Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Montagsthema: Nach der WM ist vor … (vom 14. Juli 2014)

… ja, vor was? Nach Wochen des emotionalen Ausnahmezustands droht dem Fußball-Fan ein tiefes, gähnendes Loch. »Vielleicht hupen wir noch ein paar Tage unmotiviert vor uns hin, aber dann fallen wir« hinein, unkt der große Juxer Hans Zippert in seiner »Welt«-Kolumne. Doch der ebenso große Fußball-Philosoph Dirk Schümer (»Gott ist rund«) tröstet uns in der »FAZ«: »Bei einer WM streben alle mit Willenskraft und möglichst ohne Verlängerung ins Finale, aber nur die wenigsten erreichen es. Im Leben zögert man das Finale möglichst lange hinaus, aber alle erreichen es doch.«
*
Aus dem Loch heraus gähnt es also nicht, sondern es muntert auf: »Es gibt ein Leben nach dem Abpfiff« (Schümer). Ja, zum Glück ist Fußball nicht unser Leben und das Finale nicht dessen Ende. Aber was bleibt? Zum Beispiel das Freistoßspray. Die Duden-Redaktion erwägt, das Wort in den von ihr gehüteten  Sprachschatz der Nation aufzunehmen (wie auch jenes Kurzwort für Deutschland, das ich einfach nicht hinbekomme – bei jedem Schreibversuch überfällt mich Schüttellähmung).
*
Freistoßspray gelingt dagegen problemlos. Ist ja auch die beste Erfindung der Fußball-WM. Lediglich mit dem Schnellsprechen hapert es. Denn »Freistoßspray« ist nicht nur ein Wort für den Duden, sondern eignet sich auch als Zungenbrecher à la »Blaukraut bleibt Blaukraut und Brautkleid bleibt Brautkleid« (nicht gelogen: Habe den Satz soeben korrigiert, in der ersten Version stand: Brutkleid bleibt Braukleid; sind aber hübsche Synonyme für Umstands- und Berufsbrauer-Mode, oder?). Versuchen Sie’s mal: Dreimal schnell hintereinander das alte »Blaukraut-Brautkleid«, und zwischen jedem Satz im Stakkato das neue »Freistoßspray-Freistoßspray-Freistroßspay«.
*
Zu albern. Entschuldigung. Ganz im Ernst weiter: Was bleibt noch? Casting, Casting, Casting. Immer verbunden mit chronischer Rankeritis. Eine Seuche. Wie auch das Twittern, zumindest das in der Einwort-Unsinnversion von »Wow!!« bis »Geil!!« (lesen Sie dazu auch, was Gerhard Merz, ein alter »Anstoß«-Leser aus Gießen – aber öffentlich in anderer Funktion doch etwas bekannter – in unserer Online-»Mailbox« schreibt, was mir auch den Anstoß für den sonntäglichen Blogeintrag lieferte).
*
Dazu passt der Skandal um »Deutschlands Beste«, die das ZDF in ADAC-Manier nach eigenem Gusto frisiert und frech manipuliert hat. Was mich nicht weiter wundert, genauso wenig wie die US-Spioniererei. Hat wirklich irgend jemand geglaubt, dass Casting-Rankings nicht manipuliert werden und in der Schlapphut-Szene nicht jeder jeden ausspioniert? Mich wundert nur, dass es rauskommt. Daher stimme ich unserem Finanzminister zu: So viel Dummheit ist einfach nur zum Weinen.
*
Was das mit Fußball zu tun hat? »Kaiser« Franz Beckenbauer wurde vom ZDF aus hinteren Plätzen auf Platz neun vorgeschoben. Was allerdings dennoch Majestätsbeleidigung gleicht: nur Platz neun!? Nun, die FIFA hat ihn sogar ganz rausnominiert. Beckenbauer saß also gestern nicht im Stadion, sondern als beleidigte Leberwurst zu Hause vor dem Fernseher, wie er »Bild« verriet komplett in Schwarz-Rot-Gold, mit Deutschland-Hut als Kaiser-Krone auf dem Kopf. Ein Bild für die Götter. Aber beleidigte Leberwurst hin oder her, dass er diesen FIFA-Typen nicht nach Brasilien nachkriecht, dafür rückt er in meinem persönlichen Ranking weit nach vorne.
*
Was bleibt? Fußballfachlich der Herbst, in dem nicht nur die Blätter fallen, sondern in den Tabellen auch die Klubs mit den meisten WM-Spielern. Aber das ist noch Schnee vom nächsten Jahr, und zumindest den übermächtigen Bayern ist zuzutrauen, diesmal selbst das traditionelle WM-Handicap zu verkraften.
*
Was bei mir vor allem bleibt, hat ebenfalls etwas mit dem neuen Geist der Zeit zu tun: Die Ekstase, in der Menschen vor Schockfreude delirieren, wenn sie im Stadion plötzlich merken, dass sie im Fernsehen sind. Offenbar das größte Erlebnis ihres Lebens. Schnell das Handy rausgeholt und im Sel… (auch so ein Schüttellähmungswort) … Selbstbild festhalten, im Weltbild aufgetaucht zu sein. Bilder des Jammers.
*
Aber das eindringlichste Bild des Jammers bot jener kleine Brasilianer, der verzweifelt mit seiner Brille kämpfte und hemmungslos in die Coladose heulte, in die er sein Gesicht vergrub. Wer da nicht leise mitschluchzte, hat kein Herz. Lieber Bub, auch wenn es dich im Moment nicht trösten kann: Es gibt ein Leben danach. Packen wir’s an. (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle