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Vanitas mit Spaß (“Nach-Lese” vom 14. Juni 2014)

Wer wird Fußball-Weltmeister? Keine Angst, jetzt verfällt nicht auch noch die »Nach-Lese« dem WM-Wahn. Zumal ich die Antwort nicht weiß. Niemand weiß sie. Selbst Stephen Hawking nicht, »Britanniens gescheitester Mann« (»Daily Mail«), für den Fußball »eines der großen Mysterien der Wissenschaft bleiben wird«.
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Andere Mysterien glaubt die Wissenschaft geknackt zu haben. Zum Beispiel die Entstehung des Universums. Obwohl – vor allem manche der größten astrophysikalischen Koryphäen scheinen zu wissen, dass sie etwas ergründen wollen, was außerhalb menschlicher Ergründungsmöglichkeiten liegt. Das kann man, das können sie nur mit Humor ertragen. Vanitas mit Spaß. Was zu beweisen sein wird.
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Doch zunächst der neueste Stand der Wissenschaft: Inflation ist angesagt. Mag auch die Welt der Wirtschaft in Zeiten von Negativ-Zinsen vor der Deflation warnen, so jubiliert die Astrophysik über die kosmische Inflation, die den Urknall endlich beweisen soll. Inflation, das ist für Astrophysiker das blitzartige Aufblähen des Universums in unvorstellbar kurzer Zeit nach dem Urknall. Als der Harvard-Forscher John Kovac bekanntgab, Gravitationswellen gefunden zu haben, die »gleichsam das Nachglimmen des Urknalls« (»Welt«) seien, jubelte die »New York Times« knallig: »Urknall durch Wellenbeweis in flagranti ertappt.«
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In Deutschland fiel der »Spiegel«, im Nachhall des »New York Times«-Urknalls, in den Jubel ein, weil die von einem Radioteleskop in der Antarktis registrierten Wellen »ein Signal vom Schöpfungsmoment des Universums« seien, womit die Urknall-Theorie nun so gut wie bewiesen« wäre.  »Crunch! Bounce! Bang! Das Echo des Urknalls erschüttert die Presse.« Natürlich ist es die »taz«, die derart despektierlich über die neuesten Erkenntnisse jener Astrophysiker informiert, die »etwas missgünstig von ihren Kollegen ›Knallchargen‹ genannt« werden.
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Doch nachdem die ersten Schlagzeilen-Wellen verebbt waren, fragten einige Skeptiker: Sind die Urknall-Beweiswellen vielleicht nur simple Staubwolken im All? Auch der »Zeit« kamen daher »Zweifel am Urknall-Selfie«. Hübsch formuliert, denn die Gravitationswellen, wenn es sie denn gibt, seien »eine Art Selfie vom Urknall«.
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Doch »auch wenn der Mikrowellen-Fund gerade wieder angezweifelt wird und die Inflationshypothese noch unentdeckte Physik voraussetzt, ist sie aufgrund ihrer Eleganz heute zum Standardmodell der ersten kosmischen Augenblicke geworden.« (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung). Ist Eleganz urknallplötzlich ein wissenschaftliches Beweiskriterium?
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Die Urknall-Wellen unterstützen auch die – für kleine Geister recht schräge – String-Theorie, nach der es ein Multiversum mit 10 hoch 500 Paralleluniversen gibt. »Und in einem davon sitzt Ihr Doppelgänger und hat diesen Absatz gerade zu Ende gelesen.« (Südd. Zeitung)
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Für den Kosmologen Max Tegmark gibt es nicht nur ein Multiversum, sondern vier, und in jedem gibt es Duplikate der Erde, »samt allen ihren Einwohnern. Wir alle hätten unfassbar viele Doppelgänger, und zwar in allen möglichen Varianten unserer Lebensläufe« (FAS). – Aha! Wenn wir nur tüchtig suchen, finden wir uns also wieder in einer Welt, in der wir den Mut aufgebracht haben, die Schöne aus der Parallelklasse anzubaggern. Oder den Job im Katasteramt hinzuschmeißen und um die Welt zu segeln. Oder dem Chef eine zu knallen. Ein echter Urknall! Auf der Suche finden wir allerdings auch Welten, in denen Mutter Teresa die uneheliche Tochter des Friedensnobelpreisträgers Adolf Hitler ist, denn alles Denkbare wird im Multiversum Realität. In unserer Welt, der einzigen, die wir bisher kennen, wird Tegmark auch »Mad Max« genannt. Warum bloß?
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Eigentlich tröstlich: Die intelligentesten Köpfe der Welt denken über Anfang und Ende nach und landen, je weiter sie denken, immer tiefer im Irrsinn. Die Besten von ihnen scheinen das zu wissen. Andrej Dimitriwitsch Linde, der geistige Vater des überlichtschnellen Atomkerns, eines Ur-Alls vor dem Ur-Knall, soll zwar, nachdem er 1983 auf seine Theorie gestoßen war, seiner Frau zugerufen haben: »Jetzt weiß ich, wie Gott das Universum erschuf« – aber erstens hat bisher noch jeder Ehemann versucht, seiner Frau das Universum zu erklären, und zweitens tat Linde als Professor-Guru in Stanford alles, um seiner Fachwelt die Augen zu öffnen: Bei Vorträgen warf er gerne statt Formeln selbstgezeichnete Comicstrips an die Wand, und wenn seine Zuhörerschaft letztgültige Wahrheiten erwartete, setzte er sich schon mal eine Nadel an die Stirn und zog sie am Hinterkopf wieder hervor: alles Simsalabim!
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Comicstrips? Da fallen mir die Peanuts ein: Linus, Lucy und Charlie Brown liegen auf einer Wiese und starren in die Wolken. Lucy: »Was siehst du, Linus?« – Linus: »Die Wolke da oben sieht ein bisschen aus wie das Profil von Thomas Eakins . . . und die Wolkengruppe da drüben erinnert mich an die Steinigung des Stephanus . . . « Lucy: »Wow, das ist gut . . . und was siehst du in den Wolken, Charlie Brown?« – Dieser, intellektuell eingeschüchtert: »Ach, ich wollte sagen, dass ich ein Entchen und ein Pferdchen sehe, aber ich hab’s mir anders überlegt.« – Warum denn, Charlie!? Mit deinen Entchen und Pferdchen bist du erkenntnistheoretisch weiter als die Linusse aller Parallelwelten jeglicher Multiversen. Und am Schluss sind wir alle sowieso nur so schlau wie Morgensterns »Droschkengaul«: »Es frißt im Weisheitsfuttersack / wohl jeglich Maul ein Weilchen, / doch nie erreicht’s – oh Schabernack – / die letzten Bodenteilchen.«
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Ich weiß, dass ich nichts weiß. Ich habe nur eine leise Vermutung: Wer an den Urknall glaubt, hat selbst einen Knall. Und vom Papst über die Ayatollahs und den Dalai Lama bis zum größten Naturwissenschaftler und hartnäckigsten Atheisten werden sich am Jüngsten Tag sowieso alle wundern, wenn »Bild« mit der letzten Schlagzeile herauskommt: »Alles ganz anders!« (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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