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Sonntag, 3. August, 6.15 Uhr

Um schreiben zu können, muss ich Licht machen. Bleibt es jetzt schon so viel länger dunkel? Oder ist es draußen dunkelwolkig, Nachboten von Gewittern, die ja irgendwo gewesen sein sollen (nicht hier jedenfalls), oder etwa Vorboten?

Traum: Neue sportliche Entwicklung in den Sprüngen, ich habe sie entdeckt, niemand glaubt mir, dass  die Weltrekorde fallen, im Training schon gefallen sind. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, spüre es sogar in mir, diese Leichtigkeit beim Absprung, diese nicht enden wollende Flugphase. Ist es eine neue Technik? Oder eine ganz normale Entwicklung, es gibt in der Leichtathletik immer eine Disziplin, in der es plötzlich riesige Fortschritte gibt, andere, die stagnieren.  Nicht geträumt, sondern Realität: Wie jahrelang der Hochsprung, bei dem es hieß, Sotomayors Weltrekord sei für alle Ewigkeit, da aus Dopingzeiten, und momentan wackelt er gleich durch zwei, drei dürre, sehnige Typen aus unterschiedlichsten Teilen der Welt.

Klar wird mir erst wach, wieso ich dieses Zeug träume: Rehm, Prothese, Inklusion usw. Ein Grund mehr, das Thema für mich ad acta zu legen. Schluss damit, wenn es schon den Traum beherrscht! Dabei drängt sich für die “Montagsthemen” doch der überaus große Quatsch auf, den ich in der Nachbearbeitung  der Zeitungen letzter Woche mancherorts (z.B. taz) gelesen habe: Dass die Inklusion schon mal weiter gewesen sei, wobei mit Beispielen hantiert wird (Schlienz, einarmiger Torwart usw.), die ziemlich gaga sind. Denn das waren um so großartigere Spportler, weil sie ohne Prothesen trotz ihrer Behinderungen bei den Unbehinderten erfolgreich waren. Niemand wäre damals und würde heute auf den Gedanken gekommen sein bzw. kommen, ihnen die Teilnahme zu verwehren. Wäre Markus Rehm Schachspieler, Rennfahrer (Zanardi!) oder Turniertänzer, niemand würde seine Prothesen als Hilfsmittel bezeichnen. Aber ich will auch im Blog damit aufhören. Jetzt.

Allerdings kenne ich mich gut genug, um zu wissen, dass der Vorsatz womöglich nur die kommende Kaffeepause überdauern wird.

Ich lenke mich mit einem anderen Thema ab: Weltkrieg 1, Thema überall, auch in ”chrismon”, dem evangelischen Magazin, das ich soeben gelesen habe. ”chrismon” (im äußeren Format des SZ-Magazins) liegt kostenlos großen Blättern bei (“Zeit” usw.) und ist hervorgegangen aus einem großen evangelischen Wochenblatt mit wechselnden Namen (weil immer mal eigentlich pleite, durch die finanzielle Kraft der Kirche aber wiederauferstanden) , für das ich früher einmal ein paar Artikel geschrieben habe, zum Beispiel  vor den Olympischen Spielen 1988 in Seoul den großen Aufmacher mit dem Titel “Fast jeder dopt und niemand gibt es zu”, Untertitel, wenn ich mich recht erinnere: “Nicht der Doper ist pervers, sondern die Welt, in der er lebt.” War damals ein dickes Ding, weil so und in seiner Erklärung und von einem, der es wissen musste noch nie dargelegt. Und kurz darauf kam das Erweckungserlebnis, der Super-Gau mit Ben Johnson – was journalistisch für mich ein großer Erfolg war, denn man erinnerte sich an den Artikel. Ach ja, jetzt fällt mir der Name des damals hoch angesehenen Blattes ein: “Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt.”

Im aktuellen ”chrismon” fällt mir zuerst der Hartmannsweilerkopf auf. Blog- und Kolumnenleser wissen, dass er kürzlich bei uns eine Rolle gespielt hat. Es geht natürlich um Deutsche und Franzosen, um den Krieg, um die Aussöhnung, um die Normalisierung im deutsch-französischen Verhältnis, um Schüler-Austausch, der viel für die Verständigung getan hat usw.  Und da fiel mir auf und ein, dass ich im Laufe des Schreiber-Lebens manches bis vieles über meine anglophilen Interessen geschrieben habe (Beatles, Popmusik, englische Literatur, speziell Krimis, Humor  usw.), später über meine italophile Ader (z.B. “Italienisches Tagebuch während der WM 1990) und noch später und bis heute über mein Faible für Griechenland, aber nie über die “Phil-Wurzel” überhaupt, meine frankophile Jugend: Durch Frankreich getrampt, in Avignon jugendlich Wichtiges erlebt (Partnerstadt von Wetzlar, wo ich wohnte), mit Französinnen von dort jahrelang Brieffreundschaften gepflegt (Vater wollte unbedingt wissen, ob der Ausdruck “faire l’amour” vorkommt; kannte er wohl aus seinen Offizierstagen …), statt “Bravo” viel lieber “Salut Les Copains” gelesen (hab ich’s aus der Erinnerung richtig geschrieben? Wie manches andere überprüfe ich das im Blog nicht, in dem ich ohne Netz und doppelten Boden schreibe und jetzt wie zum Beweis nicht mehr weiß, wie ich den Satz angefangen und wie zu beenden habe und daher einfach mal einen Punkt mache. Denn jetzt kommen die drei großen K, der frühe Höhepunkt des Sonntags: Knicks, Kaffee, Kuchen.

Baumhausbeichte - Novelle