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Montagsthemen (vom 21. Juli)

Und? Wie verkraften Sie den Entzug? Seit einer Woche kein WM-Spiel mehr, die Feiern sind abgefeiert, das Schwarz-Rot-Gold auf den Straßen und an den Häusern beginnt zu verblassen, das künstlich aufgeblasene Echo auf »Gauchogate« ist verhallt, unsere Weltmeister urlauben unter fernen Sonnen, wir Weltmeister folgen ihnen nach – aber vor dem üblichen saisonalen haben wir den unvergleichlichen, einmaligen Höhepunkt des Jahres schon hinter uns. Post coitum omne animal triste.
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Sport hilft. Tour de France, Formel 1, die Leichtathleten kurz vor ihren Europameisterschaften – echte Sportfreunde können sich daran hochziehen. Wir also auch. Aber zuvor nutzen wir die Gelegenheit, die WM auf Emotions-Normalpegel noch einmal nachzuempfinden, nicht ernüchtert, aber nüchtern. Dazu gehört auch eine Folgeerscheinung: Philipp Lahms Überraschungscoup. Ob es einen Rücktritt vom Rücktritt geben wird, vor der EM oder spätestens vor der nächsten WM (dann könnte er mit 34 noch in vollem Abwehrspieler-Saft stehen), wird sich weisen. Vermutung: Er wird comebacken. Mal sehen, ob ich dann noch in vollem Kolumnisten-Saft stehe und mich an meine Vermutung erinnere. Knoten ins Taschentuch? Wird nicht helfen, wenn ich mich 2018 frage: Warum ist ein Knoten im Taschentuch?
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Wie das Sein das Bewusstsein bestimmt oder: Die normative Macht des Faktischen: Man stelle sich bloß vor, Kroos’ Kopfball-Rückgabe hätte zum eigentlich unvermeidlichen 0:1 geführt, Neuers Kamikaze-Aktion wäre mit Elfmeter bestraft worden (was nicht zwingend, aber möglich war), Deutschland hätte das Finale 0:2 verloren, ansonsten aber alles ganz genauso gemacht … wie wären wir, Sie, ich und die Medien, damit umgegangen? An der sportlichen Bewertung hätte sich objektiv nichts ändern dürfen – aber wie sehr hätte das alles verändert! Dann wäre auch das 7:1 gegen Brasilien relativiert worden: Brasilien zehn Minuten lang sogar etwas besser, erleidet aber, hochgepusht und emotional durchgedreht, einen Nervenzusammenbruch, was sogar mit einem 10:0 oder noch höher hätte enden können, jedenfalls außerhalb jeglicher Bewertungsmaßstäbe. Geblieben wäre ein durch glückliche Umstände begünstigter glatter Sieg über Portugal, viel Mühsames gegen Ghana, Frankreich, USA und vor allem Algerien – die Nation würde nicht glücksdelirieren, sondern motzen, motzen, motzen. Und das alles, muss ich noch einmal betonen, bei exakt identischer Leistung.
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Das ist keine Motzerei von mir, denn zur realistischen Schau gehört auch, dass, wenn man im Fußball überhaupt von »verdient« sprechen kann, kein anderer als Deutschland als die klar beste Mannschaft des Turniers den Titel verdient hat. Dazu kommt noch eine allerdings sehr subjektive Einschätzung: Als nach Gündogan mit Reus kurzfristig mein zweiter fußballerischer Lieblingsspieler ausfiel (von beiden nahm ich an, dass sie den entscheidenden Unterschied ausmachen würden), hielt ich es für unwahrscheinlich, dass Deutschland ins Finale kommen und es sogar gewinnen könnte. Um so beeindruckender, dass es gelang. Durch ein Tor von Götze, das die »neuen deutschen Fähigkeiten« symbolisiert (aber mehr noch als das Tor hat mir bei Götze gefallen, dass er nach dem Finale das Trikot von Reus präsentiert hat).
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Apropos: Mit der Achse Hummels/Gündogan/Reus, mit einem endlich durch die Decke gehenden Henrich Mchitarjan, mit dem hoffentlich nicht immobilen Immobile (mein erster und letzter Namenskalauer mit dem Italiener, ich verspreche es) und all den anderen wird Borussia Dortmund weniger WM-geschädigt und ein würdiger Gegner für den FC Bayern-fast-alleine-Weltmeister sein.
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Alleine war der FC Bayern auch, sagt Boss Rummenigge, bei der Bitte, die Saison eine Woche später zu beginnen. Die anderen Klubs verweigerten sich und gaben sogar den Grund zu: Wann, wenn nicht jetzt und durch die WM-Folgen, soll man dem FCB erfolgreich Widerstand leisten? Rummenigges Ärger könnte man verstehen, wenn der Klub nicht freiwillig auf eine Woche wichtiger Aufbauarbeit verzichten würde: Anfang August auf USA-Tournee, stressig und saisonschädlich, sportlich absolut kontraproduktiv, aber für die Marktpositionierung des Global Players offenbar unverzichtbar. Aber so lebt man nun mal auf Real-Barca-Hochebene.
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Und die Eintracht? Links und rechts vom Main unkt es schon derart katastrophal, dass der Abstieg fast unvermeidlich scheint und wir daher nur noch positiv überrascht werden können. Aber Testspiele sind Schall und Rauch. Momentan werden die Weichen nur im Training und hinter den Kulissen gestellt, nicht bei den Spielen, die nur dem Trainer kleine Fingerzeige geben. Doch bis Ende August haben am Main noch die Apokalyptiker das Reden und Schreiben. Nicht an Lahn und Nidda.
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Allerallerletztes Wort zum »Gauchogate«: Jetzt juxt auch die »FAS«: »Als Geste des guten Willens wird erwogen, in allen DFB-Auswahlmannschaften künftig ohne Rechtsaußen zu spielen.« Aber wieder einmal beweist die Realität, dass sie jegliche satirische Phantasie übertrifft: Vor einigen Jahren spielte die gesamte Bundesliga bereits in einer demonstrativen Anti-Rassismus-Aktion fünf Minuten lang ohne Rechtsaußen. Wirklich wahr. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« Mail: gw@anstoss-gw.de) (Nachsatz kursiv)

Baumhausbeichte - Novelle