuliert ist, mag recht haben – doch er möge bedenken, dass sich die Mehrzahl der Jugendlichen monatelang anstandslos zu der unmenschlichsten, also unjugendlichsten Tätigkeit missbrauchen  lässt: zum Kriegsdienst.

Die meisten Jugendlichen von heute sind der Ansicht, dass Jugend zu einer bestimmten Zeit anbrechen und nach einer angemessenen, von der Konvention bestimmten Zeit ihr Ende finden müsse. Während dieser Zeit werden die oben angeführten Tätigkeiten “durchgeführt” und das der Jugend eigene “vivre pour vivre” planmäßig betrieben.

Jugendlichkeit ist eine Eigenschaft, derer sich nur wenige erfreuen – ein Leben lang. Wer das Leben lebt, nicht verplant, ist jugendlich. Zum Lebensstil vieler moderner Jugendlicher gehört aber, dass sie ihr Leben nicht leben, sondern verplanen, oft ohne sich dessen bewusst zu werden. Mir erscheint daher kennzeichnend für die meisten Jugendlichen unserer Zeit, dass ihnen die Jugendlichkeit fehlt.

 

Den Text habe ich soeben (vor einem halben Jahrhundert gab es ein elektronisches Archiv nur in meinen SF-Romanen) aus einem alten, vergilbten Ordner abgeschrieben. Während des Schreibens änderte sich meine Gemütslage: Eigentlich wollte ich mich als ganz jungen, naiven Schreiber vorführen und so richtig durch den Kakao ziehen, doch das wandelte sich von Satz zu Satz bis hin zu der furchtsamen Frage, deren Antwort ich lieber nicht wissen will: Habe ich seitdem jemals wieder eine so ehrliche, wahre und, ja, bessere Glosse geschrieben?

 

 

Baumhausbeichte - Novelle