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Montagsthemen (vom 7. Juli)

Eine Woche keine Zeitungen gelesen. Gestern alles nachgeholt, einen hohen Berg abgearbeitet und gestaunt, wie unverfroren Medien-Deutschland binnen – ja, fast: – Stunden vom strammen Anti-Löw-Kurs auf Jogi-über-alles-Einheitsjubel umschwenkt. Ein echtes Wendehals-Manöver. Wer denkt da noch an Algerien?
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Ich. Usedom. Erstes (Mini-)Public Viewing meines Lebens, im Hotel-Aufenthaltsraum, umzingelt von (mein voreingenommener Wessi-Eindruck) alten DDR-Kadern mit Anhang, die dort Nostalgie-Ferien machen. Der Reporter erzählt, Deutschland habe noch nie gegen Algerien gewonnen. Grummelndes Murren im Saal. Warum? Als der Sprecher ein paar Augenblicke später nachschiebt, die DDR habe mal gegen Algerien gewonnen, erkenne ich spätzündend den Grummelgrund, denn das Murren klingt jetzt nach: Na siehste!
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Apropos spätzündend: Wer mal so richtig Tristes sehen will, sollte auf Usedom nach Peenemünde fahren. Dort ist die graue DDR-Zeit stehengeblieben, ebenso eine V2 aus brauner Zeit. Aber das ist ein anderes Thema (erklärt jedoch, siehe oben, das Wochen-Päuschen).
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Public Viewing ist auch im Mini-Format eine echte Prüfung. Lautstärkste Reaktion: Als Lahm einen Gegenspieler an der Hose zieht, so dass die Unterbux zu sehen ist. Die Damen kriegen sich nicht mehr ein, hihi, das Lachen schüttelt sie noch Minuten danach.
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Was ist »Frostware«? Mertesacker in der Eistonne? »Eiswürfel«-Neuer (O-Ton Scholl)? Nein: Hübsches altes Ostzonenwort, gelesen an einem Imbiss-Stand Marke »Feldküche«, für Fisch aus der Tiefkühltruhe. Direkt daneben der »Ausgabestützpunkt«, wo ich das Leihfahrrad abholen konnte. – Ach ja: Zieht Scolari morgen wieder seinen Anorak an, dieses Plaste-und-Elaste-Stück von DDR-Pauls Reste-Rampe?
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Das war keine Frage für die laufende »Wer bin ich?«-Runde, dafür aber die folgenden drei. Scheinbar einfach, die Antworten könnten aber extrem wichtig für die finale Frage werden, die nach der WM folgt: »Zum Glück hat Gott diesen Mann neben mir berührt«, sagt (7) über seinen Trainer (8). Von, natürlich, (9) kommt mein bisheriges Lieblings-Zitat. Reporter: »Wenn Sie nicht aufpassen, werden Sie noch zur Legende.« – (9): »Dann passe ich lieber nicht auf.«
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Von Gott berührt? »Mir stößt unangenehm auf, dass der Sport immer mehr von Religionsspektakeln missbraucht wird, gerade jetzt bei der WM«, schreibt Werner Haaser aus Gießen. Mir auch. Von Gott berührt? Gott berührt uns alle. Nur: Nicht jeder merkt es. – Die komplette Leser-Mail ist in der Online-»Mailbox« nachzulesen, wie auch manch andere bemerkenswerte (zum Beispiel von Lothar Kinnschewski/Friedberg zum Public Viewing und Heiko Sichau/Wettenberg zum Suarez-Biss)
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Und nun Brasilien. Vor- und Nachteil zugleich: Neymars Verletzung schwächt den Gegner sportlich, setzt aber psychisch noch mehr Kräfte frei als bisher schon, zumal ein fast unmenschlicher Druck wegfällt: Bisher mussten sie den Titel gewinnen, um nicht verfemt zu werden, jetzt dürften sie auch verlieren, ohne die Gunst des trauernden Volkes zu verlieren.
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Zum Schluss noch etwas gegen den Medien-Strich gebürstet (ha! Für die Doppeldeutigkeit klopfe ich mir auf die Schulter). Zu Neuers Einhand-»Wunderparade«: Wenn der Ball reingeht, ist es ein Torwartfehler. Bevor Sie auf mich schimpfen: Ich stimme zwar zu, aber nicht ich sage es, sondern: Manuel Neuer. Was mehr als die Parade zeigt, dass er ein ganz Großer ist. – Zum Foul an Neymar: Ähnliches kommt heutzutage in jedem Spiel vor, nur selten mit Folgen wie diesmal. Dass die FIFA ihre Schiedsrichter angeblich anweisen soll, solche Fouls durchgehen zu lassen, halte ich für Unfug. Ich vermute eher, dass es an der Quotenregelung liegt, die Frau… Quatsch! – schwache Schiedsrichter ins Spiel bringt, dem sie nicht gewachsen sind. Und vor allem liegt es am neuen WM-Trend weg vom weichen Schönspielen und hin zum knorzigen Hauruck. Eine Art Legatisierung der Okochas. Aber diese Anspielung verstehen jetzt nur sehr alte »Anstoß«-Leser.
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In diesem Zusammenhang noch ein widerborstiges Wort zu Mesut Özil: Der traurige Bub mit den hängenden Schultern gehört zu den ganz wenigen Spielern auf der Welt, die den Unterschied ausmachen (na ja: können). Daher gefällt mir an Löw mit am besten, dass er trotz aller Kritik der Legatisierer an Özil festhält.
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Für morgen hätte ich noch einen unerfüllbaren Wunsch. Einen Sieg? Nee, der ist erfüllbar. Ich wünsche mir, dass die deutsche Elf alles Gequatsche um die Hymnen-Mitsingerei mit Thomas-Müller-haftem Humor beendet: Indem Özil, Boateng und Co. lauthals mitschmettern, während die Lahms und Neuers lippenpressend schweigen, Müller natürlich auch, der dafür bei der Kamerafahrt über die elf Gesichter besonders verschmitzt mit dem Auge klimpert. Aber ich fürchte, dieser Humor käme in Deutschland nicht gut an, er müsste schon in England von den comebackenden Monty Pythons vorsorglich abgefangen werden. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle