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WM-Stammtisch (vom 18. Juni)

In all dem Überschwang halte ich mich lieber an den großartigen Thomas Müller (»Kirche im Dorf lassen«). Dazu meine Laienpredigt: Prima gemacht, aber noch nichts gewonnen außer dem ersten Spiel. So wie übrigens auch Titelverteidiger Spanien außer diesem noch nichts verloren hat.
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Bei Portugal sieht das schon anders aus: Der Beste entzaubert, die beiden Zweitbesten gesperrt oder verletzt – jetzt haben sie den Blues, der bei ihnen Fado heißt. Wir haben ja kein eigenes Wort dafür, nur deutsches Liedgut schaurig-wohliger Traurigkeit: Heile, heile Gänsje, Mamatschi, schenk mir ein Pferdchen . . . Da legt man doch lieber seine alte »Lagrimas«-CD von Dulce Pontes auf. Zum Weinen schön.
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Vor deutschen Bildschirmen flossen nur Bier und allenfalls Jubeltränen. Die vielen Gelegenheitsgucker, die alle vier Jahre auf den WM-Zug springen, freuten sich, von vier Toren geblendet, über eine rauschende Gala. Wer genauer hinschaute, sah keine rauschende Gala, denn es gab keine, dafür aber – Räusche dauern nie lange, der Kater kommt bestimmt – etwas viel Erfreulicheres: Die Realisierung der angeahnten Erwartung (siehe letzte »Montagsthemen«) auf eine Trendwende im deutschen Spiel, weg vom Rausch-und-Kater-Fußball zum überlegt-überlegenen Spielen mit dem Gegner. Gerade in den »langweiligen« Phasen des Spiels gelang dies auf eine sehr hoffnungsvolle Weise.
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Wollen wirklich viele Menschen jedes Spiel der WM sehen? Ich lasse tagsüber manche Spiele aus, denn wenn die Sonne scheint und Dings gegen Bums spielt, was soll ich da vor dem Fernseher? Und in der Nacht schlafe ich sowieso. – So, damit hätte ich in dieser Kolumne auch ein Bewerbungsschreiben untergebracht. Wen, wenn nicht mich, muss »Schraubenkönig« Reinhold Würth zu seinem Top-Außendienstler machen!? Der Milliardär fürchtet wegen der Marathon-Guckerei um die Arbeitsmoral seiner Angestellten, vor allem der Außendienstler: »Wenn die statt um halb acht erst um halb elf beim Kunden sind, geht viel Arbeitszeit verloren.« Nicht bei mir!
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Wenn ich dann allerdings hellwach um halb acht beim Kunden klingele, der Fußball-WM geguckt hat, verkaufe ich womöglich keine einzige Schraube, sondern werde rüde rausgeworfen und beschimpft: »Wohl ne Schraube locker!?«
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Kennen Sie übrigens eine Gemeinsamkeit von Würth und Uli Hoeneß? Genau! Doch um korrekt zu sein: Auch Würth gilt zwar wegen Steuerhinterziehung als vorbestraft, jedoch in einem deutlich minderschweren Fall. In ganz anderen Dimensionen bewegen sich die Fälle, bei denen sogar dem nonchalanten Glückskind Beckenbauer die Fälle … kleiner Kalauer … die Felle wegzuschwimmen drohen. Ich kann allerdings nichts grundsätzlich Sensationelles rund um Katar entdecken – oder ist Bestechung bei WM-Bewerbungen etwa nicht Usus, sondern wirklich Ausnahme?
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Keine Bestechung, und damit zur mir unangenehmsten Szene dieser WM, liegt dem Elfmeter im Auftaktspiel zugrunde. Mir tut der Schiedsrichter leid, denn Freds sterbender Schwan ist jedem anständigen Japaner wesensfremd. Also pfiff er, und Fred bekreuzigte sich und dankte dem lieben Gott. Wetten, dass der ihm die gelbe Karte zeigt!?
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Aber nicht Fred, sondern der Schiedsrichter wird weltweit kritisiert und verspottet. Hoffentlich nimmt er sich den Ehrverlust nicht so zu Herzen wie sein Landsmann, der bei Olympia 1964 in Tokio im Marathonlauf auf den letzten Metern überholt wurde und »nur« Bronze gewann. Er schämte sich buchstäblich zu Tode: Wegen der Schmach nahm er sich das Leben. Schämen sollte sich nur einer: Fred.
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Wenige Jahre  nach Tokio 1964, und damit zur Fortsetzung der laufenden »Wer bin ich?«-Runde: Südamerika-Tournee der Fußball-Nationalmannschaft. Angstschlotternd sitzt (3) unter einem Tisch im Dachgarten des Hotels, nuckelt an einer Cola und hofft inbrünstig, nicht erwischt zu werden – es ist schließlich schon nach 22 Uhr, Zapfenstreich vorüber, und rechtschaffene Nationalspieler haben um diese Zeit im Bett zu liegen. Plötzlich erscheint der Gottseibeiuns in Gestalt von Bundestrainer (4), schaut unter den Tisch – und der arme (3) weiß, welche Stunde für ihn geschlagen hat: die letzte als Fußball-Nationalspieler.
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Wer sind (3) und (4)? Bitte nur notieren, nicht einsenden. Die entscheidende Frage wird erst nach der WM gestellt, denn das Endspiel  kann die Antwort verändern …
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Das Schlusswort überlasse ich dem Mann des Tages, der er für mich schon am Morgen dieses Tages war, als ich im »Kicker« ein Interview mit ihm las. Darin war er noch treffsicherer als am Abend, Beispiele hebe ich für die nächste »Ohne weitere Worte«-Kolumne auf. Hier als Vorgeschmack nur die Antwort auf die Frage aller Fragen, was für Deutschland bei dieser WM realistisch sei: »Realistisch ist immer, was hinterher rauskommt.« Ein echter Müller. Rotzfrech und treffsicher. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle