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WM-Stammtisch (vom 10. Juli)

Alle Superlative sind ausverkauft, alle Erklärungsversuche müssen, auch wenn sie im Ansatz stimmen könnten, am monströsen Ergebnis scheitern. Klar, die Brasilianer haben keine gute Mannschaft, sie waren durch zwei Ausfälle zusätzlich geschwächt, der unmenschliche Druck hat sie durchs Turnier getrieben, bis sie unter ihm zusammenbrachen, vielleicht zusammenbrechen mussten, aber das alles greift nur bis zu einem umkämpften Sieg mit Normalergebnis – doch  5:0 nach einer halben Stunde und ein 7:1 am Schluss, das auch zweistellig hätte sein können – es ist und bleibt einfach nicht zu fassen.
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Selbst für Shakespeare und Goethe nicht. Der eine lässt Richard III. jammern: »Eine Erklärung! Eine Erklärung! Mein Königreich für eine Erklärung!«, der andere seinen Faust resignieren: »Habe nun, ach! Presse / Fernsehen und Internet / Und  leider auch die Twitterei / Durchaus studiert, mit heißem Bemühn. / Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor.«
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Als ich mit heißem Bemühn durchaus gründlich die Reaktionen studierte, stieß ich bei SZ-Online auch auf diese: »Natürlich wird dieses Siebeneins in Generationen nicht vergessen sein. Natürlich werden sich alle auch in Jahren noch die Frage gefallen lassen müssen: Wo waren Sie während der Müller-Klose-Kroos-Kroos-Khedira-Halbzeit? So wie es für viele Frühgeborene heute noch ein Thema ist, wo sie die erste Mondlandung erlebten. Etwas Ähnliches wie die Ankunft auf einem fremden Planeten ist es ja gewesen, was da in der Dienstagnacht zwischen 22 Uhr und 22.45 Uhr MESZ augenreibend zu bestaunen war: Ist das wirklich wahr?«
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Ja! Es ist wahr! Denn beim Stichwort »Ankunft auf einem fremdem Planeten« wurde mir auf einmal alles klar. Das Multiversum, es existiert! Nach der String-Theorie der Astrophysik ist unser Universum nur eines von mindestens 10 hoch 500 Paralleluniversen im Multiversum, und dessen Existenz ist durch das überirdische 7:1 endgültig bewiesen. Denn eines der vielen, vielen Duplikate unserer Erde, in denen laut »String« alles Denkbare Realität wird, muss sich Dienstagnacht zwischen 22 Uhr und 22.45 Uhr MESZ in einer Art Universumfinsternis über die Erde geschoben haben. Zum Glück war diese Parallelwelt keine, in der Mutter Teresa die uneheliche Tochter des Friedensnobelpreisträgers Adolf Hitler ist (ja, wirklich, damit rechnet »String« auch!), aber eine fast ebenso absurde, in der Deutschland im Halbfinale einer Fußball-Weltmeisterschaft den Gastgeber Brasilien mit 7:1 besiegt.
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Doch nun ist diese seltsame 7:1-Parallelwelt wieder in den Weiten des Multiversums verschwunden, am Sonntag wird das WM-Finale auf der guten, alten Erde gespielt, es beginnt bei 0:0 und wird ganz gewiss nicht 7:1 enden.
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Die Unwirklichkeit des Verwirklichten war auch in den Gesichtern der Spieler und in den Reaktionen der Fans erkennbar. Statt überschäumender Freude mit triumphatorischen Gesten überwog verbal und mimisch die glückselige Frage »Was ist denn hier los?«, als wären auf einem Kindergeburtstag alle, aber auch wirklich alle und selbst die verrücktesten Wünsche in Erfüllung gegangen. Und dann folgte gleich die zweie, echte und ehrliche Gemütsregung, und auf die darf man als Deutscher stolz sein: Mitleid mit den gequälten, tief leidenden brasilianischen Spielern und Fans.
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Brasilien wird menschliche Tragödien erleben. Wer möchte in der Haut des unglücklichen Fred stecken? Oder in der von Dante, für den mit der Nominierung ein Traum in Erfüllung ging, der in einen Albtraum ausartete? Brasilien geht mit seinen Fußball-»Versagern« gnadenlos um. Vor 65 Jahren unterlag das Land im WM-Finale dem süamerikanischen Konkurrenten Uruguay, der Tag ging als »Maracanazo« in die Annalen ein, wurde nie vergessen. Hauptverantwortlich für die Niederlage wurde Torhüter Paulo Moacyr Barbosa gemacht, er litt zeitlebens wie ein Hund. Kurz vor seinem Tod im Jahr 2000 klagte er: »In Brasilien sieht das Gesetz 30 Jahre Haft für einen Mord vor. Es ist weit mehr als diese Zeit seit dem Finale von 1950 vergangen, und ich fühle mich noch immer eingekerkert, die Menschen sehen in mir immer noch den Schuldigen für unsere Niederlage.« Bei einem WM-Qualifikationsspiel zwischen Brasilien und Uruguay verbot Nationaltrainer Parreira seinem Torhüter Taffarel 1994 jeden Kontakt mit Barbosa, der sogar auf Anweisung eines Funktionärs (»Schafft ihn fort, er bringt nur Pech«) aus dem Stadion geworfen wurde.
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Barbosa, lebte er noch, könnte endlich aufatmen. »Maracanazo« ist seit Dienstag fast schon vergessen. Hoffentlich müssen die Freds und Dantes nicht so lange leiden. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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