Archiv für Juli 2014

Donnerstag, 31. Juli, 9.40 Uhr

“Nach-Lese” geschrieben. Titel: “Die Kunst des Weinreinbringens.” Morgen im Blog (bzw. im Link zu “gw-Beiträge Kultur”), am Samstag im Blatt. Was das soll? Lassen Sie sich überraschen. R.-G.-Kenner dürften es  ahnen.

Die angekündigte “Nachdruck”-Kolumne mit Bruchstücken aus alten Kolumnen zum Fall Rehm war schon fast fertig, liegt aber erst mal auf Halde und bleibt dort vielleicht auch. Die “Unbezahlbare Rechnung” (gestern im Blatt, siehe “gw-Beiträge Anstoß”) war mir wichtiger. Morgen schreibe ich (für den Samstags-”Sport-Stammtisch”) noch ein paar Zeilen zum Weitsprung  (ein neues Beispiel ist mir aufgefallen, das der Klärung dienen kann: Dreisprung), das sollte es dann aber auch gewesen sein. Die unehrliche (oder unwissende, oder parteiische) Diskussion kann und darf nicht davon ablenken, dass Rehm eine andere Sportart (um genau zu sein: eine andere Disziplin, denn er gehört natürlich in die Sportart Leichtathletik) betreibt als beidnaturbeinige Weitspringer, aber sie, die Diskussion, lenkt, je länger sie läuft, ab von der Tatsache, dass Rehm ein großartiger Sportler ist, der in seiner paralympischen Disziplin der Konkurrenz um Klassen voraus ist (dass die Konkurrenz glücklicherweise längst keine so große ist wie im nichtparalympischen Weitsprung, ist eine Feststellung, die zur sportlichen Ehrlichkeit gehört).

Das könnte ich so auch in die Kolumne übernehmen, plus Hartings typisch brachial-plakative, aber im Ansatz richtige Aussage – wir werden sehen.

Nichts für die Kolumne: Putin und die Ukraine, Israelis und Palästinenser. Ich schreibe mich doch nicht um Kopf und Kragen. Auch nicht im Blog.

 

Veröffentlicht von gw am 31. Juli 2014 .
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Unbezahlbare Rechnung (“Anstoß” vom 30. Juli)

