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Sport-Stammtisch (vom 14. Juni)

Vor einigen Jahren herrschte kurzfristige Aufregung über die Ankündigung, Zupfen am Trikot im Strafraum werde ab sofort mit Elfmeter geahndet. Da sich niemand daran hielt, ging man zur Tagesordnung über, zupfte, grabschte und riss weiter, was das Zeug hielt oder auch nicht hielt, und wenn alle Schiedsrichter bisher so japanisch korrekt gepfiffen hätten wie der gute Mann im Eröffnungsspiel, wäre man vor lauter Elfmeterschießen nicht mehr zum Fußballspielen gekommen. Da der aktuelle Zupfer in der Zupf-Skala sogar am allerunterzupfigsten Ende steht, war der Elfmeter gegen Kroatien ein Kotau … nein, den machen ja nur die Chinesen … ein tiefer japanischer Ergebenheitsdiener vor dem Gastgeber.
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Wie auch die gelbe Karte, nur die gelbe, für Neymar wegen absichtlichen Ellbogenschlags. Aber hier kein Vorwurf: Rot für Neymar hätte übermenschlichen Mut erfordert. Überhaupt können wir, da keine Kroaten (die müssen einem allerdings leid tun), mit dem Verlauf des Eröffnungsspiels zufrieden sein: So lange Brasilien gewinnt, läuft die WM in den gewünschten Bahnen. Wenn sie früh ausscheiden … oweh!
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Zum Positiven: An ein ähnlich rasantes und spannendes Eröffnungsspiel kann ich mich kaum erinnern. Fast am besten aber hat mir der gesprühte Kreidestrich gefallen. Eine genial einfache Methode, das Geschiebe und Gedränge und Gefeilsche um den Abstand beim Freistoß schlagartig zu beenden.
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In den Kroaten steckt ganz schön viel Bundesliga, auf der Bank und auf dem Platz. Zwei der Auffälligsten – Olic und Perisic – wurden in München und Dortmund aussortiert, weil nur noch Ergänzungsspieler. Ein Indiz, hoffentlich, dass Deutschland doch noch eine Qualitätsstufe über Kroatien einzuordnen ist.
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Apropos Dortmund: Als die mögliche Beteiligung der Deutschen Bank lanciert wurde, schoss die BVB-Aktie um über zwölf Prozent in die Höhe. Als die Bank nicht einstieg, fiel der Kurs rapide. Darüber wurde viel diskutiert. Kein Thema war, wie schnell man sehr viel Geld verdienen kann, wenn man vor dem Aufkommen des Gerüchts Aktien kauft und vor dem Platzen verkauft. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.
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Übrigens auch im Fall von Alice Schwarzer: Bei Uli Hoeneß wird die Frage aller Fragen – nach der Herkunft der Millionen – nicht beantwortet, bei Schwarzer nicht einmal gestellt: Womit hat sie schon in den frühen 80er Jahren so viel Geld verdient, dass sie über vier Millionen in der Schweiz bunkern konnte? Mit »Emma«? Die damals, wie der ganze Feminismus, ganz schön zu knappsen hatte?
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Hoeneß, Schwarzer, die BVB-Aktie, alles wunderbare Themen für einen immer noch schmerzlich Vermissten. Auch über die Sparwelle im griechischen Finanzministerium, wo 600 Putzfrauen entlassen wurden, hätte er die Hände gerieben und wahrscheinlich gefragt, ob dort so viel Dreck weggekehrt wurde, dass sie mehr Putzfrauen beschäftigen mussten als alle deutschen Ministerien zusammen. Wer? Viele gestandene »Anstoß«-Leser wissen es, einige haben mich auch auf die Meldung hingewiesen, dass Frankfurt nun das hat, was es in unserer Kolumne schon lange gibt: einen Platz für Matthias Beltz.
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In Erinnerung an unseren Hessen im Himmel zwei Beltz-Kleinode zur Fußball-WM. Der kleine Gießener Bub Matthias am 4. Juli 1954: »Deutschland-Rufe ertönten, die Menschen lagen in den Fenstern und hatten Betttücher rausgehängt, Fahnen gab es wohl nicht mehr und noch nicht, ein uriges, von Alkohol getriebenes Geschrei hallte durch die Straßen. Mit solchem Lärm müssen die Germanen im Teutoburger Wald die Römer erschreckt haben. Fasziniert von dem Krach, mich ein wenig wohlig fühlend in der Volksgemeinschaft der Sieger, hatte ich dennoch ein bisschen Angst – wahrscheinlich nicht vor dem Faschismus, sondern davor, dass mir irgend so ein Suffkopp vor lauter Begeisterung seine Bierflasche auf den Schädel wirft. Früh also war Misstrauen da, gerade auch wenn ich mich freute.« (aus dem autobiographischen Buch »Schlammbeißers Weltgefühl«).
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Der Frankfurter Straßenkämpfer Beltz bei der WM 1970: »Wir waren eine Wohngemeinschaft am Baseler Platz, und ich weiß noch, dass wir, obwohl linksradikal, eine relativ starke nationalistische Begeisterungstour drauf hatten. Dem einen oder anderen Kommunisten, der damals auch zu Besuch war, den hat die Fernsehgemeinschaft sofort rausgejagt. Und draußen tobte die Weltrevolution, aber die hat uns überhaupt nicht mehr interessiert.«
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Das Fragment stammt aus unserer Sportjahrhundert-Serie mit Matthias Beltz (und Matthias Altenburg) von 1999. Wie man sieht und liest: Beltz bleibt aktuell wie eh und je. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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