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Sport-Stammtisch (vom 28. Juni)

Zur Belustigung freigegeben hier noch einmal meine »prophetischen Gaben« vor dem USA-Spiel: »Es fallen ziemlich viele Tore, deutlich mehr davon schießt Deutschland.«
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Damit ist meine kurze Karriere als WM-Orakel beendet. Obwohl – es gibt Verschwörungstheoretiker, die nur die angehängte Vorhersage (»Ohne jede Spur von Gijon«) für grundfalsch erklären, lediglich das habe die ziemlich vielen Tore für Deutschland verhindert, daher seien Portugiesen, Ghanaer und mein Orakel-Ich gemeinsam verladen worden. Dass daran weder Portugiesen, Ghanaer noch ich glauben, stört die Verschwörungsfans wenig. Zum Glück führte Portugal kurz vor Schluss nur mit 2:1. Dort einige Tore mehr, danach hier der Ausgleich – das hätte denen mal einer erklären sollen.
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Quatsch das alles. Verschwörungsbeseelte mögen sich um ihre Kornkreise, Ufos und die gefakte Mondlandung kümmern und »unsere Jungs« in Ruhe und noch ein paar Mal gewinnen lassen. Die Zeichen stehen gut, denn nach dem ersten Spiel, das dank glücklicher Fügungen wie von alleine lief, und nach dem zweiten, in dem es »ruff un runner« hetzte und stolperte, sahen wir diesmal ein stinknormales, recht ordentliches Spiel einer hoch überlegenen deutschen Mannschaft, die sich selten in Bedrängnis und aus der Ruhe bringen ließ. So lässt’s sich auch gegen Algerien problemfrei gewinnen.
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Schön auch, dass sich Bastian Schweinsteiger wieder unverzichtbar machte. »Schön« auch Joachim Löw, das meinte jedenfalls meine allerliebste Zielgruppe, als sie auf Zehenspitzen durchs Zimmer schlich (ich werde ungern beim konzentrierten Allein-Gucken gestört) und einen kurzen Blick auf den Bildschirm warf: »Cool wie ein Filmstar der harten Sorte.« Da schaute ich mir den Bundestrainer noch mal an, im klatschnassen T-Shirt, die sonst so perfekt sitzende Frisur mit den Fingern wirr nach hinten geworfen – das hat offenbar das gewisse Etwas. Da saß kein Yogi-Bär, kein gemütlicher Balu, sondern eher Baghira, der schwarze Panther.
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Auch ich wäre lieber Baghira als ein armer Wicht. Der aber bin ich. Frage in der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« an einen Sportpsychologen: »Bin ich ein Sonderling, wenn ich alleine daheim vor dem Fernseher hocke und Fußball schaue?« Michael »Michi« Herl interpretiert in seiner »FR«-Kolumne die Antwort so: »Der Wissenschaftler attestierte dem Solo-Gucker zwar nicht direkt eine Form des akuten Autismus«, aber »wer alleine Fußball guckt, ist ein scheuer, kontaktarmer Wicht« und »hat mächtig einen an der Waffel«.
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Das ist natürlich nicht Herls Meinung, sondern gehört zu seiner bissig-ironischen Sicht auf das »Brüllaffen«-Fernsehen des Public Viewing (dass er die durchaus differenzierten Aussagen des Sportpsychologen – ich hatte die »FAS« gelesen – aus dem Zusammenhang reißt und in sein Konzept einpasst, statt den Tenor des Interviews rüberzubringen, sei nur am Rande erwähnt, weil das genau die Gefahr ist, die ich bei meiner dienstäglichen »Ohne weitere Worte«-Kolumne stets spüre und unbedingt vermeiden will). Für Herl sind die Alleine-Gucker eben keine armen Wichte, und die Garnichtgucker keine Minderheit »vollkommen verschimmelter Menschlein«, sondern: die Mehrheit. Weil: Und wenn die Quoten noch so grandios sind (über 27 Millionen am Donnerstag), haben immer noch über 50 Millionen Deutsche das Spiel nicht gesehen. Die WM als Minderheiten-Event?
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Wer sind denn diese Menschen, die keine WM-Spiele schauen? Ich hab so eine zu Hause. Gott sei Dank. Dankbar bin ich auch, dass weitere Teile der weiblichen Verwandtschaft nicht pünktlich zur WM ihre Fußball-Begeisterung entdecken, während der Übertragungen Einwürfe bejubeln und Fachgespräche führen wollen. Guter Tipp für alle, denen es während der WM weniger gut geht als mir: Schickt sie, hübsch schwarz-rot-gold kostümiert, zum Public Viewing. Dort finden sie alles, was sie brauchen.
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Halt, vielleicht doch nicht. Public Viewing gilt, so der Sportpsychologe, als gute Kontakt- und Partnerbörse. Wer zur Eifersucht neigt … geht vielleicht selbst hin? Alleine?
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Spaß beiseite. Weil nicht alles WM sein soll, steht vor dem samstäglichen »Stammtisch« nicht »WM-«, sondern »Sport«. Zum Beispiel die Leichtathletik: Bei ihrer Team-EM (früher: Europacup) gab es hoch erfreuliche Leistungen im Weltspitzenbereich, die aber medial im WM-Trubel untergingen. Am erstaunlichsten: Malaika Mihambos 6,90 m, eine Weite, die seit Heike-Drechsler-Zeiten (die allerdings auch andere Zeiten waren) hierzulande nicht mehr erreicht wurde. Malaika Mihambo – den Namen sollte man sich merken. Auch wenn’s nicht ganz so einfach ist wie bei Hinz oder Kunz.
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Auch »Gott und die Welt« sind bei uns immer dabei. Gott diesmal sogar in Person, in stellvertretender: Der Papst hat alle Mafia-Angehörigen exkommuniziert. Nur schöne Worte, er hat ja gut reden? Nein, ein schwererer Schlag für die Mafiosi, die zumeist erzkatholisch sind oder sein wollen. Das Papst-Wort verunsichert und verstört sie mehr als jeder Polizeieinsatz. Aber das ist eventuell ein ganz anderes Thema und hat mit Sport nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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