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Sport-Stammtisch (vom 7. Juni)

Sie lesen diese Kolumne nach dem Testspiel gegen Armenien, ich schreibe sie vorher. Schlechte Karten für einen Journalisten, zu dessen Berufsanforderung der Informationsvorsprung gehört. Ich habe heute – Sie werden zu Recht hämen: Ach, nur heute? – einen Wissens-Rückstand gegenüber den Lesern, aber das macht diesmal nichts, denn egal, wie das Spiel gelaufen und ausgegangen sein mag, nach dem Anpfiff zum ersten WM-Spiel wird nichts unwichtiger sein als das, was gestern bis zum Abpfiff des letzten Testspiels geschah. Es sei denn, den Spielern ist der Himmel auf den Kopf gefallen oder das eine oder andere Bein gebrochen. Aber daran will ich erst gar nicht denken (ist doch nichts passiert, oder?).
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Doch ob ich will oder nicht, an etwas anderes muss ich denken, immer, immer mehr und sogar (der echte Hesse kann »immer« bis in den Superlativ steigern) als und als: An die letzten großen Turniere unserer Supertalente, die furios begannen und in seltsamer Lähmung enttäuschend endeten.
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Es begann schon 2006 beim »Sommermärchen«, als die begeistert und begeisternd durch das Turnier tollenden deutschen Fußball-Welpen von italienischen Leitrüden rüde weggebissen wurden. Was den Poldischweinis niemand übel nahm, sie waren halt noch Welpen und hatten uns bis dahin viel Spaß gemacht.
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Doch das Muster verfestigte sich. EM 2008. Finale. Tolle Spiele einer gereiften Mannschaft, daher schien Spanien »reif«. Doch das – zugegeben immer noch recht junge – Team fiel in Schockstarre. Welpen dreht man auf den Rücken, um ihre Unterwerfungsbereitschaft zu prüfen, die deutschen Junghunde legten sich freiwillig hin und streckten ergeben alle Viere in die Luft.
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Viel schlimmer noch: WM 2010 in Südafrika. Der Kommentator Marcel Reif beschreibt im »Zeit«-Interview seine Gefühle, die exakt die meinen waren: Die deutsche Mannschaft spielte »so grandios, dass ich sechs Wochen lang auf den Knien gerutscht bin und dachte: Dass ich in meinem Alter das noch erlebe, dass ich mich wieder so freuen kann über eine deutsche Nationalmannschaft. Und die ganze Welt hält den Atem an: Deutschland spielt schön, spielt schön, spielt schön« …, kommt ins Halbfinale, den Spaniern schlottern die Knie – bis sie erstaunt und erfreut feststellen: Den Deutschen schlottern sie noch viel mehr! Deren Demutshaltung nutzen sie in urplötzlichem Überlegenheitsgefühl aus und gewinnen wie zum Hohn auch noch durch ein unspanisches und urdeutsches Brachial-Kopfballtor von Puyol. Was hab ich mich geärgert!
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Vor zwei Jahren schließlich schien die deutsche Mannschaft so bärenstark und gefestigt, dass die überalterten und von internen Problemen gebeutelten Italiener leichte Beute sein mussten. Doch dann griff Löw ein, scheinbar nach der Devise, wenn uns die anderen schon nicht schlagen können, tun wir bzw. ich das selbst. Sein Ergebenheits-Signal: Er stellte nicht den pfiffigen Reus auf, sondern Kroos, den bubihaftesten seiner Bubis, und das ausgerechnet als Manndecker für Pirlo, den ausgebufftesten der ausgebufften Italiener.
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Ich ahnte es schon vor dem Anpfiff, als die Italiener ihre Nationalhymne schmetterten, als zögen sie ins letzte Gefecht, während die deutschen Jungs versonnen, verschüchtert oder verstockt die Lippen zusammenpressten oder allenfalls alibihaft bewegten. Nicht, dass ich dem Hymnensingen gemeinhin eine Bedeutung zumesse – aber diese Szenen, hier die verschworene Gemeinschaft der notorischen Individualisten, dort das blutleere Rumstehen in Vereinzelung, sie waren ein Menetekel.
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Der unüberbietbare Höhe- und Tiefpunkt ereignete sich außerhalb der Turniere, aber immerhin in einem Qualifikationsspiel: Nie sah ich eine derart majestätische, einmalig hochklassige Fußball-Vorstellung wie bis zum 4:0 gegen Schweden – und nie eine größere Verzagtheit und Unmannhaftigkeit wie beim in der zweiten Halbzeit folgenden 0:4.
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Zwischen diesen beiden Extremen bewegt sich die deutsche Mannschaft, stimmungsabhängig und daher nicht kalkulierbar. Brasilien wird eine Wundertüte. Nicht der fehlende Stoßstürmer neben dem alten Klose ist das Problem (Müller kann auch das), auch nicht der »schlechte Stern«, unter dem die Vorbereitung stand (nebenbei: Podolskis Adidas-Werbung mit blutigem, echtem Schweineherz in den Händen ist ja so was von daneben!), selbst Neuers Ausfall wäre gerade noch verkraftbar, wenn, ja wenn sich nicht das gleiche Spiel wie in den letzten Turnieren wiederholt.
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Die deutsche Mannschaft hat fast alles, um Weltmeister werden zu können, zumindest, um mit phantastischem Fußball sehr weit zu kommen und wenn, dann wenigstens mit Bravour auszuscheiden. Ihr fehlten bisher nur … ich wage kaum, es hinzuschreiben, zumal es mir und meinem Stil widerstrebt, daher verstecke ich mich hinter Olli Kahn und lasse ihn es in die Welt brüllen: »Eier!« (gw)

Baumhausbeichte - Novelle