Jacko Gill aus Neuseeland belegte am Montag bei den Commonwealth Games in Glasgow Platz elf im Kugelstoßen. Weite: 18,05 Meter.
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Zwar hat diese Veranstaltung für einen beträchtlichen Teil der Erdbevölkerung fast olympische Bedeutung, doch was soll das? 18,05 Meter, wen interessiert das?
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Rückblende. Trainings-Video eines 16-Jährigen. Ich kann es kaum fassen. Der Junge springt buchstäblich über Tische und Bänke. Dunking mit der Kugel (!), wilde Übungen mit der Hantel, schon beim Sehen schmerzt die eigene Wirbelsäule. Den Jungen treibt etwas. Hoffentlich nicht der Wahnsinn.
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Ich erkundige mich und erfahre: Der 16-Jährige hat die Schule geschmissen, ist Profi-Kugelstoßer, trainiert dreimal am Tag bzw. in der Nacht (er steht erst um 12 auf, die dritte Trainingseinheit steht nachts um zwei auf dem Tagesplan). Sensationell seine Sprungkraft, er scheint auch sehr sprintschnell zu sein. Hat mit der Männerkugel schon 20,38 m gestoßen und im Jahr zuvor, also mit 15, einen der unwirklichsten Weltrekorde überhaupt aufgestellt, als er mit der 5-kg-Kugel seiner Altersklasse 24,45 m stieß. Nur zum Vergleich: Ich war unglaublich stolz, als ich mit 15 knapp über 14 Meter schaffte und in der deutschen Bestenliste meiner Altersklasse Dritter wurde.
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Ich schaue mir jenes und einige andere Trainings-Videos dieses Jahrtausendtalents mehrmals an. Bei aller Faszination denke ich: Hoffentlich geht das gut.
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Knapp vier Jahre später fürchte ich: Es geht nicht gut, gar nicht gut. Der Junge, Jacko Gill aus Neuseeland, wird in Glasgow Elfter, er stagniert schon lange und fällt jetzt mit knapp 20 Jahren sogar hinter die Leistungsfähigkeit zurück, die ihn als 15-Jährigen zum einzigartigen Phänomen gemacht hatte.
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Zu der Geschichte gehört auch, dass ein anderer Neuseeländer, Tom Walsh, in Glasgow mit über 21 Metern die Silbermedaille gewann (dass ein Jamaikaner mit 21,61 m Gold holte, wird David Storl aufhorchen lassen, aber das ist heute nicht unser Thema). Tom Walsh ist 22, hat aber keine lange Jugendkarriere hinter sich, sondern spielte Rugby. Erst spät begann er mit dem Kugelstoßen. Er passt so gar nicht in das Schema der frühzeitigen Spezialisierung und Quasi-Professionalisierung in Talentschmieden, er arbeitet sogar heute noch in einem Vollzeitjob als Builder, was nicht Bodybuilder bedeutet, sondern: Bauarbeiter!
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Jacko Gills Stern scheint schon verglüht, bevor er aufgehen konnte. Ausgebrannt. Was soll bloß aus dem Jungen werden? Aber es gibt viele Karrieren, die frühzeitig und erfolglos enden. Nur erfahren wir davon in der Regel nichts, es bleibt buchstäblich in der Familie, da die jungen Sportler schon scheitern, bevor sie mit vielversprechenden Leistungen öffentlich auffallen können. Sie haben die entscheidenden Jahre, in denen Charakter, Persönlichkeit und die Fähigkeit zur erfüllenden Lebensgestaltung ausgebildet werden, einem Traum geopfert. Im schlimmsten Fall bleiben sie ausgebrannt und demoralisiert zurück – sehr schlechte Startchancen, um mit dem langen Rest des Lebens möglichst sinnvoll und zufriedenstellend fertig werden zu können.
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Inzwischen diskutiert Deutschland über eine Sportlotterie (Motor und Aushängeschild: Diskus-Olympiasieger Robert Harting), deren Erlös jungen Talenten die bedingungslose Konzentration auf den Sport ermöglichen soll. Motto: Wenn die Nation Goldmedaillen will, muss sie dafür schon zahlen, wenn diese Goldmedaillen in Jugendjahren vorbereitet werden. Also: mehr Geld für hart trainierende junge Sportler. Das müsse es unserer Gesellschaft doch wert sein!
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So? Von 100 bedingungslos geförderten und sich selbst fordernden jungen Leistungssportlern kommt einer ganz nach oben (zum Beispiel Storl). Die anderen bleiben auf der Strecke, mal mehr, mal weniger weit entfernt vom einstigen Traumziel. Das muss nicht schlimm sein, kann sogar die Persönlichkeit festigen und für den Alltag fit machen. Aber nicht, wenn man mit viel Aufwand, Fördergeld und ausschließlicher Option Sport gestartet ist und sich demoralisiert und ohne außersportliches Rüstzeug ins echte Leben zurückkämpfen muss.
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Wenn wir ausrechnen wollen, was uns eine Goldmedaille wert ist, müssen wir auch die 99 Gescheiterten in die Rechnung einbeziehen. Vor allem auch den Schaden, den sie an ihrer Seele nehmen. Dann wird sie unbezahlbar, die Rechnung.
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Aber der Trend geht dennoch zur kostenintensiven Früh- und Frühstförderung, zur Verplanung von Kindheit und Jugend, zum Hochleistungstraining mit tagtäglicher, durchorganisierter Wettkampfvorbereitung. Dass dies nicht nur für den Sport gilt, sondern schon zur Lebenswirklichkeit vieler Kinder überambitionierter Eltern gehört, ist kein ganz anderes Thema. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 29. Juli 2014 .
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Uwe Mos: Baumhausbeichte mit Schülern gelesen

Vor den Sommerferien kommen auf uns Lehrer immer besonders viele Vertretungsstunden zu. Ich habe mit Teilen von zwei neunten Klassen (Alter circa 15 Jahre) und zwei achten Klassen (Alter circa 14 Jahre) Ihre Geschichte „Baumhausbeichte“ gelesen. Die Geschichte hatte genau die richtige Länge für zwei Vertretungsstunden.

