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Montagsthemen (vom 10. Juni/Dienstag)

Dass diese Kolumne nach Pfingsten auch am Dienstag Montagsthemen heißt, ist ebenso Tradition, wie sie mit dem Wortkalauer zu beginnen, dass Pfingsten ja schon gut anpfing. Aber den lassen wir heute weg, denn Fingsten fing … sorry … Pfingsten fing diesmal wirklich nicht gut an. Vor dem Armenien-Spiel schrieb ich, nichts werde nach dem WM-Anpfiff unwichtiger sein als das, was bis zum Abpfiff des Testspiels geschehen mag – es sei denn, den Spielern falle der Himmel auf den Kopf oder es bräche das eine oder andere Bein …
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War das eine üble Vorahnung? Zwar brach kein Bein, aber Marco Reus fiel der Himmel auf den Kopf, und nicht nur ihm, sondern auch uns, die wir den pfiffig-genialischen Dortmunder als – zusammen mit Thomas Müller – entscheidende Variable, quasi als freie Radikale im kalkulierbaren deutschen Spiel angesehen und erhofft hatten.
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Nicht mal ein schwacher Trost, dass alle sechs Tore erst nach dem traurigen Abgang fielen, denn sie werden in Brasilien in etwa die Rolle spielen wie Italiens 1:1 gegen Luxemburg. Oder glaubt jemand, Deutschlands Ausgangslage sei dadurch besser, die von Italien schlechter geworden? Besonders für und vor der WM gilt: »Fußball is aufm Platz« (Adi Preißler), und daher bleibt auch das gültig, was der Radioreporter Günther Koch einmal sagte und der Autor Jürgen Roth jetzt im »Spiegel«-Interview zitierte: »Alles davor und danach ist Geschwätz.«
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Am überflüssigsten sind immer noch, nach meiner allerdings ebenfalls sehr überflüssigen Privatmeinung, die Eröffnungs-Brimborien, bei einer Fußball-WM noch mehr als bei Olympia. Schaue ich mir nie an. Aber diesmal doch. Ein querschnittsgelähmter Brasilianer soll den Anstoß des Eröffnungsspiels ausführen. Was zunächst nach einer Tränendrüsen-Show klingen mag, als wohlkalkulierter Erschütterungs-Event und krampfhafte Suche nach Steigerung des »Ali und das Feuer«-Effekts, könnte buchstäblich das Schlaglicht auf einen möglichen großen wissenschaftlichen Fort-Schritt werfen: Der Gelähmte soll dank eines sogenannten Exoskeletts eigenfüßig den Rollstuhl verlassen, zum Ball gehen und ihn ankicken, mit Hilfe seiner Gehirnströme, die das an die gelähmten Beine geschnallte Exo-Skelett bewegen. Ich gebrauche das ausgelutschte Wort sonst nie, aber wenn es tatsächlich geschieht, wird das ein wahrer Gänsehautmoment.
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Noch mal zurück zum »Geschwätz«. Kleine Korrektur: Nicht alles, was nach dem Abpfiff geschieht, ist so überflüssig wie, zum Beispiel, ein Spontan-Interview mit einem dann auch geistig ausgelaugten Fußballer. So spielt nach dem Abpfiff der Partie ein mögliches Elfmeterschießen doch eine gewisse Rolle für deren Ausgang. Wobei jetzt auch hier die Wissenschaft eingreift. Die englische natürlich, in Gestalt ihres besten Kopfes, denn um Englands Elfmeterschützen endlich treffen zu lassen, bedarf es schon eines Stephen Hawkins. Der rät nach intensiven statistischen Untersuchungen, keine Dunkelhaarigen und Glatzköpfigen mehr schießen zu lassen, da Hellhaarige bisher signifikant besser getroffen haben.
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Was jedenfalls beweist, dass Hawkins noch mit den Augen zwinkern kann. Aber auch: Blond schießt gut? Da keimen doch Zweifel. Nicht nur wegen Uli Hoeneß 1976 in Belgrad und dem vergeblichen Versuch (frühtypische Hybris!), den Ball statt ins Tor in die Erdumlaufbahn zu schießen. Mit Hawkins’ »Wissen« im Kopf lese ich in der »SZ«, dass Matt Le Tessier, Englands bester Elfmeterschütze, von 48 Strafstößen 47 verwandelt hat. Dass er nie bei einem großen Turnier spielte, liegt nach meinen weitergehenden Recherchen im Internet wahlweise an typisch englischem Masochismus oder am sympathischen Handicap, stets dem FC Southampton treu geblieben und Uwe-Seeler-haft den Lockrufen der großen Klubs widerstanden zu haben. Doch dann klicke ich Fotos von ihm an – der Mann ist ja gar nicht blond! Höchstens brünett. Aber ein besonderes körperliches Merkmal fällt auf: Der »hüftsteife Fußball-Gott« ist (laut »Spiegel-Online« von 2008) der »schlaksige Typ mit der großen Nase«.
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Also: Von wegen Blond schießt gut – ach wie gut, dass niemand in England weiß, was hammerhart treffende deutsche Elfmeterschützen auszeichnet: An der Nase des Hannes erkennt man … ob er kann es.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle