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Sport-Stammtisch (vom 21. Juni)

Nacharbeit ist Vorarbeit. Vor dem ersten Satz dieser Kolumne steht das Nachlesen aller bisher noch nicht gesichteten Zeitungen von »Bild« bis »taz«, die sich im Lauf der Woche zu einem alpen… naja, sagen wir: taunushohen Papierberg aufgetürmt haben. Ein Leseerlebnis der besonderen Art, denn mittlerweile kenne ich ja die Spielergebnisse und deren Zustandekommen und kämpfe mich durch all die alten Vorab-Analysen, Prognosen und Stimmungsberichte, die fast durchweg gemeinsam haben: Erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt. Und was bleibt? Nur noch bedrucktes Papier, Verdruckstes von einer Halbwertzeit, mit der jeder Castor-Transport statt nach Gorleben auf Kinderspielplätze geschickt werden könnte.
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Beispiele erspare ich mir und den Kollegen. Will ja kein Nestbeschmutzer sein. Einen schone ich aber nie. Da raunte dieser Fachmann doch exklusivwisserisch nach dem 1:5 gegen Holland, für Spanien sei außer diesem Spiel noch nichts verloren, was zwischen den Zeilen bedeuten sollte: Die berappeln sich wieder. Und ein paar Stunden später hatten die Spanier nicht nur ein Spiel, sondern alles verloren.
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Diesmal raune ich lieber gar nichts. Ich hätte es ja auch besser wissen müssen. Am ehesten gewinnt, wer die wenigsten Fußkranken zur WM mitschleppt, behauptete ich schon früh, und da »fußkrank« sich nicht auf körperliche Malessen beschränkt, sondern auch ein Synonym für saisonausgelaugte Stars ist, die bis in die Europa-Finalspiele Vollgas geben mussten, ist das iberische Desaster nicht vom Himmel gefallen, sondern der Preis des Erfolgs im Klubfußball.
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Oder auch nicht. Was weiß denn ich? Überhaupt, was weiß denn irgendwer? Wer vor dieser WM behauptet hätte, der alte »Kick and rush«-Fußball würde wieder auftauchen, wäre ausgelacht worden. Jetzt könnte ich zwar behaupten, das werde sich ab dem Achtelfinale legen, doch dann denke ich an den Großen Papierfeldberg, den ich später wieder abarbeiten muss … und bleibe prognosefrei. Heute gegen Ghana? Dann spielt mal schön.
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Die Mutter aller Prognosen hat gegenüber Fußball den Vorteil, dass ihre Halbwertzeit nicht in Stunden oder Tagen, sondern in Jahren oder gar Jahrzehnten gemessen und im Lauf der Zeit vergessen wird. Sagt Ihnen der Name Francis Fukuyama noch etwas? 1989 machte ihn sein Essay »Das Ende der Geschichte« berühmt, die Voraussage, dass mit dem Zusammenbruch des Kommunismus der Westen endgültig gesiegt habe und dass die ganze Welt auf westliche Werte einschwenken werde. Die Prognose hat sich in etwa so bewährt wie der böse Rucksack, den Beckenbauer nach der WM 1990 dem armen Berti draufgepackt hat: »Wir werden auf Jahre hinaus unschlagbar sein.«
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Ich wäre schon froh über Unschlagbarkeit heute zwischen 21 und 23 Uhr. Da bin ich auch sehr optimistisch, denn auf meinem Papierfeldberg wachsen hübsche statistische Pflänzchen, die ich gerne pflücke. So lese ich im »Zeitgeschehen«-Ressort der FAZ, weitab vom Sportteil, dass »ohne Müller meistens irgendetwas schiefgeht«. Die Beweiskette hatte ich schon fast vergessen: WM-Halbfinale 2010 gegen Spanien: Müller gelbgesperrt. Champions-League-Finale 2012: Müller schießt das Führungstor, wird ausgewechselt. Und sogar beim epochalen 4:4 gegen Schweden: Müller beim Stand von 4:0 ausgewechselt! Also: Nie wieder! Zum Glück besteht diese Gefahr heute nicht.
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Auch die Gefahr, dass Thomas Müller sich bei all dem Hype verändert und am Boris-Syndrom erkrankt, das nette Sportjungs aus der normalen Bahn in die mediale Rummel- und Achterbahn wirft, besteht wohl nicht. Auch dass seine Freundin keine »Spielerfrau«, sondern schon lange seine Angetraute und sogar – fast ein Alleinstellungsmerkmal – kein Model und auch sonst nicht einschlägig bekannt ist, gibt große Zuversicht, dass Müller Müller bleibt.
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Was eine riesige Leistung wäre, denn wenn ich als siebzehnjährigster Leimener in die Umlaufbahn geschossen worden wäre, hätte ich gewiss noch viel peinlichere Bauchlandungen hingelegt als Boris Becker. Eigentlich wollte ich »Sie und ich« schreiben, doch Ihnen, liebe Leser, möchte ich nicht zu nahe treten. Vielleicht strotzen Sie ja vor Thomas-Müller-Genen.
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Die Fußballer und ihre Models: Fast alle haben eins, jetzt sogar auch Schürrle, und das von Hummels schreibt »Bild«-Kolumnen, in denen es verrät, dass Ronaldo »rasiertere Beine als ich« hat. Aber ich sollte die Model-Manie nicht veräppeln, sie hängt mit dem »Boris-Syndrom« zusammen, denn wer als Jung-Twen in die Glitzer- und Glotzerwelt aufsteigt, hat kaum noch Gelegenheit, »normale« Kontakte zu knüpfen. Gilt  für beide, Fußballer und Models.
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Für die normalsterbliche Jugend ist Public Viewing eine Art Probebühne, auf der Fußball als Vehikel für andere Zwecke dient, vorwiegend weiblicherseits. Aber warum auch nicht? Überhaupt sollten sich Fußball-Muffel mit ihrer Motzerei zurückhalten. Ich erkenne sie aber auch, wenn sie stumm bleiben! Denn per Zufall erfahre ich beim Stöbern in meinem alten Jagd-Lexikon, was ein »Muffel« ist und wo er herkommt: Es ist die »beim Elch über die Unterlippe hängende Oberlippe«. Zurück in den Wald, ihr Elche! Nein, sorry, ich wollte nicht schimpfen, denn »die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche« (F. W. Bernstein).
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Tierisch auch das Allerletzte. Gestern auf der Landesgartenschau. Ich schütte über der Liebsten das Füllhorn meines Naturwissens aus, mangels Pflanzenkenntnis nehme ich die Amsel und doziere mein Erstklässlerwissen (sie weiß, was kommt, und rollt schon mit den Augen): Die männlichen Amseln seien an ihrem schwarzen Federkleid zu erkennen. Das hört im Gedränge einer und sagt im Vorübergehen zu seiner Begleitung: »Guter Satz, sehr symbolisch, kommt wohl von der FIFA, ein Antirassismus-Slogan.« Ich bin verdutzt. Es dauert lange, bis mich meine Liebste unter Lachtränen aufklären kann: »Du hast gesagt, die Menschen sind alle schwarz.« – »Ja, klar, stimmt doch.« – »Aber du meinst Amseln, nicht Menschen.« – »Nein, ich meine die Menschen der Amseln« … und dann erst geht mir ein hessisches Licht auf: Menschen und Männchen, Kirsche und Kirche, unser altes Leiden. Aber wäre es nicht ein hübscher Slogan: »Die Menschen sind alle schwarz«? (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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