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Montagsthemen (vom 23. Juni)

Erst spielte Ghana mit dem Messer zwischen den Zähnen und Deutschland mit dem Bleistift hinter dem Ohr, dann beide wie aufgedreht »ruff un runner« – aufregend, merkwürdig, denkwürdig.
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Wie ist das zweite WM-Spiel einzuordnen, was sagt es über die Verfassung der deutschen Mannschaft, welche Folgerungen soll man ziehen? Die Antworten überlasse ich anderen, ich weiß keine, ich weiß nur: Scheinbar überzeugende Antworten werden nach dem USA-Spiel Makulatur sein, wie schon nach dem Ghana-Spiel Makulatur ist, was dem Portugal-Spiel hymnisch angedichtet wurde.
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Ich weiß aber auch, dass ich nicht weiß, was alle Leser schon wissen: Wie die Nacht-Partie zwischen Portugal und den USA ausgegangen sein mag. Hoffentlich nicht unentschieden! Denn das wäre fatal. Doch zunächst zum Nichtwissen dessen, was alle wissen, zum »aktuellen« Handicap des Zeitungsschreibers in Zeiten des Internets. Vor zwanzig Jahren gab es dieses (Internet) und damit auch jenes (Handicap) noch nicht, aber die Ahnung lag schon in der Luft. Ich versuchte daher 1994 bei der WM in den USA, meiner Zeit wenigstens kurzfristig voraus zu sein und ersann eine »FAX-Zeitung«, denn wegen der Zeitverschiebung wurden manche WM-Spiele erst um 1.30 Uhr angepfiffen. Kurz vor vier Uhr am Morgen faxten wir also eine aktuelle WM-Seite an interessierte Leser, die sich zuvor angemeldet hatten. Ein Riesen-Erfolg, über 600 Leser nutzten den kostenlosen, damals hoch»high«technischen Service,  manche vervielfältigten unsere FAX-Zeitung sogar, um sie an Freunde, Bekannte oder Kunden im gesamten Bundesgebiet weiter zu faxen.
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In den Medien standen wir ebenfalls im Fokus, in Interviews und interessierten Nachfragen quetschten uns die Kollegen aus – hat das Blatt aus der mittelhessischen Provinz etwa den Weg in die Zukunft der Zeitung gefunden? Das machte uns und mich natürlich stolz, obwohl ich wusste, dass dies nicht der Weg in die Zukunft war, sondern in eine Sackgasse, die nur für den Moment sinnvoll zu begehen war.
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Warum diese Reminiszenz? Weil FAX-Zeitung und Ghana-Partie etwas gemeinsam haben: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, das nächste ist immer das schwerste und vor allem: ein ganz anderes als das im Moment diskutierte. Was zu beweisen war – durch das Internet. Was zu beweisen sein wird – durch das USA-Spiel.
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Und warum hoffentlich kein Unentschieden? Damit von einem Höhepunkt zu einem Tiefpunkt im Journalistenleben. Fußball-WM 1982. Nach dem einvernehmlichen Gekicke von Deutschland und Österreich zu Lasten Algeriens schrieb ich in einem aktuellen Kurzkommentar, den Fußballern könne man keinen Vorwurf machen. Warum sollten beide Teams mit letztem Einsatz spielen, wenn dabei eines ausscheiden könnte? Beispiel: Bei Olympia käme kein Mittelstreckler  auf die absurde Idee, im Zwischenlauf höchstes Tempo zu rennen, mit der Gefahr, einzubrechen und auszuscheiden, wenn er mit einem lockeren Lauf auf Platz den Endlauf sicher hätte.
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Als sich aber tags darauf ganz Medien-Deutschland empörte und den ARD-Reporter Stanjek wegen der Courage lobte, seine Verachtung deutlich gezeigt zu haben, da dachte ich: Na wartet, das kann ich auch, das toppe ich noch – und ich schickte im Namen unserer Leser ein Entschuldigungstelegramm an die algerische Botschaft. Aber au weia, welch ein Echo! Aus rechten Löchern geiferte es, zum Teil mit gefährlich klingenden Drohungen, was mich noch am wenigsten berührte. Mir viel unangenehmer: Wer meiner echten Meinung war, ärgerte sich über die Anpasserei. Und das Schlimmste: Betroffenheitsbeseelte scharten sich um mich, die sich wieder einmal schämten, Deutsche zu sein, sie vereinnahmten mich als einen der Ihren und verteidigten mich nicht nur gegen Neonazis, sondern auch gegen die sich nicht schämenden unstolzen Deutschen, auf deren Seite ich mich fühlte und fühle. Die volle Wahrheit über die Schmach von Gijon ist also in Wahrheit: meine Schmach.
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Es möge also bitte, bitte kein Nacht-Unentschieden gegeben haben. Denn sonst kämen Deutschland und die USA bei einem weiteren Remis mit jeweils fünf Punkten weiter, Portugal und Ghana schieden in jedem Fall aus. Man stelle sich bloß vor, in der 70. Minute steht es 0:0, und dann kicken sich beide nur noch die Bälle zu … nein, bloß kein Unentschieden! (gw

Baumhausbeichte - Novelle