Das Echo der Schülerinnen und Schüler war durchweg positiv. Einige waren der Meinung, dass es die beste Geschichte war, die sie je gelesen haben!

Im Anschluss ergaben sich sehr interessante Gespräche.

Wenn es die Geschichte in einer Einzelausgabe zu kaufen gäbe, würde ich Sie sofort für die Schule anschaffen.

Vielen Dank für die sehr interessante und gut gemachte Geschichte!

(Uwe Mos/Bad Nauheim)

Veröffentlicht von gw am 28. Juli 2014 .
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Matthias Weidner: “Mit fehlenden Gliedmaßen”?

Lieber Lieblings-Kolumnist, heute morgen natürlich den “Anstoß”
- wie immer – mit großem Vergnügen gelesen und über eine Formulierung gestolpert.
Einige Stunden hin und her geschwankt zwischen der Ausübung unseres gemeinsamen
Hobbys, der präzisen Formulierung oder der gewollt unpräzisen, um Hintersinniges
auszudrücken, einerseits und dem Ernst des besprochenen Themas und den
Tragödien und Traumata, die die Betroffenen erlebt haben, andererseits,
die es eigentlich verbieten, in beschwingter und leichter Weise das erwähnte
Steckenpferd zu reiten.

Da ich weiß, auf welcher zutiefst humanistischen,
vor allem aber humanen Grundlage Sie schreiben, habe ich mich dann für
unser Hobby entschieden im Vertrauen darauf, dass meine Anstossnahme am
heutigen “Anstoß” bei Ihnen richtig ankommt.

Wie habe ich mir es vorzustellen, wenn
“… weit über tausend (US-)Soldaten mit
fehlenden Gliedmaßen aus dem Irak oder Afghanistan

zurückkehren? Kommen sie denn nicht genau ohne diese, weil sie sie
im Krieg eingebüßt haben? Was halten Sie von der Formulierung “…
weit über tausend Soldaten arm- und/oder beinamputiert aus Afghanistan
zurückkehren”, die m.E. nicht nur sprachlich korrekt ist, sondern
auch deutlicher ausdrückt, was passiert ist? (
Matthias Weidner)

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Matthias Weidner hat natürlich recht, eine blöde Formulierung (zumal man sich
    nicht vorstellen mag, wie man “mit fehlenden Gliedmaßen” heimkehrt;
    etwa im Handgepäck?). Den Satz habe ich aus einer meiner
    früheren Kolumnen übernommen, was die Sache noch dümmer macht:
    Zweimal blöd ist doppelt blöd.

Veröffentlicht von gw am 28. Juli 2014 .
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Ohne weitere Worte (vom 29. Juli)

Kluges, Originelles, Peinliches, Schräges, Dümmliches, Erhellendes oder sonstwie Inter-essantes, gesucht und gesammelt in der deutschen Medienlandschaft.

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Der Kerl, auch ganzer Kerl genannt, dominierte das Männerbild, seitdem Mammuts gejagt wurden. (…) Der Kerl überlebte in der zivilen Welt, im Fußball wie in der Politik. Aber auch diese Zeit ging zu Ende. 2005 verlor Gerhard Schröder das Kanzleramt an Angela Merkel, 2010 wurde Michael Ballack als Kapitän der Nationalmannschaft von Philipp Lahm ersetzt. An der absoluten Spitze der deutschen Gesellschaft gab es keine Kerle mehr. (Spiegel)

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Dann erzählt er die Geschichte mit Golfprofi Martin Kaymer, der den Fußball-Kollegen vor der WM beauftragt hatte, gegen die USA ein Tor zu erzielen und anschließend einen typischen Golferjubel einzubauen. »Habe ich total verschwitzt«, sagt Müller. Er hat sich bei Kaymer schon per SMS entschuldigt. (Kicker)

