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Die Kunst des Weinreinbringens (“Nach-Lese” vom 2. August)

Ein Mann erkennt »früher als andere: Mit zeitgenössischer Kunst war viel Geld zu machen« (Süddeutsche Zeitung). Der Mann heißt Helge Achenbach und weiß: »Menschen, die 100 Millionen und mehr besitzen, sind häufig vereinsamt und haben Angst. Kunst hilft vielen, eine Aufgabe zu finden und einen Platz im Leben der Gesellschaft.« Achenbach »füllt die Leerstellen im Dasein der Superreichen aus« (SZ), dient sich ihnen als »Vermittler« an und soll unter anderen »den Aldi-Erben Berthold Albrecht beim Verkauf von Kunstwerken und Oldtimern mit verdeckten Preisaufschlägen und frisierten Rechnungen um etwa 30 Millionen Euro betrogen haben« (Frankfurter Allgemeine Zeitung). »Es ist einer der größten Kunstskandale in der Geschichte der Republik« (SZ). Und das will nach dem Fall Beltracchi etwas heißen.
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So weit, so bekannt. Achenbach sitzt in Untersuchungshaft. Der scheue Milliardär Albrecht, dessen Witwe nach seinem Tod 2012 auf die Ungereimtheiten in den Abrechnungen stieß und Strafanzeige stellte, der hemdsärmelige Kumpeltyp Achenbach und die schillernde, abgedrehte Düsseldorfer Kunstszene – die Kultur- und auch die Gesellschaftsseiten der großen Zeitungen haben ihre Geschichte und Geschichten und Geschichtchen.
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Na, dann schreibe auch ich mal meine Geschichtchen dazu. Zunächst die der realisierten Umverteilung: Was sozialistische Theorie fordert, verwirklichen ausgerechnet die Superreichen der Gesellschaft, und das auch noch vollkommen freiwillig. Albrecht war für seinen Geiz bekannt, aber dank Achenbach hortete er seine Fantastillionen nicht mehr ausschließlich auf dem Festgeldkonto, sondern brachte viele davon unters Volk. Zwar war die Umverteilung keine von oben nach unten, sondern eine von ganz oben nach halb oben, vom Milliardär zum Millionär, aber dieser, ob Achenbach oder Beltracchi, geizte nicht, sondern gab aus, mit vollen Händen, und so sickerte das schöne Geld allmählich weiter nach unten und gab letztendlich auch Putzfrauen und anderen proletarischen Dienstleistern Brot und Arbeit.
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Aber warum geben Superreiche so viel Geld für Kunst aus? Meine naive Vorstellung: Wer ein Bild kauft, weil es ihm gefällt, zahlt dafür so viel, wie ihm sein Gefallen wert ist. Er kann also gar nicht betrogen werden, zumindest dürfte er sich nicht betrogen fühlen. Wer aber ein Bild nur als Prestige-Objekt erwirbt, als Wertanlage … ist selbst schuld. Denn was ist Kunst »wert«? Was überhaupt ist Kunst, speziell zeitgenössische, also moderne Kunst?
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Große Geister haben sich mit dieser Frage auf hohem Niveau abgemüht, die Kunstszene beantwortet sie von oben herab, oft in hochgestapeltem Fachjargon, und kleine Geister grölen die Antwort schenkelklopfend am Stammtisch: Fettecke! Putzfrauen! Haha! Hoho!
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Auch ich habe mich mit dieser Frage beschäftigt. Natürlich nur auf meinem Niveau – mit der naiven Wissbegier d es Laien. Vor langer Zeit habe ich mir sogar ein Fachbuch zugelegt, geschrieben von Hans-Jürgen Müller, einem »Vermittler von zeitgenössischer Kunst in der Bundesrepublik«, wie es im Klappentext heißt (damals war »Vermittler« noch kein Unwort Achenbachscher Art). Darin las ich auch den schönen Satz: »Schöpferische Leistungen auf dem Gebiet der bildenden Kunst werden häufig nur aus der Abhängigkeit vom manipulierbaren Geschmack begüterter Mitbürger in höhere Preislagen getragen.« Heute aktueller denn je, bereits vor 40 Jahren zu lesen in Müllers Buch mit dem Titel: »Kunst kommt nicht von Können« (das »nicht« war rot unterstrichen).
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Vor Jahren, als in Deutschland noch König Rumpelfußball herrschte, nannte ich die deutsche Fußball-Kunst Wunst, weil sie nicht vom Können, sondern vom Wollen kam. Eine geschätzte Leserin korrigierte mich, dann müsse es aber doch Wulst statt Wunst heißen. Das leuchtete mir ein. Ein weiterer Leser ergänzte, das Copyright auf »Wulst« gehöre dem Maler Max Liebermann, der das Wort kurz nach dem 1. Weltkrieg geprägt habe. Von Liebermann kannte ich bis dahin nur den Satz, »ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte« (als er einen Fackelzug der Nazis durch das Brandenburger Tor beobachtete). Schließlich las ich kurz danach im »Spiegel«, der Satz »Kunst kommt von können und nicht von wollen, sonst hieße es Wunst« stamme von Karl Valentin.
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Wunst hin, Wulst her, ich glaube, Kunst kommt weder von Wollen noch von Können, große Kunst ist mehr als Wollen und Können zusammen und immer noch ein bisschen größer als ihr Erschaffer. Zum Wollen und Können kommt das Ungreifbare, ein schöpferisches Prinzip, nicht von dieser, nur für diese Welt. Wie Götzes Tor. Das war mehr als Schall und Neo Rauch, es gehört als Videoinstallation in Endlosschleife in jedes bessere Museum für zeitgenössische Kunst. Albern? Aber subjektiv wahr.
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»Lehmann«-Schöpfer Sven Regener lässt in einem seiner Romane Lehmanns Freund Karl die Kunst definieren: »Es ist Kunst, wenn einer sagt, dass es Kunst ist. Und dann muss ich noch mindestens einen finden, der mir das glaubt.« Kongeniale Ergänzung von Robert Gernhardt mit seinem Gedicht »Deutung eines allegorischen Gemäldes«:
»Fünf Männer seh ich / inhaltsschwer – / wer sind die fünf? / Wofür steht wer? / Des ersten Wams strahlt blutigrot -/ das ist der Tod, das ist der Tod / Der zweite hält die Geißel fest – das ist die Pest, das ist die Pest / Der dritte sitzt in grauem Kleid – das ist das Leid, das ist das Leid / Des vierten Schild trieft giftignass – das ist der Hass, das ist der Hass / Der fünfte bringt stumm Wein herein – / das wird der Weinreinbringer sein.«
Zum Wohl! Der Kunst!
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Als Moral von der Kunstgeschicht’ summe ich die Elegie der Panzerknacker, wenn sie wieder einmal reich werden wollten, aber wie immer im Knast gelandet waren:
»Unsere ganze Kunst, die war umsunst.«
Meine sowieso.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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