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Samstag, 26. Juli, 11.10 Uhr

Kleine Aufräumarbeiten im Stein(es)bruch. Zur allzumenschlichen Art von Wulff, sich als Opfer einer Medien-Hetzjagd zu sehen (das er sekundär auch war, auf fieseste Weise) fische ich im Blog- und Kolumnen-Archiv, um frühzeitige Anmerkungen zu finden. Die erste stammt aus 2010, als Wulff noch unangefochten in Amt und vor allem Würden war (kurz zuvor hatte ich von “Vronisihrnfreund-Freund” geschrieben):

Nun kann ich eine gewaltige Bildungslücke füllen, die im Allgemeinwissen vieler kluger, geschätzter Leser dieser Kolumne klafft. Ich dagegen bin ein ausgewiesener Fachmann jenes Bildungsbereichs, dessen Fachmagazin meine tägliche Pflicht- und Kürlektüre bildet. Also, wer ist dieser Vronisihrnfreund-Freund, von dem am Donnerstag die Rede war? Fangen wir bei Vroni an: Veronica Ferres ist die Freundin von Carsten Maschmeyer, des Finanz-Tausendsassas aus Hannover, der prominente Freunde sammelt wie andere Autogramme, von Schröder bis Wulff. Dieser, eben Vronisihrnfreund-Freund, urlaubte im Sommer bei Kumpel Maschi auf Malle, und all das und noch viel mehr wie das Bundespräsidentengattinnentattoo lernt man aus  täglicher BILDungslektüre.

Zu Beginn der Affäre Anfang 2012 brachte ich sie auf den (meiner Meinung nach) Punkt: “Cherchez la femme”. Später folgte dies:

Man kann dieses kleinbürgerliche Emporkömmlingsdrama sowieso auch positiv sehen: In anderen Zeiten und auf anderen Kontinenten gerät ein Präsident erst in Bedrängnis, wenn er zu viele Milliarden beiseite schafft oder gar rauben und massenmorden lässt. Bei uns wackelt er wegen ein paar Prozenten bei der Eigenheim-Finanzierung. Tu felix Germania.   *   Immerhin dürfte Wulff mit einem geflügelten Wort seine Amtszeit überdauern. Er sprach es, so die »SZ«, während seines Staatsbesuchs in Katar als ersten Satz auf die Mailbox des »Bild«-Chefs: »Ich muss gleich zum Emir.«   *   Noch ein sehr schöner Satz, der bleiben wird, aus dem Internet gefischt: »Auch Wulff gehört zu Deutschland.« Und ich muss gleich zum Emir.

Nach dem Freispruch: Wulff hatte sich lächerlich gemacht und als Bundespräsident untragbar. Sein Rubikon war Bild-Diekmanns Anrufbeantworter. Danach hat er viel durchgemacht. Der Prozess eine Farce. Lächerlicher als die Ermittler und Ankläger hatte sich Wulff nie gemacht. Die Genugtuung ist ihm zu gönnen. Hoffentlich kommt er gut im richtigen Leben an.

Angekommen ist er als selbstgefühltes Opfer, das nun moralapostelisch zurückschlägt, aber nicht erkennt, erkennen will, was ihn wirklich untragbar gemacht hat.

Das sind ganz schöne Brocken im Stein(es)bruch. Ich lasse sie dort liegen, weil ich nicht weiß, wann und wo und aus welchem Anlass ich sie zu einem von vielen Themchen in der Kolumne verdichten könnte. Oder vielleicht irgendwann als Mono-Thema in der “Nach-Lese”.

Die nächste “Nach-Lese” muss schon für nächsten Samstag geschrieben werden. Thema steht: Die Achenbach-Affäre als Aufhänger, angehängt Gedanken und Spott zu Kunst/Wunst und zur gesellschaftlich nützlichen Umverteilung der Werte durch Fälscher oder, wie im aktuellen Fall, durch Vermittler. Dann muss auch schon die nächste außersportliche Kolumne folgen, “Mein progressiver Alt-Tag” für das Seniorenjournal. Ob ich den Bindestrich übernehmen soll? Bisher schrieb ich “Alttag”, das fand ich eleganter als “Alt-Tag”, der den Gag mit dem Holzhammer ins Lesehirn haute, aber der “Alttag” wurde zu oft als völlig gagfreier “Alltag” überlesen. Mal sehen. Thema jedenfalls: Die besonders progressive Unsichtbarwerdung im Alttag.

Für die Sport-Kolumnen müsste ich eigentlich den Prothesen-Springer Rehm thematisieren. Widerstrebt mir aber, denn alles, was dazu zu sagen bzw. zu schreiben ist (jedenfalls von mir), habe ich schon vor Pistorius’ Berühmtwerdung geschrieben, und danach noch mehrfach. Ein Unterschied fällt mir während des Tippens im Blog beim Schürfen an diesem Block im Bruch nun doch ein: Sein Sprungbein ist das Prothesenbein. Wie weit springt er mit dem anderen, dem gesunden Bein als Sprungbein? Prozentual mit ähnlich geringem Weitenverlust bei Sprungbeinwechsel wie Nicht-Prothesen-Springer? Weit genug für einen DM-Wettkampf? Gibt es überhaupt Ein-Prothesen-Springer, die mit dem gesunden Sprungbein abspringen? Ich vermute stark, dass die Sache klar wäre, wenn man mehr in diese Richtung denken würde. Dann käme man wohl zu meinem alten Fazit: Pistorius (heute Rehm) ist ein toller Sportler, betreibt aber eine andere und nicht zu vergleichende Sportart als beidbeinig gesunde Läufer (oder Springer). Noch ein Detail: Als Rehm ein neues Prothesen-Modell bekam, verbesserte er seine persönliche Bestleistung sofort um 60 Zentimeter.

Ob ich das alles in die “Montagsthemen” bringen kann und will? Glaube nicht. Habe also wahrscheinlich vergeblich im Stein(es)bruch gearbeitet.

 

 

 

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