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»Innerhalb der Mannschaft gehörten wir beide immer zur festen Kartenrunde. (…) Da werde ich mir jetzt andere Opfer suchen müssen.« (Thomas Müller im Sport-Bild-Interview über eine der Konsequenzen des Lahm-Rücktritts)

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Dass (…) Philipp Lahm (…) dem Fußball-Vaterland den Rücken kehrt, hat so ziemlich jeder in Deutschland verstanden. Nur Franz Beckenbauer nicht. »Er ist Weltmeister geworden, aber das ist ja kein Grund aufzuhören«, sagt der Ehrenspielführer, der sich offensichtlich nicht mehr daran erinnern kann, dass er 1990 als Teamchef des Nationalteams unmittelbar nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft zurücktrat. (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)

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Was hat sie an Beckenbauer fasziniert? – »(…) Franz hatte diese Leichtigkeit.« – Was beeindruckte Sie noch an ihm? – »Sein Tape-Band. Heute ist das ja alltäglich. Damit ich auch einmal ein Tape bekomme, habe ich mich bei der Nationalmannschaft einfach mal umfallen lassen. Dann erhielt ich (…) einen Verband, wie ihn der Franz hatte. Das habe ich dann drei Tage lang draufgelassen, so stolz war ich.« (Thomas Schaaf im Kicker-Interview)

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Bastian Schweinsteiger (…) sagte, (…) auch er höre sie (OWW-Anm.: Helene Fischer) wirklich gerne. (…) Vielleicht hatte ich einfach eine zu hohe Meinung von Bastian Schweinsteiger gehabt, den ich für voll zurechnungsfähig hielt und so sympathisch, dass ich ihn versehentlich immer, was keineswegs der Realität entspricht, meinem entfernten Bekanntenkreis zuordnete (passiert mir sonst nur mit Matt Damon). (FAS)

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Wie finden Sie die Auftritte der deutschen Spieler nach einer Partie? Werden die nicht immer nichtssagender? – »Aber Ihre Kollegen stellen auch Fragen von einer unglaublichen Blödheit. ›Jetzt sind Sie Weltmeister – wie fühlen Sie sich?‹ Kein Wunder, dass Mertesacker sagt: ›Sie haben nicht alle Tassen im Schrank.‹« (Theatermann  Jürgen Flimm im Zeit-Interview)

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»Wenn Castorf, Flimm und Peymann gehen, dann hinterlassen die natürlich riesige Fußstapfen. Aber warum sollte ich als deutsche Nationalmannschaft nun versuchen, einen Messi ins Team zu holen, wenn ich es mir auch einfach mal erlauben kann, einen Kramer einzuwechseln?« (Tim Renner, Kulturstaatssekretär in Berlin, im Interview der Süddeutschen Zeitung)

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Können Sie sich mehr quälen als andere? – »Das ist gottgegeben. Wenn es anderen richtig wehtut, erholt sich mein Körper gerade und baut Laktat ab.« (Tony Martin im Sport-Bild-Interview)

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Sie sind fast zu Tode gekommen, und dann wollten Sie nichts lieber als sich wieder diesen Todesgefahren auszusetzen? – »Das ist doch normal.« – Nein, das ist verrückt. – »Das ist der Unterschied zwischen uns.« (Niki Lauda im Zeit-Interview)

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Der Song ist vielleicht nicht der allerschlimmste Song aller Zeiten, aber er kommt dem schon nahe. (…) Auf jeden Fall ist er das absolute Gegenteil von atemlos oder Nacht. Er klingt so sexy wie eine Bahnhofsdurchsage, dass ein Regionalzugabteil auf einem geänderten Gleisabschnitt hält. (FAS zum Helene-Fischer-Hit »Atemlos durch die Nacht«) (gw)

 

Veröffentlicht von gw am 28. Juli 2014 .
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Baumhausbeichte - Novelle