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Paul Ulrich Lenz: “Totaliter aliter” (zur “Nach-Lese”)

Was für eine schöne Glosse! Und ihr Schluss nährt ein wenig die Skepsis,
die sagt: so richtig weiter kommen wir denkmäßig trotz aller
wissenschaftlichen und technischen Fortschritte nicht. Was Sie als
Schlagzeile "am lieben jüngsten Tag" der Bild-Zeitung in die Schuhe
schieben, ist ja in Wahrheit eine schon ziemlich alte, nämliche
mittelalterliche Erzählung:  

Zwei Mönchen malten sich das Paradies in ihrer Phantasie in den
glühendsten Farben aus. Sie versprachen sich gegenseitig, dass der,
welcher zuerst sterben würde, dem anderen im Traum erscheinen und ihm
nur ein einziges Wort sagen solle. Entweder „taliter“ - es ist so, wie
wir uns das vorgestellt haben, oder „aliter“ - es ist anders, als wir es
uns vorgestellt haben. Nachdem der erste gestorben war, erschien er dem
anderen im Traum, aber er sagt sogar zwei Worte: „Totaliter aliter!“ -
Es ist vollkommen anders als in unserer Vorstellung!

Bei solchen Geschichten gilt der alte Spruch von Giordano Bruno: Si non
e vero e ben trovato!  Wenn es nicht wahr ist, ist es doch gut
erfunden. 

In dieser Erzählung meldet sich der kritische Vorbehalt, der schon
damals gegen alle Errungenschaften der Vernunft geltend gemacht wurde.
Aber auch gebenüber allem angeblichen Bescheidwissen über die letzten
Geheimnisse der Welt. Manchmal haben wir Theologen das vergessen: Die
ganze Fülle der Wahrheit und der Erkentnis der Wirklichkeit ist uns in
dieser Welt nicht in Aussicht gestellt. Nur genug, um leben, lieben und
hoffen zu können. (Paul-Ulrich Lenz/Schotten)

Baumhausbeichte - Novelle