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Sonntag, 6. Juli, 6.15 Uhr

„Steinmeier in der Mongolei eingetroffen“, „Merkel richtet Augenmerk auf Wanderarbeiter in China“ – Nachtnachrichten in  Zeiten der Fußball-Weltmeisterschaft klingen ganz besonders wichtig, ungefähr so wichtig wie: „Verschollener Schreiber in Strandkorb von Zinnowitz entdeckt“. Hätte ich mich abmelden sollen? Das alte Problem, es taucht zwei, drei Mal im Jahr auf, und wie ich’s mache, mache ich es falsch. Tut mir leid, wenn Sie sich Sorgen gemacht haben (einige davon siehe „Mailbox“).  Zinnowitz, Trassenheide, Heringsdorf, also Usedom, davor eine Nacht in einem riesigen Hochbunker in Templin, früher FDGB-Feriencamp. Interessante Erfahrungen. Ob ich was in die „Montagsthemen“ übernehme? Heringsdorf? Wir erinnern uns: EM in Polen/Ukraine, ZDF-Horchposten mit Kathrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn in Heringsdorf, mit Public Viewing im Strandkorb. Bizarre Geschichte damals. In Heringsdorf haben sie es wiederbelebt, ohne ZDF natürlich. Riesige Videowand am Strand. Triste Sache, morgens im Regen. Ob es bei Spielen anders aussieht? Keine Ahnung, bin natürlich nicht hin. Dennoch erstes Publiv Viewing meines Lebens, im Hotel-Aufenthaltsraum, umzingelt von (mein voreingenommener Wessi-Eindruck) alten DDR-Kadern mit Anhang, die dort Nostalgie-Ferien machen. Algerien-Spiel, der Reporter erzählt, Deutschland habe noch nie gegen Algerien gewonnen. Grummelndes Murren im Saal. Warum? Als der Reporter ein paar Augenblicke später nachschiebt, die DDR habe mal gegen Algerien gewonnen, erkenne ich spätzündend den Grummelgrund, denn das Murren klingt jetzt nach Nasiehste. Apropos spätzündend: Wer mal so richtig Tristes sehen will, sollte auf Usedom nach Peenemünde fahren. Dort ist die graue Zeit stehengeblieben, ebenso eine V2 aus brauner Zeit. Aber das ist ein anderes Thema.

Public Viewing ist auch im Kleinen schlimm genug. Laustärkste Reaktion, als Lahm einen Gegenspieler an der Hose zieht, so dass die Unterbux zu sehen ist. Die Anhangs-Damen kriegen sich nicht mehr ein, hihi, es schüttelt sie noch Minuten danach.

Brocken für den Stein(es)bruch: Die Kurkartenkontrolleurin am Strand von Trassenheide: prima Anschlussverwendung nach Helmstedt-Marienborn-Wegfall.

Hübsche alte Ostzonenwörter wie „Frostware“. Gelesen an einem Kiosk-Schild. Fisch-Imbiss. Kurz gerätselt, dann klar: „Frostware“ kommt, im Gegensatz zum Frischfisch, aus dem Tiefkühler. Oder der „Ausgabestützpunkt“: Dort kann man sich das Leihfahrrad abholen.

Alte Datschen von braven Kleinkommunisten, die die neue Zeit verpasst haben oder verpassen wollen, umzingelt von neuen Protzburgen wendehalsiger Machtkommunisten und Anleger-Wessis.

Weit und breit keine Menschen mit „migrantischem Hintergrund“, keine Türken, keine Muslime, keine Dunkelhäutigen von hellbraun bis schwarz. Nur echte stolze Italiener, für die eher die Einheimischen den migrantischen Hintergrund bilden. Sie halten mit Cafes und Eisdielen strategisch wichtige Positionen besetzt, an den besten Stellen, sogar auf der Seebrücke (ein Stilbruch; wer erlaubt so etwas?). Ungelöstes Rätsel: Warum keinerlei Armutsausländer? Warum keine Türken? Warum nur stolz-herablassende Italiener? Italo-Ossi-Pakt, geschlossen im Untergrund von Mafia und  Ex-Stasi?

Hübsches Wort, Ex-Stasi. Handelt die auch mit Ectasy? Und mit Neo-Nazis zur Entstabilisierung des Siegersystems?

Die Holländer sind weiter. Für unsere holländischen Freunde freut’s mich. Ansonsten nicht. Robbens Theatralik stört mich, van Gaal macht mir Schüttelfrost. War aber hochverdient.

Stichworte, nachts geschrieben, morgens zu entschlüsseln: Merte, Lappalie, Grundsätzliches / Özil, trauriger Blick, Körpersprache, Robben, Machos, Löw-Interview, Legatisierung / Gündogan, OP / Frauen, Lierhaus / Neymar, Schiedsrichter-Vorgabe (Legatisierung), Quote? / Brasiliens Vorteil, dürfen jetzt verlieren, vor Neymar nicht, Trauma 1950, Zico / 4. Juli / Hymne, Twitter / WBI / Public Viewing in Heringsdorf, alte Kader, Algerien, DDR .. (ach so, das habe ich ja eben ja schon angeschrieben) / zu Özil: Spieler, die den Unterschied machen. Ohne Reus und Gündogan nur er (und Müller, der aber nicht unbedingt fußballerisch, sondern in seiner Art).

Daraus soll mal einer klug werden. Ich versuch’s mal. Bis dann.

Baumhausbeichte - Novelle