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WM-Stammtisch (vom 26. Juni)

»… er hat ja sehr sichtbare Zähne«. Als ich diesen Nebensatz aus der »SZ« für den dienstäglichen »Ohne weitere Worte«-»Anstoß« auswählte, juxte und gluckste es in mir, weil er Optisches und Historisches bei Luis Suarez bissig verband. Aber auf die absurde Idee, dass er es am selben Tag noch einmal tun könnte, bin ich nicht gekommen. Ich betone es nur, weil mir Leser prophetische Gaben zuschreiben wollen.
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Überbiss. Suarez hat ihn und neigt dazu … ach nee, all die Witzchen, die sich dank doppelter Bedeutung anbieten, überlasse ich anderen. Wer nicht genug davon bekommen kann, möge im Internet zum Beispiel das »Kaninchenforum« anklicken (Ha! Ha! Aber da geht’s ernsthaft zu). Außerdem gibt es Menschen, die unter ihrem Überbiss leiden, und die finden die Witzeleien überhaupt nicht komisch.
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Außerdem überkleistern sie den ärgerlichen sportlichen Hintergrund: Italien wäre zu elft wahrscheinlich nicht ausgeschieden. Auch in anderen Gruppen entschied hier und da der hartnäckige Anachronismus, den Schiedsrichter lieber Blindroulette spielen zu lassen, statt ihm mit Video-Hilfe wenigstens das zu sehen erlauben, was alle andere sehen dürfen.
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Aber auch an dieser meiner alten Leier leiere ich nicht mehr. Lieber ein angenehmeres Thema: Dass die Griechen schon geschafft haben, was wir erst noch erreichen müssen, darüber freue ich mich mit allen anderen philhellenischen Lesern. Wie Wolfgang Fertsch: »Diese stolzen Griechen, die sich schon mit einem Schulterzucken und ganz ohne Fado von der WM verabschiedet haben, und nun Zorbashaft vom Titelgewinn träumen. Ich genieße still.«
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Ich auch. Aber heute müssen wir nachziehen. Die größte Sorge (der insgesamt aber recht kleinen) bereitet mir Berti Vogts. 1990 war er der Kopf hinter dem Charismatiker Beckenbauer, wie 2006 Löw hinter Klinsmann. Jetzt wäre mir Klinsmann als Kopf hinter einem Charismatiker Vogts lieber, denn das liegt beiden nicht.
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Klinsmann will beide Hymnen singen, eine Welturaufführung. Aber was singt Berti? Auch beide? Nur eine? Welche? Keine? – Berti Vogts: Da tauchen sehr zwiespältige Erinnerungen auf. Im Herbst 1996 startete ich eine Serie unter dem Titel »Berti Vogts und der Weg zur Weltmeisterschaft«. Die Bereitschaft Vogts’ (dank Fürsprache von Jürgen Grabowski), einem ihm zuvor nicht persönlich bekannten Vertreter eines eher kleinen Mediums Zeit und Vertrauen zu schenken, war für mich mit dem Entschluss verbunden, die exklusiven Einsichten nicht zur Vogts-Kritik zu nutzen. Aber schon frühzeitig gerieten Fairness und Vertrauen in Konflikt mit journalistischen Überzeugungen. Durfte man das starrsinnig Besserwisserische verschweigen, das sich Kritikern gegenüber in aggressiver Ironie äußerte – und die, da Vogts kein begnadeter Ironiker ist, oft nur als Aggressivität rüberkam? Durfte man mit dem Eindruck hinterm Berg halten, dass der EM-Erfolg von 1996 den Bundestrainer nicht souveräner gemacht hatte, sondern eher noch bissiger, verbissener, misstrauischer? Durfte man verschweigen, dass er nur Gleichgesinnte um sich sammelte, dass diese Gleichgesinnten bald eine brave Herde fleißiger alter Buben bildete, mit denen kein WM-Blumentopf zu gewinnen sein würde? Durfte man dies, obwohl man Berti Vogts im privaten Gespräch als liebenswürdigen Menschen kennengelernt hatte? Durfte man? Nur dann, wenn man auf den exklusiv gewährten Einblick verzichtete. Aus Fairness, Sympathie und Respekt für Vogts beendete ich die Serie nicht mit einem Knalleffekt, sondern leise und ohne Erklärung schon mit der dritten Folge. Fortan beobachtete ich den Weg zur WM wieder aus kritischer Distanz. Aber immer mit der Hoffnung, mich zu täuschen. Die Hoffnung trog.
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Berti und Klinsi, das wäre auch ein hübsches Paar für die laufende »Wer bin ich?«-Runde. Für die fünfte und sechste zu suchende Person nehme ich aber ein anderes »Pärchen«, das eine gewisse Szene völlig unterschiedlich beurteilte. Nr. (5) sah sie so: »Das war ein normaler Zweikampf, und ich habe ihn nicht berührt. (6) ist, nachdem ich den Ball gespielt habe und er über mein Bein gesprungen ist, unglücklich auf seine Achillesferse, sein Fußgelenk oder wo auch immer hingefallen. Vielleicht hatte er damals eine gute Versicherung abgeschlossen. Bei einer solchen Verletzung muss man ganz sicher keine Karriere aufgeben.« Unsere Nr. (6) hat an die Szene eine ganz andere Erinnerung: »Ein dummes Foul von (5) hat meine Karriere beendet. Sie müssen sich vorstellen: Ich stehe mit dem Gesicht zu den Zuschauern an der Außenlinie, decke den Ball ab, da kommt (5) völlig überflüssigerweise von hinten angeflogen, voll in die Beine, es verdreht mein Sprunggelenk, meine Karriere war beendet.« – Bitte noch keine Einsendungen, die entscheidende Frage folgt  nach dem WM-Finale.
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Ach ja, meine »prophetischen Gaben«. Vielleicht habe ich sie ja doch und weiß nichts davon? Wie bei Suarez? Ich versuch’s einfach mal: Heute fallen ziemlich viele Tore, deutlich mehr davon schießt Deutschland. Ohne jede Spur von »Gijon«. Das ist jedenfalls meine Welt als Wille und orakelhafte Vorstellung. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle