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Sport-Stammtisch (vom 12. Juli)

Alles spricht für Deutschland. Selbst leise Zweifel haben nur einen Grund: Eben dass alles für Deutschland spricht. Es fühlt sich einfach zu irreal an. Ein außerirdisches 7:1-Wunderteam gegen unterirdisch durchs Turnier stapfende Argentinier, bisher mit Messi eher ohne Messi spielend – was soll da schiefgehen? Allerdings hat sich das früher schon mancher brillante Gegner gefragt, ehe er auf – ähnlich wie jetzt Argentinien – durchs Turnier rumpelnde Deutsche traf. Aber bevor der Zweifel laut wird, stopfen wir ihm den Mund. Nichts, rein gar nichts kann, darf schiefgehen.
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Heute geht es erst einmal um Platz drei, also um nichts. Das Spiel ist das, was Donald Duck in Zeiten größten Selbstzweifels von sich selbst zu sein behauptet: das allernichtigste Nichts. Sportlich absolut wertlos. Eine Behauptung, die 2006 und 2010 als miesester Defätismus standrechtlich geahndet worden wäre, ist jetzt allgemeiner Konsens. Warum nimmt sich der Fußball nicht andere (Kampf-)Sportarten zum Vorbild wie das Boxen, wo beide Halbfinal-Verlierer Bronze gewinnen?
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Apropos Selbstzweifel: Manchmal fürchte ich, in Zeiten der Fußball-WM fehl am Platz zu sein. Zu groß, zu wirkmächtig das Ereignis, zu gewaltig die Emotionen, die keine Ironie zulassen wollen, schon gar keine Selbstironie. Und wenn seriöse Nachrichtenagenturen allen Ernstes nach jedem Spiel vermelden, was ganz und halb Prominente via Twitter in Ein-Wort-Kommentaren (»Wow!« / »Glückwunsch!« / »Geil!«) von sich geben, bin ich einfach nur ratlos.
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Mir liegen mehr die kleinen Seiten des Sportlebens, manchmal auch die abseitigen, hinter denen sich aber oft die ganz großen Fragen verbergen, die wenig zu tun haben mit der aktuellen, die morgen beantwortet wird. Um so mehr freue ich mich über solche Zeilen: »Als treuer Leser habe ich mich an einen Anstoß aus der Vergangenheit erinnert. In diesem brachten Sie die Idee zum Ausdruck, einmal mit dem Rad von der Lahnquelle bis zur Mündung fahren zu wollen. An einem Tag. Ihre zunächst ein wenig abenteuerlich klingende Idee haben drei Freizeit-Radfahrer aus Mittelhessen am vergangenen Samstag umgesetzt und bedanken sich nun ganz herzlich für diese sportliche Anregung. Ohne Sie wären wir vermutlich nicht auf diese (ein wenig verrückte) Idee gekommen«, bedanken sich »A. W. aus Obermörlen, M. L. aus Wißmar und J. B. aus Reiskirchen«. – An einem Tag. Respekt! Bei mir ist’s bisher bei der maulheldischen Idee geblieben.
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Auch die selbstironischen Usedom-Notizen aus den »Montagsthemen« haben unseren Lesern Anstöße gegeben. So berichtet Barbara Tomsch aus Reichelsheim von der Reaktion einer Reinigungskraft auf die »schüchterne Bitte nach Badetüchern«: »Nu, wennse mehr Diescher wollen, bringense sich doch e paar mit!« – Ich hatte als Hesse sogar zwei Diescher mit, beide vierbeinig.
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Aber mal ernsthaft: An der Herzlichkeit der Menschen auf Usedom kann sich mancher sture Hesse ein Beispiel nehmen. Auch die Herzlichkeit der Leserbriefe erfreut mich immer wieder (einige sind in der Online-»Mailbox« nachzulesen), vor allem in den sehr seltenen handgeschriebenen Briefen wie bei Frau Tomsch. Frohgemut öffne ich daher auch den Brief von Walter Müller (Gießen): »gw schreibt einen derartigen Stuss, dass es die (unleserlich) graust. Hat der bei Euch absolute Narren-Freiheit??« – Antwort: ja. Einschränkung: noch. – »Es mag Menschen geben, die diese Schreiberei mögen. Die sind dann aber genauso gestrickt wie gw und sicher eine absolute Minderheit.« – Da stimme ich zu. Nur den Stuss kann ich nicht bestätigen, das alte Kreter-Problem der Sophisten hindert mich. Denn wenn jemand, der immer Stuss schreibt, schreibt, dass er Stuss schreibt, würde er ja nie Stuss schreiben. Oder wie?
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Stuss wäre es aber sicher, wenn ich am Tag vor dem Endspiel auf die PR-Mail einginge, dass ein paar Tage später die »15. Sumpf-Fußball-Weltmeisterschaft im legendären Vuorisuo Sumpf in Finnland« stattfindet, mit »250 Teams mit 5000 Spielern aus zehn Nationen. Hochleistung unter extremen Bedingungen und Beine wie ein Elch sind ganz wichtig bei Sumpf-Fußball und Autos, meint Titelsponsor und Reifenhersteller Nokian Tyres.« – Ab in den Sumpf damit, mitsamt den Elchbeinen!
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Auch die WM der Skiffies (eine Art Wikingerkähne) vor der schottischen Küste, von der »Zeit«-Autor Reiner Luyken in seiner stets vergnüglichen »Mail aus Achiltibuie« erzählt, muss ich hier vernachlässigen. Nur so viel: Letztes Jahr gewannen einheimische Boote, eine Crew aus den USA war chancenlos. Kein Wunder: »Die Amerikaner hatten eine Harfe auf ihr Boot montiert, um mit Walen kommunizieren zu können.« Also noch einmal: Alles spricht morgen für Deutschland. Schiefgehen kann’s nur, wenn unsere Jungs dabei Harfe spielen. Dann siegt mal schön! (gw)
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(www.anstoss-gw.de Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle