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Sonntag, 15. Juni, 6.20 Uhr

Der Blick in die Meldungen der Nacht gilt vor allem dem England-Italien-Spiel, denn Nachtspiele schaue ich nicht live, jedenfalls nicht in der Vorrunde und nicht, wenn Deutschland nicht spielt.  Überhaupt kann ich nicht nachvollziehen, dass manche – viele? – Menschen jedes Spiel der WM sehen wollen. Ich lasse auch tagsüber viele Spiele aus, denn wenn die Sonne scheint und Dings gegen Bums spielt, was soll ich da vor dem Fernseher? Ich wäre also der ideale Arbeitnehmer von “Schraubenkönig” Reinhold Würth, und damit zur Meldung der Nacht:

Zuletzt machte «Schraubenkönig» Reinhold Würth seinen Außendienstlern mit einem Brandbrief Beine, zur Fußball-WM fürchtet er nun erneut um deren Arbeitsmoral. «Ich mache mir wegen der Fußball-WM Sorgen, was die Wirtschaft betrifft», sagte der Unternehmer der Nachrichtenagentur dpa. Die Zeit, die die Menschen mit Fußballschauen verbrächten, koste Produktivität – erst recht, wenn sie danach morgens später mit dem Arbeiten anfingen.« Das gilt vor allem für Außendienstler, die kontrolliert ja niemand. Wenn die statt um halb 8 erst um halb 11 beim Kunden sind, geht viel Arbeitszeit verloren. Würth hatte seinen Mitarbeiter zuletzt in einem Brief aufgerufen, früher beim Kunden zu sein. Während der Fußball-Weltmeisterschaft sieht Würth mit Blick auf den verspäteten Dienstbeginn immerhin einen Vorteil: «Das einzig Gute ist, dass es der Konkurrenz ja dann genauso geht.”

Tja. Ich bin bereit! Etwas mehr interessierte mich dann doch die zweite Top-Meldung, der italienische Sieg. Die Berichte machen nachträglich Lust auf das Spiel. Hätte vielleicht doch aufbleiben sollen. Seit Wochen schon habe ich diese Notiz im Themenzettelkasten:

Englands U17 zum zweiten Mal nach 2010 Europameister / das widerspricht den gängigen Klischees

Damit meinte ich (und hätte in der Kolumne ausführen wollen), dass das Vorurteil, die Engländer vernachlässigten die Nachwuchsarbeit und setzten nur auf das Geld von Scheich & Co, nicht stimmen könne, und andererseits, das aber nicht ernstgemeint, dass England sogar zu den – allerdings sehr vielen – Mitfavoriten gehören müsse, wenn die Fachmeinung zuträfe, dass sich Titel im Nachwuchsbereich später mit “echten” Titeln auszahlen würden. Bisschen viel Konjunktiv im Satz. Im Indikativ sollen die jungen Engländer aber wirklich ein großes Spiel gemacht haben und nur an “Genie und Wahnsinn” (Pirlo/Balotelli) gescheitert sein. Na ja, wohl kein Montagsthema mehr.

Auch kein Thema in meinen Kolumnen: Das Geißeln von Missständen in Brasilien. Nicht, weil ich verharmlose, nicht, weil ich die Augen verschließe, sondern weil ich mich an dem Ritual nie beteilige, das im Vorfeld von WM und Olympia abläuft, in welchem Land es auch sein möge. Immer dient das Großereignis als Vehikel für Kritiker, ihrem Protest gegen Menschenrechtsverletzungen, Korruption, Ausbeutung, Kriminalität, Wirtschaftsschweinereien usw. zu weltweiter Aufmerksamkeit zu verhelfen, meist zu Recht, aber pünktlich zur Abschlussfeier, nein, meistens schon zur Eröffnungsfeier interessiert sich die Weltöffentlichkeit nicht mehr dafür, vor allem auch die veröffentlichende und veröffentlichte Meinung nicht mehr. Auf den Kurzzeit-Zug springe ich nie auf, weil ich glaube, das sollte man Kundigeren überlassen, jedenfalls Kundigeren, als ich es in den meisten dieser Fälle bin. Außerdem, und hier kommt mein resignativer Pessimismus hinzu, gibt es kein Land auf dieser Erde, in dem es nicht, wenn es Ausrichter wäre, berechtigte Proteste gegen schlimme Missstände geben müsste. Kein Land, auch unseres nicht. Mit am schlimmsten war die WM damals in Argentinien (siehe dazu auch Otto A. Böhmer in der “Mailbox”). Dass der WM-Titel gekauft war, scheint nicht nur historische Wahrheit zu sein, sondern ist im Vergleich zu anderen Schweinereien der Junta fast unerheblich.

Meine Montagsthemen müssen aber andere sein. Zum Beispiel, warum ich dem Portugal-Spiel leicht optimistisch entgegensehe (wegen der vermuteten Stiländerung im bisher so berechenbaren deutschen Spiel). Außerdem muss ich mal nachschauen, ob es stimmt, woran ich mich beim Bayern-Doc (Fall Ribery) erinnere (Stichwort Klümper). Auch der japanische Schieri vom Eröffnungsspiel soll noch einmal eine Rolle spielen (dass er ein ehrenwerter Mann ist / mit Schwenker zur Videohilfe). Und natürlich van Gaal und Holland. Bis dann.

Baumhausbeichte - Novelle