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“Ist das ein Traumtaxi?” (“Ohne weitere Worte” vom 15. Juli)

Über das Presse-Echo auf den deutschen WM-Sieg berichten wir an anderer Stelle. In »Ohne weitere Worte« sammeln wir  wie gewohnt Kluges, Originelles, Peinliches, Schräges, Dümmliches, Erhellendes oder sonstwie Interessantes. Auf das erste Final-Zitat wollen wir aber nicht verzichten, es kennzeichnet den Triumph des Mannschaftlichen. Der Rest ist, fast ausschließlich und immer noch, Staunen über das  unglaubliche  7:1 gegen Brasilien.
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Es gibt noch Menschen, die die Elf von Bern 1954 im Schlaf herunter rattern können. Ob das bei den Helden von Rio auch so sein wird? Neuer, Lahm, Boateng, Hummels, Höwedes, Schweinsteiger, Kramer, Kroos, Müller, Özil, Klose, plus Schürrle, Götze, Mertesacker. Wenn es nach dem Bundestrainer und diesen 14 Fußballern geht, dann müssen die Deutschen außerdem Großkreutz, Ginter, Podolski, Draxler, Durm, Mustafi, Weidenfeller, Zieler parat haben. Zudem Reus, Bender, Bender und Gündogan. Sowie Zeugwart Mai, Busfahrer Hochfellner und alle die anderen, die mit diesem Projekt zu tun gehabt haben. (Süddeutsche Zeitung)
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Mehmet Scholl: Das Glück, dass einer im Fernsehen genau das sagt, was man selber denkt. Das Offensichtliche. Und das Staunen darüber, dass das ein Alleinstellungsmerkmal ist. (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)
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Oliver Welke: Die große Kunst, die WM mit einem Gesprächspartner zu verbringen, den man verachtet, dies aber in jedem Satz nur mit reinster Mini-Ironie anzudeuten. So, dass es die Zuschauer zu Hause alle merken. Nur der hirn- und humorfreie Gesprächspartner nicht. (FAS)
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Ja, Finale – aber haben wir das Spiel unseres Lebens nicht schon gesehen? Vergangenen Dienstag? Wo warst du, als das erste Tor fiel, das zweite, dritte, vierte, fünfte …? So werden dereinst die Fragen lauten. Von diesem 8. Juli 2014 werden unsere Kinder noch ihren Enkeln erzählen. (Schriftsteller David Wagner in »Literarische Welt«)
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Die Brasilianer (…) spielten nicht, als seien sie von Gott inspiriert und beseelt. Sie spielten wie von Gott verlassen. (…) In diesem 1:7 lässt Gott sich nur noch lutheranisch als Deus absconditus denken, als verborgener Gott, dessen Pläne unerforschlich und mit rationalen Kategorien nicht zu fassen sind. (taz)
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Sieben Tore gegen Brasilien – jeder normale Mensch, der kein Rad ab hat, hätte das für ungefähr so unmöglich gehalten wie den Versuch, eine Dose Bier zu überreden, sich selbst zu öffnen. (Welt)
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Es steht dringend zu vermuten, dass es noch nie zuvor in einem Fußballspiel jemals zu einem derartig frühen Zeitpunkt auch nur annähernd so viele wegen eines Rückstandes erbärmlich schluchzende Menschen in einem Stadion gegeben hat wie in dieser unvergesslichen Nacht von Belo Horizonte. (Frankfurter Rundschau)
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Man hätte nichts dagegen, wenn die deutsche Nationalmannschaft den Italienern sieben Tore mitgeben würde, gern auch den Österreichern, immer den Holländern. Aber bei den Brasilianern fühlt es sich fast anmaßend an. (…) Brasilianischer Fußball war immer das Vorbild und das unerreichbare Ideal, wie britischer Humor. Und jetzt gewinnen sie in Brasilien 7:1. Ein unheimliches Ergebnis. (Süddeutsche Zeitung)
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Scolari muss sich vorgekommen sein (…) wie sein schottischer Trainerkollege Bert Paton, der nach einem 0:7 seiner Mannschaft aus Dunfermline in der Pressekonferenz einst sagte: »Irgendwelche Fragen, bevor ich gehe und mich aufhänge?« (Welt)
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Argentinien gegen die Niederlande, das war nach dem deutschen 7:1-Rausch gegen Brasilien so, als hätte man am Morgen nach einer krachenden Party einen Termin beim Internisten – zwei Stunden lang Abtasten. (FAZ)
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Ich (…) halte ein Taxi an und habe das Glück der Welt: der Fahrer hat Fernsehen auf seinem Display. (…) Der Fahrer fährt und schaut, wir schauen beide und können nicht glauben, was nun passiert. Noch ein Tor. Und noch eines. Oder war das die Wiederholung? Was ist denn da los? Ist das ein Traumtaxi? Rollen wir wirklich über die Seestraße oder durch ein Paralleluniversum? (Wagner/LW) (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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