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Sonntag, 22. Juni, 6.15 Uhr

Wenn wir in der Oberprima Aufsätze schrieben, insgesamt drei im Abi-Jahr, hatten wir einen ganzen Schultag Zeit, von der ersten bis einschließlich sechsten Stunde, also von acht bis kurz nach eins. Es gab vier Themen, drei bezogen sich auf den Unterrichtsstoff, eins musste ein freies sein. Ich nahm natürlich das freie Thema, da ich im Unterricht aus Prinzip nicht mitgearbeitet hatte (warum, führt hier zu weit, spielt auch keine Rolle; nur so viel: Mit dem Deutschlehrer hatte ich ein Waffenstillstandsabkommen: keine Beteiligung am Unterricht, aber wegen der Spitzennoten schriftlich – so fair war er, die zu geben – gab es eine garantierte Drei im Zeugnis). Die meisten Mitschüler waren längst fertig, hatten schon ihre Hefte abgegeben und bekakelten ihre Aufsätze beim Frühschoppen bei “Giorgio”, da hatte ich noch keine Zeile geschrieben, sondern bastelte noch an der Gliederung, nachdem ich lange, lange hin und her überlegt hatte. Erst wenn die Gliederung stand, so gegen elf, zwölf, schrieb ich los, dann lief auch alles wie von selbst, kurz nach eins war ich fertig.

Als ich Volontär und zu aktuellen Terminen geschickt wurde, wollte ich das Procedere mit der Gliederung beibehalten. Schon nach dem ersten Termin (es ging um die Gründung der Großgemeinde Lohra, ja, vor etwa hundert Jahren!) setzte ich mich hin und gliederte, gliederte. Ressortleiter Lothar Sch., Gott hab ihn selig, staunte, sah sich das an, und gab mir schließlich, dezent und freundlich wie er war, den Rat, das doch lieber sein zu lassen, da es im aktuellen Terminjournalismus ein klein wenig schneller gehen müsse. Seitdem gliederte ich nicht mehr und hackte die Texte direkt in die Schreibmaschine. Bis ich anfing, Kolumnen zu schreiben, Kommentare und Glossen. Da gliederte ich wieder, bis heute. Wie für die “Montagsthemen”.

So, langer Vorrede lapidarer Sinn: Vor der Feingliederung steht die Grobgliederung, und die sieht heute auf dem Zettel so aus: Oben links: Messer/Bleistift  – Pfeil nach rechts: ansonsten alles Makulatur – Pfeil nach rechts unten: bitte kein Remis! – Pfeil nach links unten: Gijon! – Pfeil senkrecht runter: 94/Fax-Zeitung – Pfeil schräg rechts runter: kein Fingerzeig für die Zukunft, eine Sache des Augenblicks, wie der Fußball.

Klingt noch ziemlich kryptisch, ist aber schon eine Wegweisung, basierend auf Gedankenhäppchen, gestern nach dem Spiel und heute vor dem Blog notiert. Die Stichworte “Gijon” und “Fax-Zeitung” haben den Zusatz: “Erinnerung auffrischen/Archiv”. Mache ich jetzt, ab ins Archiv:

 

Zur Schmach von Gijon. Von Gijon? Jetzt muss mal eine persönliche Sportgeschichte folgen: Nach dem einvernehmlichen WM-Gekicke von Deutschland und Österreich zu Lasten Algeriens gebe ich zunächst, ganz sachlich, in einem aktuellen Kurzkommentar die Schuld dem Reglement, weil der Modus noch keine zeitgleichen letzten Gruppenspiele vorsah. Den Fußballern kann man, schreibe ich, keinen Vorwurf machen. Warum sollten beide Teams mit letztem Einsatz spielen, wenn dabei eines ausscheiden könnte? Bei Olympia käme kein Läufer auf die Idee, im Zwischenlauf volle Pulle zu rennen, mit der Gefahr einzubrechen und auszuscheiden, wenn er mit einem lockeren Lauf auf Platz den Endlauf sicher hätte. * Als sich aber ganz Medien-Deutschland über die Schmach von Gijon aufregt und den ARD-Reporter Stanjek (2001 +) wegen der Courage lobt, seine Verachtung deutlich gezeigt zu haben, da denkt der kleine »gw«: Na wartet, das kann ich auch, das toppe ich noch – und ich schicke im Namen unserer Leser ein Entschuldigungstelegramm an die algerische Botschaft. Stolz veröffentliche ich es auf der ersten Sportseite (nur deshalb schicke ich es ja auch ab). Aber au weia!! Was fliegen mir die Fetzen um die Ohren! Der Wind hat sich gedreht. Aus rechten Löchern geifert es, zum Teil mit gefährlich klingenden Drohungen, was mich noch am wenigsten berührt. Mir viel unangenehmer: Wer meiner echten Meinung ist, der ärgert sich über die Anpasserei. Und das Schlimmste: Aus der linken Ecke scharen sich Betroffenheitsbeseelte um mich, die sich wieder einmal schämen, Deutsche zu sein, sie vereinnahmen mich als einen der Ihren und verteidigen mich nicht nur gegen Neonazis, sondern auch gegen die sich nicht schämenden unstolzen Deutschen, auf deren Seite ich mich fühle. * Die volle Wahrheit über die Schmach von Gijon ist also in Wahrheit die Schmach von »gw«. Ein Leser brachte es dann auf den Punkt und traf damit den Schreiber an seinem wundesten: Recht geschehe ihm. Zuerst einen vernünftigen Kurzkommentar schreiben, dann wider besseres Wissen die scheinheilige Empörung der Medien übertreffen wollen und damit kräftig auf die Schnauze zu fallen, das sei eine verdient harte Strafe.

 

 

Das war ein Tiefpunkt, die Fax-Zeitung ein Höhepunkt im Journalistenleben. Der ist aber anscheinend schon so lange her, dass er nicht ins elektronische Archiv übernommen wurde. Ich finde jedenfalls nichts. Zum Glück habe ich mein eigenes Papier-Archiv mit den wenigen wichtigen meiner vielen Artikel. Dort habe ich es soeben gefunden. Schreibe es natürlich für den Blog nicht ab (für Gijon musste ich nur “klick” machen). Jedenfalls bin ich jetzt bei beidem wieder auf dem Laufenden bzw. dem damals Gelaufenen. Was das mit den aktuellen “Montagsthemen” zu tun hat? Abwarten. Jetzt: kurze Pause, Kaffee, Knicks, Feingliederung, und dann wahrscheinlich wie früher, etwa von elf bis eins, der Besinnungsaufsatz. Bis dann.

Baumhausbeichte - Novelle