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Sport-Stammtisch (vom 19. Juli)

Aufgeplusterte Empörung und tags darauf ätzender Hohn über aufgeplusterte Empörung, ohne zu erwähnen, dass man selbst der aufgeplustert Empörte war – Meisterleistung der Scheinheiligkeit. Bei der abrupten Medien-Kehrtwendung, um in Sachen »Gauchogate« der eigenen Lächerlichkeit zu entkommen, ging die FAZ vorneweg, die über ein »gigantisches Eigentor« der deutschen Weltmeister schimpfte, um am nächsten Tag alle, die über ein gigantisches Eigentor schimpften, als »schlecht gelaunte Gouvernanten« zu bezeichnen. Liebe alte Tante FAZ, um dein Kurzzeitgedächtnis aufzufrischen: Du warst eine der am schlechtesten gelaunten Gouvernanten.
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Dreist. Oder mit einem schönen alten deutschen Wort: unverfroren. Passt auch zur aktuellen meteorologischen Lage, denn es kommt von »verfrieren«, und unverfroren sind wir heute wirklich alle. Eher haben FAZ & Co. einen Hitzeschaden davongetragen (unter uns, liebe FAZler: Ich kann gut nachempfinden, wie wütend ihr wart, als ihr das Spontanstück eures Kollegen lesen musstet; ich wäre gerne Mäuschen bei der Redaktionskonferenz gewesen).
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»Davongetragen«? Solch eine Floskel in dieser Kolumne? Weil sie passt: Denn wohin haben sie ihn getragen? Weit von sich weg. – Kleiner Scherz. Ungefähr genauso witzig wie das alberne Liedchen, das zum festen Repertoire der Fans gehört, also zum ganz normalen Fußballwahnsinn, den man mögen oder ablehnen kann, der aber nichts mit dem zu tun hat, was man ihm scheinheiligkeitsbetroffen unterschieben wollte.
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»Strahlend wie ein Honigkuchen- bzw. Gummipferd« hat daher Arno Baumgärtel (Gießen) die Kolumne vom Donnerstag gelesen, in der ich den »Skandal« an das »Ministry of Silly Walks« der Monty Pythons verwies und empfahl, das Problem so zu behandeln wie Gaucho Julio im »Sternchen«-Comic sein aufblasbares Gummipferd Jimmy: Pfffffffft …. und schon ist die Luft raus.
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Burkhard Schwinde (Bad Nauheim) hat »noch NIE eine Email an Ihre Kolumne geschrieben. Aber heute tu ich’s!! Ich stimme nämlich sowas von überein mit Ihrer augenzwinkernden Einstellung zum Gaucho-Auftritt der Weltmeister, dass ich mein Prinzip breche.« – Dr. Sylvia Börgens (Wölfersheim): »Die Reaktionen erinnern mich an ein Spiegelkabinett: Ein an sich marginales Ereignis wird immer wieder reflektiert, kommentiert, die Kommentare wiederum kommentiert … es ist eine sich selbst perpetuierende Aufgeregtheitsmaschine.«
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So isses. Also Schluss damit. Paul-Ulrich Lenz aus Schotten, Pfarrer im Ruhestand, »vor Ur-Zeiten D-Jugend-Trainer« und seit Urzeiten Leser dieser Kolumne, spricht eine echte Problematik an: »Aus diesem Sieg, nach einem zugegeben richtig guten Spiel, wird jetzt ein Ereignis, für das die religiösen Worte wieder und wieder herhalten müssen. ›Ein Sieg für die Ewigkeit‹ höre und lese ich. ›Unsterblich‹ seien sie geworden. Unsterblich? Für die Ewigkeit? Unsterblich gehört nicht (mehr) zu meinem Sprachgebrauch. Seit ich mich mit 16 unsterblich verliebt hatte. Und drei Wochen später war es vorbei mit der Liebe, der unsterblichen.« – Die Gedanken, die Paul-Ulrich Lenz daran knüpft, würden den Rahmen dieser Kolumne sprengen. Sie sind in der Online-»Mailbox« nachzulesen. Sehr zu empfehlen.
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Gilt auch für den ausführlichen Tour-de-France-Bericht von Achim Meisinger aus Ockstadt vom Hartmannsweilerkopf. Im Dezember 2013 erwähnte ich, dass hier im Ersten Weltkrieg 30 000 deutsche und französische Soldaten starben und dass die Tour 2014 über den Todesberg führen sollte. Daraufhin informierte mich Achim Meisinger über das, was er in einem alten Buch gelesen hatte: »An den Weihnachtstagen 1914 ging der Hartmannsweilerkopf endgültig in die militärgeschichtlichen Annalen ein, als … man höre und staune … eine Radfahrer-Patrouille des 123. Landwehrregimentes den geheimnisvollen Berg zu Erkundungszwecken erstürmte und überquerte.« – Das Titelbild des Buches stand seitdem bei mir auf dem Bildschirm-Desktop und sollte mich an die Hartmannsweilerkopf-Etappe erinnern, aber im WM-Wahn ging alles andere unter. Unentschuldbar. Wäre zu schön gewesen, das Bild und ein paar Textreminiszenzen am Etappen-Tag ins Blatt zu bringen. Verschlampt. Schade.
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Achim Meisinger ließ sich’s nicht verdrießen. Er fuhr dieser Tage zum Hartmannsweilerkopf, seine Erlebnisse und Gedanken sollten Sie unbedingt in der »Mailbox« nachlesen.
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Auch ich soll es mir »nicht verdrießen lassen«, schreibt Barbara Tomsch aus Reichelsheim. Es geht um eine harsche Leser-Kritik (Stichwort: »Stuss«). Reinhold Schmidt bittet nun, weiterhin meinen »Stuss« zu schreiben, »solange ich ihn morgens immer als erstes lese, kann es definitiv nicht verkehrt sein«. Barbara Tomsch rät sogar: »Menschen, die einem übel wollen, soll man nach dem Rat meines Vaters einfach zu Tode lächeln«. Aber ich bin doch Pazifist! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle