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Rehm und Reus – Hary und Ratzi – Speer- und Lob-Hohn (Montagsthemen vom 28. Juli)

Philip K. Dick, ein Science-Fiction-Kafka, beschrieb vor mehr als einem halben Jahrhundert die Identitätskrise eines Mannes, ausgelöst durch die Rolle, die ihm fremde Autoren ins Drehbuch schrieben. Dick war ein ganz Großer seines Metiers. Ein Roman von ihm trägt den schönen Titel »Träumen Androiden von elektrischen Schafen?«. Das Buch wurde verfilmt und lief im Kino als »Blade Runner«. Oscar Pistorius, begnadetes PR-Talent in eigener Sache, übernahm den Namen für sich, übersetzt bedeutet er in etwa: »Klingenläufer«.
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Nun haben wir nach dem Blade Runner den Blade Jumper, die Diskussion bleibt die gleiche, ebenso die Identitätskrise, diesmal aber ausgelöst durch die Rolle, die sportfremde Autoren der Leichtathletik ins Drehbuch schreiben. Nach den 8,24 Metern von Markus Rehm ist die Aufregung groß, die Diskussion erregt und hoch ambitioniert. Was dazu zu sagen bzw. zu schreiben ist, habe ich schon vor Pistorius’ Berühmtwerdung geschrieben, wobei Sportherz und -Hirn zum eindeutigen Ergebnis kamen: Pistorius (heute Rehm) ist ein toller Sportler, betreibt aber eine andere Sportart als beidbeinig gesunde Läufer (oder Springer) und ist mit diesen nicht zu vergleichen, schon gar nicht im gemeinsamen Wettkampf. Die Gründe habe ich in mehreren Kolumnen ausführlich beschrieben, ich will sie in dieser Woche in einer »Nachdruck«-Kolumne zusammenfassen.
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Es gibt allerdings einen neuen Aspekt, der auch der Diskussion auf die Sprünge helfen beziehungsweise sie endlich beenden könnte: Rehms Sprungbein ist das Prothesenbein. Wie weit spränge er mit dem anderen, dem gesunden Bein? Prozentual mit ähnlich geringem Weitenverlust bei Sprungbeinwechsel wie Nicht-Prothesen-Springer? Ganz sicher nicht einmal ansatzweise. Noch ein Detail: Als Rehm ein neues Prothesen-Modell bekam, verbesserte er seine persönliche Bestleistung sehr schnell um 60 Zentimeter. Und jetzt setzt er noch mal einen Viertelmeter drauf. Was soll also die Diskussion, wenn doch eh alles klar ist, klar sein müsste? Doch Medien, Kommerz, Eventisierung und falsch verstandene Behinderten-Korrektbehandlung erlauben nicht, die sinnlose Diskussion im Sinne des Sports zu beenden. Sie wollen der Sache der Inklusion nicht schaden, aber gerade das tun sie. Schade, dass Rehm »nur« 8,24 m weit gesprungen ist – wenn er bei zehn oder elf Metern landet, erkennt jeder die Absurdität der Debatte (die Prothesen-Technik macht schnelle »Fort-Schritte«, gefördert auch vom Pentagon, seit  weit über tausend Soldaten mit fehlenden Gliedmaßen aus dem Irak oder Afghanistan zurückgekehrt sind).
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Anderes Thema: Warum ist Julian Reus neuer deutscher Rekordler, obwohl Armin Hary schon 1958 mit 10,0 Sekunden Weltrekord gelaufen ist? Weil Regeln geändert werden. So gelten auch Uwe Hohns phänomenale 104,80 Meter nicht mehr als Weltrekord, nachdem aus Sicherheitsgründen der Schwerpunkt im Speer verändert worden ist. Im Laufen war es die im Vergleich zur Handstoppung zuverlässigere, weil objektive elektronische Zeitmessung, die Harys 10,00 (und Kaufmanns 44,9, und Lauers 13,2) aus den Rekordlisten gestrichen hat. Aber nicht aus der wertschätzenden Erinnerung.
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Ist Reus nun schneller als Hary oder umgekehrt? Hary lief auf Asche, was den Vorteil der Handstoppung ausgleichen dürfte. Bei jedem Schritt und schon beim Start (durch den nachgebenden Startblock) gingen ein paar Zentimeter verloren. Aber die Diskussion ist ebenfalls müßig, ein echter Vergleich nicht möglich. Markus Rehm ist ein großartiger Sportler, Hary bleibt eine historisch einmalige Figur, Reus ist ein vielversprechender Sprinter, der bisher schnellste Deutsche dieses Jahrtausends.
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Apropos Hary: Als Sportler war er ein bunter Hund, galt als arrogant und war für Funktionäre ein echtes Feindbild (was aber wiederum für ihn sprach). Jahre später bekam er als Immobilienmakler Probleme mit der Justiz, wobei wegen Harys dubioser Verbindungen zur Erzdiözese München sogar bei deren Chef und späteren Papst die Polizei auftauchte (»Razzia bei Ratzinger«). Aber das ist ein anderes Thema.
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Auch der Wind spielt bei Weiten- und Zeitmessung eine entscheidende Rolle. 1,8 m/sec Rückenwind machten aus 10,05 bei gleich stark blasendem Gegenwind eine Allerweltszeit. Als offenes Geheimnis gilt übrigens, dass bei Bob Beamons damals wie heute unfassbaren 8,90 m von Mexiko 1968 den Kampfrichtern Freudentränen in die Augen stiegen, so dass sie nur die gerade noch erlaubten 2,0 m/sec ablesen konnten und nicht den wahren Windwert, der den Jahrhundert-Weltrekord verblasen hätte.
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In diesem Zusammenhang fällt mir wieder ein, wie stolz ich einmal auf meine sportlich korrekte Gag-Überschrift war, »Den 200-m-Läufern kam der Rückenwind entgegen«. Irgendein geographisch und sportlich ferner Kollege glaubte an eine unfreiwillige Stilblüte und belohnte mich mit der Hohn-Auszeichnung »Schlagzeile des Jahres«.
Es blieb bis heute leider der einzige Preis meines Journalistenlebens. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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