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Sport-Stammtisch (vom 2. August)

Der Biomechaniker und Maschinenbauer Hugh Herr, der als Jugendlicher durch Erfrierungen beim Bergsteigen beide Unterschenkel verlor, forscht über künstliche Gliedmaßen und stellt High-tech-Prothesen her, mit denen auch Oscar Pistorius seine Bestzeiten lief. Schon bald, Herr ist absolut sicher, wird ein Amputierter mit seinen Prothesen schneller laufen können als jeder Nichtamputierte. Und besser klettern. Und besser springen.
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Schon 2007, als Pistorius erstmals in den Schlagzeilen auftauchte, behauptete ich: Er betreibt eine andere Sportart als zweibeinige Läufer, beide miteinander zu vergleichen ist unlogisch und unsportlich. Pistorius’ beinamputierte Landsfrau Natalie tu Toit bewies, dass die emotionale Diskussion nur von wenig sportlichem Sachverstand begleitet wurde (Pistorius) und wird (Rehm). Sie schwamm mit nur einem Bein, ihr wollte niemand den Start bei den »Beidbeinigen« verweigern, denn das wäre ein nicht nur unsportlicher, sondern fast schon kriminell diskriminierender Akt. Sie wurde Vierte der Langstrecken-WM, als benachteiligte Einbeinige unter Beidbeinigen eine unfassbare Leistung – mit High-Tech-Flossen-Prothesen würde sie alle Goldmedaillen überlegen gewinnen und sämtliche Weltrekorde pulverisieren, ein Vergleich mit flossenlosen Schwimmern verböte sich wegen der augenscheinlichen Absurdität von selbst
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Mein Fazit damals wie heute: Unvergleichliches sollte nicht wettkampfmäßig mit- und aneinander gemessen werden, allein schon aus Respekt vor dem jeweiligen sportlichen Können des Kunst- und Naturfüßigen.
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Der Diskuswerfer Robert Harting hat wieder einmal auf seine typisch brachial-plakative Art Empörung ausgelöst: Markus Rehm möge doch mit seinem gesunden Bein springen. Unsensibel, aber im Ansatz richtig. Wenn die Leistungen vergleichbar wären, müsste Rehm mit dem gesunden Bein (sein Sprungbein ist das mit der Prothese) ähnlich weit bzw. ähnlich weniger weit springen als andere Acht-Meter-Springer mit ihrem schwächeren Bein. Aussichtslos!
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Die unehrlichen (oder sportlich unwissenden, oder befangenen, oder parteiischen) Wortführer wollen nicht zugeben, dass Rehm eine andere Sportart (um genau zu sein: eine andere Disziplin, denn er gehört natürlich in die Sportart Leichtathletik) betreibt als beidnaturbeinige Weitspringer, aber sie, die Diskussion, lenkt, je länger und emotionaler sie läuft, von der Tatsache ab, dass Markus Rehm ein großartiger Sportler ist, der in seiner paralympischen Disziplin der Konkurrenz um Klassen voraus ist (dass die Konkurrenz glücklicherweise längst keine so große ist wie im nichtparalympischen Weitsprung, ist eine Feststellung, die ebenfalls zur sportlichen Ehrlichkeit gehört).
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In den »Montagsthemen« schrieb ich, die Prothesen-Technik mache auch deshalb große Fortschritte, weil sie vom Pentagon gefördert werde, seit weit über tausend Soldaten »mit fehlenden Gliedmaßen« aus dem Irak oder Afghanistan zurückgekehrt seien. Dazu mailt Matthias Weidner: »Lieber Lieblings-Kolumnist, heute morgen natürlich den »Anstoß« – wie immer – mit großem Vergnügen gelesen und über eine Formulierung gestolpert. Einige Stunden hin und her geschwankt zwischen der Ausübung unseres gemeinsamen Hobbys, der präzisen Formulierung oder der gewollt unpräzisen, um Hintersinniges auszudrücken, einerseits und dem Ernst des besprochenen Themas und den Tragödien und Traumata, die die Betroffenen erlebt haben, andererseits, die es eigentlich verbieten, in beschwingter und leichter Weise das erwähnte Steckenpferd zu reiten. Da ich weiß, auf welcher zutiefst humanistischen, vor allem aber humanen Grundlage Sie schreiben, habe ich mich dann für unser Hobby entschieden. Wie habe ich mir es vorzustellen, wenn ›weit über tausend (US-)Soldaten mit fehlenden Gliedmaßen aus dem Irak oder Afghanistan‹ zurückkehren? Kommen sie denn nicht genau ohne diese, weil sie sie im Krieg eingebüßt haben? Was halten Sie von der Formulierung ›weit über tausend Soldaten arm- und/oder beinamputiert aus Afghanistan zurückkehren‹, die m. E. nicht nur sprachlich korrekt ist, sondern auch deutlicher ausdrückt, was passiert ist?«
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Da spieße ich so gerne Sprachdummheiten auf, und dann unterläuft mir eine von der besonders blöden Art. Wie käme man denn mit fehlenden Gliedmaßen zurück? Etwa im Handgepäck? Entschuldigung.
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Auch für das Handgepäck. Schwarzer Humor treibt immer mit Entsetzen Scherz, sollte aber manchmal Betroffenen vorbehalten bleiben. In diesem Zusammenhang: Im WDR gibt es eine neue Comedy-Serie. In einer Szene erscheint ein Mann, der ähnliche Sprungstelzen trägt wie Samuel Koch damals bei »Wetten, dass«. Koch tritt nun in dem Sketch als Sicherheitsexperte auf und beteuert: »Der Stunt ist absolut sicher. Dafür stehe ich mit meinem Namen.«
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Sammy Davis jr., genialer Entertainer aus dem »Rat Pack« um Frank Sinatra, machte oft Witze über kleine, einäugige, schwarze Juden – wie er selbst. Betroffene dürfen das. Wie Samuel Koch. Oder Marius Jung, der das Buch geschrieben hat: »Singen können die alle! Handbuch für Negerfreunde.« Marius Jung, (dunkelhäutig) erzählt auch (im SZ-Interview) seinen Lieblingswitz. Stammt von Woody Allen (Jude): »Fährt ein Schwarzer U-Bahn und liest eine jüdische Zeitung. Kommt ein Weißer zu ihm und sagt: Neger allein reicht dir wohl nicht.«
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Oder: »Wer beim Radio arbeitet, ist fürs Fernsehen zu hässlich und für die Zeitung zu doof.« Das wäre als Witz eines Fernseh- oder Zeitungsmenschen nur blöd. Habe ich aber mal im HR von einem Radiomoderator gehört. Daher gut. Und nett. Blöd ist nur, wenn man als Zeitungsmensch fürs Radio zu sprechunbegabt ist, fürs Fernsehen zu hässlich. Und für die Zeidung zuh dooff. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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