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Freitag, 18. Juli, 11.55 Uhr

High Noon. “Sport-Stammtisch” geschrieben und online gestellt, Nachrichten angeklickt – Lahm tritt aus der Nationalmannschaft zurück. Macht nichts. Nein, nicht der Rücktritt, der macht was, denn nun gibt es nicht nur eine, sondern zwei Außenprobleme. Es macht nichts für die Kolumne, denn die ist zum Glück und seit Beginn, also eckig gerechnet seit 94 Jahren, kein Leitartikel, kein seriöser, aktueller Kommentar, sondern eine Glosse, die manchmal, aber längst nicht immer auf die Tagesaktualitäten eingeht. Ob es ein Rücktritt vom Rücktritt geben wird, zum Beispiel vor der EM oder spätestens vor der nächsten WM (dann könnte er mit 34 noch in vollem Abwehrspieler-Saft stehen), wird sich weisen. Mein Tipp: Er wird comebacken. Mal sehen, ob ich bis dann noch in vollem Kolumnisten-Saft stehe und mich an meine Vermutung erinnere. Knoten ins Taschentuch wird nicht helfen, wenn ich mich 2018 frage: Warum ist ein Knoten im Taschentuch?

Die Kolumne für morgen ist wieder ausgeufert, da konnte ich, auch um die wichtigere Lesermail-Pflicht zu erfüllen, ein paar Lieblingsthemchen nicht bekakeln. Ins Unreine notiert: Wie das Sein das Bewusstsein bestimmt / normative Macht des Faktischen / Man stelle sich bloß vor, Kroos’ Kopfball-Rückgabe hätte zum eigentlich unvermeidlichen 0:1 geführt, Neuers Kamikaze-Aktion wäre mit Rot oder mindestens Elfmeter bestraft worden (was nicht zwingend, aber möglich war), Deutschland hätte das Finale 0:2 verloren, ansonsten aber alles ganz genauso gemacht … wie wären wir, Sie, ich und die Medien, damit umgegangen? An der sportlichen Bewertung hätte sich objektiv nichts ändern dürfen – aber wie sehr hätte das alles verändert! Dann wäre auch das 7:1 gegen Brasilien relativiert worden: Brasilien zehn Minuten lang sogar etwas besser, erleidet dann Nervenzusammenbruch, was sogar mit einem 10:0 oder noch höher hätte enden können, jedenfalls außerhalb jeglicher Bewertungsmaßstäbe. Geblieben wäre ein durch glückliche Umstände begünstigter glatter Sieg über Portugal, viel Mühsames gegen Ghana, Frankreich, USA und vor allem Algerien – die Nation würde nicht glücksdelirieren, sondern motzen, motzen, motzen (bis zum Löw-Rücktritt – oder kommt der Lahm-artig jetzt auch noch?). Und das alles, muss ich noch einmal betonen, bei exakt identischer Leistung.

Das ist jetzt von mir keine Motzerei, denn zur realistischen Schau gehört auch, dass, wenn man im Fußball überhaupt von “verdient” sprechen kann, kein anderer als Deutschland den Titel verdient hatte. Dazu kommt noch eine allerdings sehr subjektive Einschätzung: Als nach dem langzeitverletzten Gündogan mit Reus mein zweiter  fußballerischer Lieblingsspieler ausfiel (von beiden nahm ich an, dass sie den entscheidenden Unterschied ausmachen würden), hielt ich es für sehr unwahrscheinlich, dass Deutschland ins Finale kommen und es gewinnen könnte. Um so beeindruckender, dass es gelang. Durch ein Tor von Götze, dass die “neuen deutschen Fähigkeiten” symbolisiert, aber mehr noch als dieses hat mir bei Götze gefallen, dass er nach dem Finale das Trikot von Reus präsentiert hat.

Apropos: Mit der Achse Hummels/Gündogan/Reus und den anderen Klassespielern wie Henrik Den-ich-jetzt-aus-dem-Stegreif-nicht-unfallfrei-schreiben-kann, dem hoffentlich nicht immobilen Immobile (mein erster und letzter Namenskalauer mit dem Italiener, ich verspreche es) und all den anderen wird Borussia Dortmund Deutscher Meister und Champions-League-Sieger, zumal sie weniger WM-geschädigt sein werden als der FC Bayern-fast-alleine-Weltmeister.

Das war, siehe oben, ins Unreine notiert. Oder sollte es in den Stein(es)bruch, um es in die Kolumne zu schürfen … au wei, welch schiefes Bild, darf nur in der Blog-Suada stehenbleiben. Aber bevor ich noch mehr Stilblüten pflücke, war’s das für heute. Bis Sonntagfrüh!

 

Baumhausbeichte - Novelle