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Erkennt mich wer unter dem Helm? (“Mein progressiver Alttag” vom 21. Juni 2014 im “Senioren-Journal”)

Sooo alt bin ich nun doch noch nicht, dass ich… aber der Reihe nach. Zuletzt habe ich in meinem »progressiven Alttag« über Zipperlein wie Sattelgelenksarthrose und Großzehenschiefstand (Hallux valgus) geklagt. Vor allem für den »scheppen Zeh« gab es einige wohlmeinende Ratschläge, ich habe sie alle beherzigt, aber, o weh, o Zeh, nichts hilft, im Gegenteil, stünden meine großen Zehen in Pisa, wären sie, bei diesen Neigungswinkel, längst zusammengebrochen. Aber sie liegen ja schon und könnten es sich im Fußbett behaglich machen. Doch das genügt ihnen nicht, sie expandieren aggressiver als Putin auf der Krim. Mittlerweile könnten sie jeden Eid ungültig machen, und zwar doppelt, denn dazu benötige ich keine gekreuzten Finger hinter dem Rücken, sondern nur die gekreuzten Zehen im Schuh.   Vielleicht sollte ich den Rat einer Leserin beherzigen, die schon vor Jahren Respekt bekundete, »wie Sie mit der scheppen Zehe mannhaft durchs Leben gehen. Es gibt jedoch eine wirksame Gymnastik gegen den Hallux valgus. Sie nennt sich Spiraldynamik. Es gibt Physiotherapeuten, die Kurse zur Spiraldynamik anbieten und in denen Sie ausschließlich auf Mitglieder Ihrer liebsten Zielgruppe treffen.«   Verheißungsvoll. Das Stichwort »mannhaft« könnte mir dabei zu einer gewissen Spiraldynamik im sozialen Kontakt verhelfen, denn was beeindruckt die Damen mehr als Erzählungen von männlich-mannhaften Großtaten? Nichts!   Also werde ich von meiner letzten Klassenfahrt berichten. Ist erst ein Jahr her. Na ja, nicht dass ich noch sooo jung wäre. Aber seit ein paar Jahren unternehmen drei alte Klassenkameraden regelmäßig gemeinsame Radtouren, letztes Jahr zum Beispiel waren wir drei Tage in Mainfranken unterwegs, bei 54 Grad im nicht vorhandenen Schatten, dabei mit den Rädern bis zu den Speichen im flüssigen Asphalt steckend, und haben dennoch einige Tausend Kilometer abgerissen. Ja, wirklich! Einer von uns – nicht ich natürlich! – fuhr allerdings peinlicherweise mit einem Pedelec, einem Rad mit zuschaltbarem Elektro-Antrieb. Diese Memme! Nie würde ich derart kläglich vor dem Alter kapitulieren!   So oder so ähnlich hätte ich im Großzehenschiefstand-Kurs auftrumpfen können, den ich mir als altersgemäß kontaktanbahnende Fortsetzung von Skigymnastik und Tuesday-Night-Skaten vorstelle, wenn, ja wenn mir die Allerliebste aus der liebsten Zielgruppe nicht leise lächelnd empfohlen hätte: »Am besten, du fährst mit deinem neuen Pedelec zum Kurs, kleiner Nestor.«

Sagen Sie selbst: Ist es nicht ziemlich bösartig von ihr, mir so den Wind aus den Segeln zu nehmen? Gut, ich gebe zu, ich habe mir kürzlich ein solches Gerät zugelegt. Na und? Ich habe ja noch meine anderen Sporträder, mit denen ich unterwegs bin, mit schierer Muskelkraft und schnell wie der Wind. Manchmal. Immer seltener. Ach was, zugegeben: Eigentlich gar nicht mehr. Und Nestor! Ich weiß genau, was sie damit meint!   Nestors Abgesang   »Wär ich doch so jung, und mir wäre die Kraft beständig«, klagt der alte Grieche und erinnert sich an seine Jugend: »Da kam kein Mann mir gleich. Mit der Faust besiegte ich Klytomedes und den Ankaios im Ringen, den Iphiklos aber überholte ich mit den Füßen, und mit dem Speer warf ich weit hinaus. So war ich einst!« Na ja, wie sich Greise eben glorifizieren. Nestors Abgesang: »Jetzt aber sollen Jüngere solche Werke angehen; doch mir ist not, dem traurigen Alter zu gehorchen. Damals aber schien ich hervor unter den Helden.«   »Damals aber schien ich hervor unter den Helden« – Welch eine Aussage! Ich werde auf den Spiralkurs verzichten. Mit dem Pedelec bin ich in meinem »progressiven Alttag« wieder ein bisschen weiter in die Gerontofizierung fortgeschritten bzw. fortgefahren. Ich nehme die Last, dem traurigen Alter zu gehorchen, mit Würde auf mich. Außerdem: ES IST EINFACH HERRLICH, DEN AKKU EINZUSCHALTEN! Gegenwind und Steigungen sind nicht mehr meine natürlichen Feinde – ich ignoriere sie einfach und radle leichten Trittes weiter und immer tiefer in meinen »progressiven Alttag« hinein.   So. Nun habe ich mich auch vor den Lesern geoutet. Leicht war es nicht. Ein wunder Punkt ist es immer noch. Schaute ich früher entgegenkommenden Radlern fröhlich ins Gesicht (vielleicht kennt man sich ja?), blicke ich nun beschämt nach unten, registriere aber aus den Augenwinkeln den mitleidig-abschätzigen Blick auf meine Antriebshilfe. Peinlich. Hoffentlich erkennt mich unter dem Helm keiner.   Am schlimmsten ist es, wenn ich aus Fitnessgründen den Akku überhaupt nicht einschalte und mich redlich abstrample. Am liebsten würde ich dann den überheblichen Blicken der knallbunten Silberrücken, die mich auf ihren superleichten Rennrädern überholen (wartet nur, bald gebt auch ihr auf!), wütend hinterher brüllen: »Ich fahre ohne Akku! Das ist auf dem schweren Pedelec viel anstrengender!«   Ich habe mir aber fest vorgenommen, über der Verachtung zu stehen. Schließlich ist nicht nur mein Alttag progressiv, sondern auch mein Radfahren. Früher gab es keine Gangschaltung, danach die Torpedo-Dreigangnabe, heute hat man beim Schalten auf dem Rad eine größere Auswahl als beim Zappen vor dem Fernseher, und morgen fährt die echte Avantgarde auf dem Rad mit Akku. Ich fahre schon mal voraus.

Baumhausbeichte - Novelle