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Sonntag, 1. Juni, 6.35 Uhr

Der vernachlässigte Blog. Oder das Blog. Mir egal. Jedenfalls habe ich nicht nur zweimal den Frühblog am Sonntag ausgelassen, sondern auch keine sonstigen Einträge gemacht. Warum? Ohne Grund. Nur so. Außerdem häuften sich andere Freizeitbeschäftigungen. Wie auch der/das Blog eine ist. Auch die Kolumnen fürs Blatt sind solche. Andere Rentner züchten Rosen, sammeln Briefmarken, laufen Marathon, reisen in der Welt umher  oder vermotzen bloß  ihre Zeit. Ich schreibe Kolumnen. Die allerdings nicht ohne Druck, wie geplant, sondern unter fiesem Leistungszwang. Schuld daran sind nicht die Blog-Leser (niemand hat gegen die Vernachlässigung protestiert; oder sind wir hier sowieso fast unter uns, ich + ich?), sondern die “Anstoß”-Leser. Eine einzige Kolumne ausgelassen (die letzten “Montagsthemen”/Grund: siehe oben), schon gibt es besorgte Nachfragen und Beschwörungen: Bitte weitermachen, als und als als weider! Einerseits gefällt es mir natürlich, derart bauchgepinselt zu werden, andererseits setzt es mich unter den Druck, keine Pause einlegen zu dürfen. Das ist der Fluch des Viele-Kolumnen-Schreibens. Andere, die einmal pro Woche oder noch seltener schreiben, können drei, vier Wochen lang pausieren, ohne dass es groß auffällt. Ich muss immer ran. Na ja, muss nicht. Aber fühle den Druck dazu. Vorteil aber auch: Die Leser haben sich so an mich gewöhnt, für viele von Kindesleserbeinen an, dass ich für sie zum täglichen Leben gehöre, vertraut bin wie ein Familienangehöriger (der seltsame alte Onkel?) und großen Vertrauensvorschuss genieße. Kritik kriegen fast nur noch die jüngeren Ex-Kollegen ab. Was natürlich hoch ungerecht ist. Aber Jungs, da müsst ihr durch! Als ich anfing, ging’s mir ähnlich. Da gab es einen Vorgänger, William Reinert, der einen fabulösen Ruhm hatte. Bei fast allem, was ich schrieb oder mir als Innovation einfallen ließ, hieß es bei den  älteren Kollegen: Ach, das hat doch der alte William Reinert schon gemacht. Ich hörte dabei immer ein weiteres Wort heraus: Er habe es “besser” gemacht. Und auch, als ich mit dem “Sport-Stammtisch” begann, der Mutter aller “Anstoß”-Kolumnen, grunzte der alte Köhler, der Chef-Umbruchmetteur (so was gibt’s heute gar nicht mehr): Ist doch nix Neues, hat doch der William schon … und so weiter. Als ich mal im Archiv nachblätterte, fand ich die Kolumne: “William Reinert dreht den Scheinwerfer”. Unregelmäßig und selten im Blatt. Im Schnitt zwei-, maximal drei Mal im Monat. In der Erinnerung seiner Zeitgenossen wuchs es zur fast täglichen Kolumne.

Was will ich Ihnen und mir damit sagen? Weiß nicht mehr. Ich nehme den Sonntagmorgen-Blog wieder als Warmschreiben für die “Montagsthemen”, an denen ich lange herumbasteln und mir jedes Wort genau überlegen werde. Hier aber lasse ich es fließen, buchstäblich als Fingerübung. Das unüberlegte, spontane Dahinschreiben ist jedoch ziemlich riskant, da jeder Fehler, jede Dummheit bis in alle Internet-Ewigkeit für die Nachwelt festgehalten wird. Daran darf ich aber gar nicht denken, sonst krieg ich die Schreibblockaden-Krise.

Letzter Traum vor dem Aufwachen und dem Blog: Einstellungsgespräch für meine künftige Arbeit auf dem Bau. Schwere körperliche Arbeit im Freien. Ich soll mit einem jungen, coolen Basketballer als Partner arbeiten. Der Junge, Coole stellt sich als schon Ex-Basketballer heraus, Sportinvalide und pleite, der den harten Job dringend braucht. Im Lauf des Vorstellungsgesprächs merke ich, dass ich den Job nicht brauche und auch gar nicht bewältigen kann und will, denn ich bin ja Rentner und uralt. Man will mich aber unbedingt, ich, in all meiner Erleichterung, will sie nicht enttäuschen, sage zu, werde aber nicht zur Arbeit antreten. Der arme Junge, der darauf angewiesen ist!

Ob Traumdeuter Freud damit etwas anfangen könnte? Vielleicht hat’s was mit Neffe L. zu tun, ein sportlich durchtrainierter Twen, der in den Semesterferien Geld für seine diversen Pläne verdienen wollte, aber feststellen musste, dass die besseren, angenehmeren Jobs heiß begehrt und vergeben waren. Schließlich trat er bei einem Paketzusteller zu einer Testarbeit an, in der Zentrale Pakete verteilen, indem sie hochgehoben und auf Bänder gelegt werden müssen. Schichtarbeit, zu wechselnden, aber stets ungewöhnlichen Zeiten, Vier-Stunden-Schichten um Mitternacht oder am frühen Morgen. Bei der (unbezahlten) Testarbeit wurde er angetrieben, schaffte aber den Akkord schon nach wenigen Minuten nicht mehr und gab nach einer halben Stunde auf. Bis zu 30 kg schwere Pakete vier Stunden lang vom Boden hochheben, und das im Akkord – hält das irgendeine Bandscheibe über längere Zeit aus? Die armen Menschen, die das tun müssen. Der Neffe muss nicht. Immerhin hat er jetzt Respekt vor dem Arbeitsalltag von Menschen unterhalb seines akademischen Horizonts.

Notiz: “Jubel-Staude”, Kempowski, “Somnia”, Nazi-Wort für Weihnachtsbaum. Hebe ich mir für die entsprechende Jahreszeit auf. Überhaupt wächst jetzt, wenn die Tage länger werden (quatsch, nicht die Tage, sondern die Helligkeit; noch mal Quatsch: Nicht die Helligkeit wird länger, sondern … ach, ich geb’s auf) … jedenfalls, was ich sagen wollte: Da ich im Hellen nicht fernsehe (außer wichtigen Fußball; wichtige Leichtathletik wird ja nicht mehr übertragen), lese ich jetzt auch abends wieder und noch mehr, so dass die Zettel langsam aus dem Themenkasten herausquellen. Zum Beispiel die Jubel-Staude. Sie liegt jetzt neben Polts Nikolaus-Trauma (nicht der Nikolausi, sondern der Sack, in den Polt als Kind gesteckt wurde; gruselig; wer’s nicht kennt, muss sich bis Anfang Dezember gedulden).

Schaue gerade auf die Uhr. Schon halb acht. Beim Warmschreiben die Zeit vergessen. Im Kopf schwirrt noch viel Sportliches herum, das hätte ich im Steines-Bruch des Blogs schon mal herausklopfen und grob modellieren können. Gatlin, Vicaut, Götzis, Rupp, Oregon-Project, Felix Sturm, Immobile, Pele-Sohn (33 Jahre Haft, Geldwäsche, Drogen), WM-Umfragen usw. Aber jetzt ist hier erst mal Schluss. Ich rieche schon den Kaffee. Bis dann.

Baumhausbeichte - Novelle