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Montagsthemen

Schon raunen sich die Experten zu, »Südtirol« werde wie »Malente« oder »Schluch-/Schlucksee« zu einem Synonym. Sie wissen nur noch nicht, zu welchem. Hinterher werden sie es ganz genau wissen, so oder so.
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Viel geraunt wird auch über die Verletzungs-Serie und -Misere. Klar ist aber: Wer sehr viele Spiele absolviert und ebenso viele störende Nebengeräusche (Sponsorentermine etc.) um die Ohren hat, wer zudem diesen Leistungs- und Knochennagern zwangsläufig das Training unterordnet, dem wird der Körper am Ende der Saison die Quittung geben.
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Logischerweise trifft es die Besten am härtesten. Am Schluss wird Weltmeister, wer die wenigsten Fußkranken durchschleppen muss. Klar ist: Träfe der kommende Weltmeister in Endspiel-Form auf den FC Bayern der ersten Saisonhälfte, gewännen die Münchner. Nur scheinbar paradox, dass es jetzt darauf ankommt, weniger zu trainieren statt mehr, wie es manche in Torschlusspanik versuchen könnten.
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Keine Rolle spielen werden die aktuellen Aufgeregtheiten um Kevins Pieseln, Jogis Lappen und den »schlechten Stern«. Das schon eher: Laut »Kicker« »rückt immer mehr das sogenannte HIT-Training, das hochintensive Training, in den Vordergrund«, weil es »weitaus weniger Zeit benötigt als klassische Trainingsformen«. – Au weia. »HIT«, der ganz alte Hut. Schon vor fünf Jahren stellte ich das scheinbare Muskeltrainings-Wunder »HIT« in dieser Kolumne vor, und schon damals war es ein alter Hut, »denn hinter Schnickschnack-Vokabular verbirgt sich« zwar »die muskelphysiologische Basis allen Krafttrainings«, aber es wurde von seinen Propagandisten angepriesen als Methode, um »mit zwei Stunden Training pro Woche am eigenen Körper Wunderwerke« zu vollbringen, was in der PR-Behauptung gipfelte: »Jede Hausfrau kann so trainieren.«
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Dann also auch jeder Fußballer? Doch Vorsicht, warnte ich damals, mit der »HIT«-Methode, hochintensiv mit größter Belastung und zeitrationell zu trainieren, kann es »zu schwerwiegenden Verletzungen« kommen, daher sei »von der Nachahmung dringend abzuraten«. Die Fußballer tun’s trotzdem, weil es so verführerisch klingt, die sich minimierende Trainingszeit (siehe »Nebengeräusche«) dennoch maximal zu nutzen. Das Ende vom Lied? Wird im WM-Finale gesungen.
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Im Lauftraining entspricht »HIT« dem altehrwürdigen Intervall-Prinzip in der Leichtathletik der Fünziger Jahre. Es soll nun die Laufleistung der Fußballprofis weiter steigern. Die gelaufenen Kilometer pro Spiel gehören ja, wie die Ballbesitz-Quoten, zu den statistischen Fetischen der Fußball-Neuzeit. Wie quatschig es ist, wenn man die Zahlen absolut sieht, statt sie im sportlichen Zusammenhang zu relativieren, zeigt aber die Laufleistung der Schiedsrichter, die ebenfalls, na klar, statistisch erfasst wird. Und siehe da: Jeder Bundesliga-Referee läuft pro Spiel mehr Kilometer (bis zu 14) als die »laufstärksten« Fußballprofis. Doch im Fußball zählen nicht die abgerissenen Kilometer an sich, sondern wie, wohin, warum, wie schnell und wie clever sie gelaufen werden.
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Schachspieler laufen eher weniger, auch die Muskelkraft spielt eine untergeordnete Rolle, denn die Dame ist zwar ein Schwergewicht, das schon so manchen erdrückt hat, wiegt aber nur ein paar Gramm. Von daher mussten sich die Schachspieler schon immer gegen den Vorwurf wehren, sie seien keine Sportler. Zur Sache selbst habe ich, unter reger Leser-Teilnahme, schon manche Kolumne gefüllt. Ist lange her, soll heute nicht aufgewärmt werden (vielleicht im Sommer mal in einer »Nachdruck«-Kolumne). Der aktuelle Bezug: Das Bundesinnenministerium streicht dem Schach, weil nach politischer Expertise kein Sport, die Fördergelder von 130 000 Euro komplett (was den Stars nicht schadet, aber dem Vereinsschach sehr). Kein kluger Schach-Zug der Politik, denn, um vergleichsweise Peanuts zu sparen, verrät sie damit, wer im Sport unterhalb des großen Fußballs das Sagen hat: Nicht der Sport, sondern der Staat. Den Schachspielern hülfe nur, wenn sie vom IOC als olympische Sportart aufgenommen würden, dann flösse das Ministeriumsgeld in Millionenströmen. Doch das steht nicht nur grammatisch im Konjunktiv, sondern ist auch in der Sache ein Irrealis.
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Ob Schach Sport ist, hat nichts mit den gelaufenen Kilometern am Brett zu tun. Jener Ausdauerleister, der immerhin 27 »noble« und meist vom Guide Michelin empfohlene »feinste Dresdener Restaurants« angelaufen hat, ist jedenfalls kein Sportler, sondern ein »Gourmet-Gauner« (»Bild«). Was mich an der Meldung irritiert: Zwar »zeigte er ein Faible fürs Feine«, doch soll er in den 27 Gourmet-Tempeln die Zeche nur »für insgesamt 726,70 Euro geprellt« haben. Wenn ich richtig rechne, sind das 27 Euro pro Sterne-Restaurant, feinste Weine inklusive. Wie geht das? Nur in Dresden? Oder nur in »Bild«?
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Zu schlechter Letzt: Peles Sohn muss seine Laufleistung demnächst drastisch reduzieren, denn er wurde wegen Geldwäsche und Drogengeschäften zu 33 Jahren Haft verurteilt. Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig (by the way: Wo steckt eigentlich Uli?), ich würde Peles Sohn mildernde Umstände gewähren. Denn als Sohn von großen Männern geboren zu werden, ist kein leichtes Schicksal. Man denke nur an Goethes Sohn August. Auf seinem Grabstein in Rom steht: »Goethe filius«, ohne Vorname. Nur Sohn. Wie heißt eigentlich Peles Sohn? (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle