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Paul-Ulrich Lenz: Unsterblich

Nach langem Zögern melde ich mich jetzt doch auch zu Wort. Angeregt durch eine Mail, die 5. Juli bei Ihnen veröffentflich wurde.

 

„Dass sich ein Spieler kurz bekreuzigt oder seine Arme zum Himmel reckt, wenn oder bevor er den Platz betritt, mag ja noch angehen. Dass aber fast jede gelungene Szene mit einem Dankesgebet zum Himmel zelebriert wird, oder dass jede Halbzeit mit einem Mannschaftsgebet begonnen und beendet wird, halte ich für ein Unding. Müssen wir demnächst mit einem Mannschaftsgeistlichen
rechnen, der vor dem Elfer den Ball mit Weihwasser besprengt? Muss das Spiel zu einer Gebetspause unterbrochen werden, wenn die Sonne untergeht?“ (Werner Haaser/Gießen) Es geht dann noch ein bisschen weiter.

 

Als Erstes: ich habe keinerlei Mannschaftsgebete wahrgenommen – weder bei Brasilien noch dem Iran noch Algerien, auch bei den USA oder Rußland nicht. Ich könnte wohl alle aufzählen. Was freilich inzwischen dazu gehört, was ich auch in der Kreisoberliga sehe, ist der Kreis. Vor dem Anstoß. Vor Wiederanpfiff. Das hat wohl etwas mit Motivation, Konzentration und Fokussierung zu tun. Mit sich Einschwören auf das Spiel.

 

Aber unabhängig davon: In anderen Ländern geht man anders mit der Religion und auch mit der Emotion um. Öffentlich beten geht in Deutschland nur im Gottesdienst. Anderswo geht es auch öffentlich. In den USA bei der Einführung des Präsidenten. In den arabischen Ländern, auch in Israel oft mitten im Straßenverkehr. Und niemand stört sich daran. Vielleicht, weil Religion normal ist und nicht zur Intimität erklärt, auch nicht zur Verpflichtung, mitzubeten. Dann würde es ja anstrengend.

 

Was mich aber wundert, ist noch einmal anders.  Aus diesem Sieg, nach einem zugegeben richtig guten Spiel, wird jetzt ein Ereignis, für das die religiösen Worte wieder und wieder herhalten müssen. „Ein Sieg für die Ewigkeit“ höre und lese ich. „Unsterblich“ seien sie geworden. Und natürlich: „Es ist vollbracht!“ entrang sich einer Reporter-Seele. Das führt bei mir zu der Überzeugung: Es gibt unter den Sportjournalisten fast nur hoch-religiöse Leute. Da wird „erlöst“, „vollbracht“, „vollendet“, „vergeben“, was das Zeug hält. Ach ja, Flügel werden auch verliehen. Schutzengel gibt es – bei Ecken. Und manchmal hilft nur noch Beten.

 

Ich neige dazu, diesen Sieg ein wenig tiefer zu hängen. Die argentinische Mannschaft hätte auch gewinnen können. Und niemand hätte sich beschweren dürfen. Die deutsche Elf hat gewonnen. Es war ein mitreißendes Spiel von beiden Seiten. Spannend. Dramatisch. Hochklassig. Bei der WM wohl das beste Spiel.  Aber unsterblich? Für die Ewigkeit?

 

Unsterblich gehört nicht (mehr) zu meinem Sprachgebrauch. Seit ich mich mit 16 unsterblich verliebt hatte. Und drei Wochen später war es vorbei mit der Liebe, der unsterblichen. Unsterblich ist eine griechische Kategorie, die es nicht bis ins Christentum geschafft hat. Wir Christen glauben an das ewigen Leben – sagen wir wenigstens sonntags. Aber das leitet sich nicht aus der Unsterblichkeit ab, sondern aus der Hoffnung auf den Gott, der aus den Toten ruft.

 

Und Ewigkeit ist eine Kategorie, die man/frau sich überhaupt nicht erwerben kann. Sie ist wieder gebunden an Gott, der sie öffnet, der ewiges Leben schenkt. Verdienen kann man es sich nicht.

 

Ein Letztes: Ich hätte die Christus-Statue über Rio nach dem Spiel eher in blau-weiß eingefärbt. Weil der Gott, an den ich glaube, Jesus Christus, ein Faible für die hat, die verloren haben, verloren sind, zerbrochen an den Aufgaben, an den Träumen. Gescheitert.

 

Im Übrigen freue ich mich, still und vergnügt, dass die Jungs um Lahm und Schweinsteiger, Hummels und Höwedes, Neuer und Klose es gepackt haben.  Ich habe es genossen, sie spielen zu sehen. Kämpfen. Aber eben auch Spielen. Es ist ja nur ein Spiel.

 

Paul-Ulrich Lenz, Pfr. i. R.

Vor Ur-Zeiten: D-Jugend-Trainer

Baumhausbeichte - Novelle