Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Montagsthemen (vom 16. Juni)

»Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehn!« Denn »durch diese hohle Gasse muss er kommen«, der tödliche Pass. Egal ob Goethe oder Schiller, »Faust« oder »Tell«: Wichtig ist, nach dem ersten Kunstschuss (Apfel) einen zweiten, den finalen Pfeil im Köcher zu haben (Gessler).
*
Übersetzt ins Fußballdeutsche keimt leiser Optimismus auf, denn nach allem, was man hört und liest, scheint der Bundestrainer in Brasilien den deutschen Stil modifizieren zu wollen, weg vom reinen Kunstschuss hin zum Tellschen Abwarten auf die günstige Gelegenheit in der hohlen Gasse. Mats Hummels deutet es an: »Dem Gegner mal ein bisschen die Chance geben, sich zu verausgaben, das ist, glaube ich, nicht das Verkehrteste bei den Bedingungen« (Quelle: Süddeutsche Zeitung) – statt kräftezehrend kunstvoll den kompakt abwartenden Gegner zu bespielen, bevor dieser durch die hohle Gasse zum finalen Schuss ansetzt.
*
Auch die voraussichtliche Aufstellung deutet darauf hin, dass dem zwischen elegant-effizient und brotlos-hilflos irrlichternden deutschen Stil eine entscheidende neue Komponente hinzugefügt werden soll: Wenn die andere Mannschaft sich hinten reinstellt und wie einst Ali den armen Foreman zum Drauflosschlagen verlockt, dann bitte nicht tumb in die Falle tappen, sondern auch mal selbst den Gegner zum Agieren verleiten.
*

Doch »grau, teurer Freund, ist alle Theorie«, weiß schon Mephisto, nur wer »den Augenblick ergreift, das ist der rechte Mann«. Noch einmal ins Fußballdeutsche übersetzt, aber ebenfalls mit einem Klassiker: »Wichtig is aufm Platz.« Und nun spielt mal schön. Aber nicht nur schön, sondern immer mit einem zweiten Pfeil im Köcher.
*
Holland. Van Gaal. Sprachlos. Das geht in die WM-Historie ein. Vor dem Spiel unkte eine SZ-Schlagzeile: »Für klassischen niederländischen Angriffsfußball fehlen Bondscoach van Gaal die Spieler.« Fünf Tore gegen Spanien, ganz ohne Angriffsfußball – Respekt! Robben und van Persie gar keine echten Stürmer? Interessante Theorie. Aber ich sollte mir Häme verkneifen, sonst trifft auch mich der Häme-Hammer, Angriffs-Flächen biete ich oft genug.
*
Als van Gaal nach München kam, begann die Wandlung des alten Bayern-Fußballs in den neuen, mitreißenden, der sogar aus notorischen FCB-Feinden Bewunderer machte. Heynckes und Guardiola bauten nur darauf auf. Bei der WM 2010 spielte Deutschland schon »Louis-van-Löw-Fußball« (Thomas Müller). Dennoch musste van Gaal in München gehen, und fast alle atmeten auf. Bei allem Erfolg – dieser Mann ist nur schwer zu ertragen.
*
Ein (holländischer) Leser, der van Gaal persönlich kannte, beschrieb ihn uns als »geradlinig, eigensinnig, recht durchs Meer und schwer zu Kompromissen bereit«  »Recht durchs Meer«, ein wunderbarer  Ausdruck (Original: »recht door zee«). Wer die Romane von Maarten t’Hart kennt, findet in van Gaal den Urtyp aller t’Hart-Charaktere wieder, die dominante, verbohrte und sogar grausame Vaterfigur aus der bizarren Welt selbstgerecht gottgläubiger holländischer Sektierer. Leon de Winter, ein anderer holländischer Schriftsteller: »Menschen mit der Persönlichkeitsstruktur eines van Gaal begegnet man normalerweise in geschlossenen Anstalten.« De Winter, wohlgemerkt, ist ein Freund van Gaals.
*

Alles Fußball-Weltmeisterschaft oder was? Nein: Martin gewinnt Suisse-Zeitfahren, Harting beeindruckt in New York, Kaymer ging mit Wahnsinns-Vorsprung in die letzte US-Open-Runde, zwei Hochspringer (aus der Ukraine und Katar!) über 2,42 m – große Leistungen im Schatten der WM. In Luhmühlen starb ein Pferd, doch mein alter Gag (Sie wissen schon: einschläfernde Sportart) verbietet sich, nachdem kurz darauf auch ein Reiter zu Tode kam. Bemerkenswert aber die Aussage der Mutter »Seine größte Sorge wäre, dass durch seinen Unfall sein Sport schlecht geredet würde.« Größte Sorge? Da muss man tief durchatmen. Und sollte schweigen.
*
Dafür zum Schluss ein Wort zu Beckenbauers seltsamer Sperre. Wenn es stimmt, was er sagt, dass er die Fragen gerne beantwortet hätte, wenn sie ihm auf Deutsch und nicht in Juristen-Englisch gestellt würden, was ihm aber verweigert worden sei, dann ist die Sperre ein besonders schlechter Witz (obwohl Beckenbauer ja durchaus Juristenenglischkundige zur Verfügung stehen dürften, doch das nur am Rande). Wenn es nicht stimmt, hat er gelogen. Warum? Da drängen sich Antworten auf. Muss man sie geben? Nein. Nicht, wenn man an den Witz glaubt. Also bitte keine Majestätsbeleidigung, denn: »Kaiser« lügen nicht.  (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle