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Sport-Stammtisch (vom 26. Juli)

»Wie wäre das WM-Finale wohl ausgegangen, wenn Gonzalo Higuain in der 22. Minute für Argentinien getroffen hätte? Oder eine andere Chance genutzt worden wäre?« – Damit relativiere ich nicht zum wiederholten Mal den neuen deutschen Fußball-Absolutheitsanspruch, sondern ich zitiere. Philipp Lahm. In einem Beitrag für die »Zeit«. Er weiß also, dass »Sieg und Niederlage so verdammt dicht beieinander liegen« und ist immun gegen die mediale Überhöhung, die Deutschland zum neuen und sogar noch viel besseren Spanien des Weltfußballs ausruft.
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Der kleine Streber von der ersten Bank. So habe ich ihn während und auch noch nach der Ballack-Vertreibung verhöhnt. Als ehemaliger Schul-Hinterbänkler weiß ich aber auch, dass Spott auf Streber oft sublimierter Neid auf deren Leistungen und Noten ist. Philipp Lahm zeigt, mit seinen WM-Analysen und auch mit seinem Rücktritt, dass kleine Streber Großes leisten und dabei Größe beweisen können. Als ewig kleiner Hinterbänkler sollte man wenigsten die Größe besitzen, dies anzuerkennen. Voila.
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Politik, Wirtschaft, Kultur, Reisen – es gab kein Ressort in den großen deutschen Zeitungen, das während der WM nicht ausufernd über Fußball dilettiert hätte. Oft peinlich daneben, aus tiefer Unkenntnis, gepaart mit entschiedener Besserwisserei. Eine typische und brisante Mischung, vor allem in Sachen »Gauchogate«. Dieses konnte nur skandalisieren, wer noch nie in einer Fan-Kurve stand.
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Ein seltenes, ein leuchtendes Gegenbeispiel habe ich im »SZ«-Wirtschaftsteil gefunden, ein Interview mit dem Management-Forscher Wolfgang Jenewein, der erklärt, was Führungskräfte von der WM lernen können. Zum Beispiel Teamorientierung, einer der Pluspunkte im DFB-Team. In Unternehmen dagegen »erlebt man gerade unter Druck Bereichsegoismen und Silodenken, aber wenig kollektives, integratives Verhalten. Das ist wie früher im Fußball. Die Verteidiger standen hinten und sagten: Jetzt schauen wir, ob die Deppen vorne endlich mal ein Tor schießen. Die Stürmer standen vorne und sagten: Die Idioten hinten haben wieder nicht dicht gehalten, wie viele Tore muss ich noch schießen?« – Herrlicher Vergleich. Kennen wir alle, mit und ohne Fußball.
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Schön auch die Unterscheidung von Trainern  und Managern in Expeditionsleiter und Puppenspieler: »Ein Beispiel für einen Puppenspieler ist Felix Magath, der seine Leute autoritär so einsetzt, wie er es für nötig hält, ohne ihnen zu erklären, warum. Er führt nach dem Prinzip kommandieren und kontrollieren.  Expeditionsleiter wie Klopp nehmen ihre Leute dagegen mit und versuchen, sie im Interesse des gemeinsamen Traums zu entwickeln.«
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Kleiner Haken: Auf unterschiedlichen Ebenen wird Unterschiedliches geträumt. Schon Matthias Beltz, unser Hesse im Himmel, musste nach seinem Arbeits- und Agitationseinsatz bei Opel resignativ erkennen, dass der Arbeiter am Fließband nicht von der Weltrevolution, sondern vom Feierabend träumt.
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Um vor der Glotze weiter zu träumen. Aber dann gehört er immerhin zur aktiven Masse, jedenfalls für die Quotenermittler, die einen phänomenalen außersportlichen deutschen Rekord registrierten: 31,79 Millionen Zuschauer »sahen« während des Brasilien-Spiels auch das ZDF-Halbzeitjournal. Solche Statistiken können kein Wässerchen trüben, auch wenn nur Wasser gelassen wurde. Die Halbzeit-Statistik der Wasserwerke ist jedenfalls mit den Tele-Quoten unter keinen statistischen Hut zu bringen.
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Apropos Quoten: Ex-RTL-Chef Thoma erfand mit »14 – 49« einst die »wichtigste Zielgruppe«. Der heutige RTL-Programmchef Hoffmann gibt (im »Spiegel«) die neue Losung aus: »Relevant sind für uns die 14- bis 59-Jährigen.« Beim nächsten RTL-Chef gehöre ich dann zur umworbenen Kerngruppe.
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Und sonst? Nicklas Bendtner hat es sich mit der Eintracht und ihrem medialen Umfeld aber so was von verscherzt! Den wollen sie nicht mehr haben. Pfui! Lässt sich nackig im Liegestuhl fotografieren, sein Dingsda nur mit einem BH bedeckt. In anderen Meldungen wird aus dem BH ein Suspensorium, ich kann es auf dem Foto nicht identifizieren, aber egal, von der Größe des Lendenschurzes her wäre die dänische Skandal-Nudel jedenfalls der so sehnlich erwünschte großkalibrige Stürmer. Seit wann ist die alte Diva eine Etepetete-Tante?
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Traurigste Meldung der Woche. James Garner ist tot. Den »Rockford« meiner liebsten Krimiserie schaue ich mir noch heute ab und zu auf dem Heimtrainer an. Schon der Beginn, wenn das Telefon läutet! Diesen Klingelton müsste mir mal jemand auf Handy und Festnetz laden. Erfreulich dagegen: Costa Cordalis ist geliftet … nein, Quatsch, wie heißt das Schiff? … Costa Concordia ist geliftet, aufgerichtet und auf dem Weg nach Genua. Was das mit Sport zu tun hat? Das Liften basierte auf dem Entenhausen-Patent von Carl Barks. Der Übervater aller Entenhausener Ducks hatte Donalds Neffen Tick, Trick und Track in einem frühen Comic ein Schiff heben lassen, indem sie … Tischtennisbälle in das Wrack pumpten!
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Was auf die Costa Concordia in Genua wartet, ist für Costa Cordalis und mich noch lange kein Thema: das Abwracken. Zumindest wollen wir vorher noch in die nächste hippe RTL-Kerngruppe. Ob sie für uns dann auch die Halbzeitpause verlängern? (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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