Archiv für Juni 2014

Sonntag, 22. Juni, 10.40 Uhr

Blick auf die Uhr. Oha! Bin seit Schulzeiten doch etwas routinierter und schneller geworden. Der „Besinnungsaufsatz“ steht schon online. Hoffentlich habe ich keinen Quatsch zusammengerechnet mit den beiden möglichen Unentschieden (Portugal – USA und Deutschland – USA), bei denen Deutschland und die USA „Gijon“mäßig weiter kämen und Ghana und Portugal in jedem Fall ausschieden. Aber das ist ja der Vorteil des frühen Online-Stellens: Aufmerksame Blog-Leser werden mich noch rechtzeitig fürs Blatt auf Klopse aufmerksam machen. Hoffe ich. Wie Walther Roeber, der schon manchen Bock, den ich geschossen hatte, wieder auferstehen  ließ (hübsche Stilblüte, dieser waidwunde Vergleich. Woher kommt eigentlich der Bockschieß-Vergleich? Müsste mal nachgoogeln, habe aber keine Zeit und Lust. Das bergige Land ruft. Geschossene Böcke kann ich also erst am Abend wiederbeleben). Bis dann.

Veröffentlicht von gw am 22. Juni 2014 .
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Sonntag, 22. Juni, 6.15 Uhr

Wenn wir in der Oberprima Aufsätze schrieben, insgesamt drei im Abi-Jahr, hatten wir einen ganzen Schultag Zeit, von der ersten bis einschließlich sechsten Stunde, also von acht bis kurz nach eins. Es gab vier Themen, drei bezogen sich auf den Unterrichtsstoff, eins musste ein freies sein. Ich nahm natürlich das freie Thema, da ich im Unterricht aus Prinzip nicht mitgearbeitet hatte (warum, führt hier zu weit, spielt auch keine Rolle; nur so viel: Mit dem Deutschlehrer hatte ich ein Waffenstillstandsabkommen: keine Beteiligung am Unterricht, aber wegen der Spitzennoten schriftlich – so fair war er, die zu geben – gab es eine garantierte Drei im Zeugnis). Die meisten Mitschüler waren längst fertig, hatten schon ihre Hefte abgegeben und bekakelten ihre Aufsätze beim Frühschoppen bei „Giorgio“, da hatte ich noch keine Zeile geschrieben, sondern bastelte noch an der Gliederung, nachdem ich lange, lange hin und her überlegt hatte. Erst wenn die Gliederung stand, so gegen elf, zwölf, schrieb ich los, dann lief auch alles wie von selbst, kurz nach eins war ich fertig.

Als ich Volontär und zu aktuellen Terminen geschickt wurde, wollte ich das Procedere mit der Gliederung beibehalten. Schon nach dem ersten Termin (es ging um die Gründung der Großgemeinde Lohra, ja, vor etwa hundert Jahren!) setzte ich mich hin und gliederte, gliederte. Ressortleiter Lothar Sch., Gott hab ihn selig, staunte, sah sich das an, und gab mir schließlich, dezent und freundlich wie er war, den Rat, das doch lieber sein zu lassen, da es im aktuellen Terminjournalismus ein klein wenig schneller gehen müsse. Seitdem gliederte ich nicht mehr und hackte die Texte direkt in die Schreibmaschine. Bis ich anfing, Kolumnen zu schreiben, Kommentare und Glossen. Da gliederte ich wieder, bis heute. Wie für die „Montagsthemen“.

So, langer Vorrede lapidarer Sinn: Vor der Feingliederung steht die Grobgliederung, und die sieht heute auf dem Zettel so aus: Oben links: Messer/Bleistift  – Pfeil nach rechts: ansonsten alles Makulatur – Pfeil nach rechts unten: bitte kein Remis! – Pfeil nach links unten: Gijon! – Pfeil senkrecht runter: 94/Fax-Zeitung – Pfeil schräg rechts runter: kein Fingerzeig für die Zukunft, eine Sache des Augenblicks, wie der Fußball.

Klingt noch ziemlich kryptisch, ist aber schon eine Wegweisung, basierend auf Gedankenhäppchen, gestern nach dem Spiel und heute vor dem Blog notiert. Die Stichworte „Gijon“ und „Fax-Zeitung“ haben den Zusatz: „Erinnerung auffrischen/Archiv“. Mache ich jetzt, ab ins Archiv:

 

Zur Schmach von Gijon. Von Gijon? Jetzt muss mal eine persönliche Sportgeschichte folgen: Nach dem einvernehmlichen WM-Gekicke von Deutschland und Österreich zu Lasten Algeriens gebe ich zunächst, ganz sachlich, in einem aktuellen Kurzkommentar die Schuld dem Reglement, weil der Modus noch keine zeitgleichen letzten Gruppenspiele vorsah. Den Fußballern kann man, schreibe ich, keinen Vorwurf machen. Warum sollten beide Teams mit letztem Einsatz spielen, wenn dabei eines ausscheiden könnte? Bei Olympia käme kein Läufer auf die Idee, im Zwischenlauf volle Pulle zu rennen, mit der Gefahr einzubrechen und auszuscheiden, wenn er mit einem lockeren Lauf auf Platz den Endlauf sicher hätte. * Als sich aber ganz Medien-Deutschland über die Schmach von Gijon aufregt und den ARD-Reporter Stanjek (2001 +) wegen der Courage lobt, seine Verachtung deutlich gezeigt zu haben, da denkt der kleine »gw«: Na wartet, das kann ich auch, das toppe ich noch – und ich schicke im Namen unserer Leser ein Entschuldigungstelegramm an die algerische Botschaft. Stolz veröffentliche ich es auf der ersten Sportseite (nur deshalb schicke ich es ja auch ab). Aber au weia!! Was fliegen mir die Fetzen um die Ohren! Der Wind hat sich gedreht. Aus rechten Löchern geifert es, zum Teil mit gefährlich klingenden Drohungen, was mich noch am wenigsten berührt. Mir viel unangenehmer: Wer meiner echten Meinung ist, der ärgert sich über die Anpasserei. Und das Schlimmste: Aus der linken Ecke scharen sich Betroffenheitsbeseelte um mich, die sich wieder einmal schämen, Deutsche zu sein, sie vereinnahmen mich als einen der Ihren und verteidigen mich nicht nur gegen Neonazis, sondern auch gegen die sich nicht schämenden unstolzen Deutschen, auf deren Seite ich mich fühle. * Die volle Wahrheit über die Schmach von Gijon ist also in Wahrheit die Schmach von »gw«. Ein Leser brachte es dann auf den Punkt und traf damit den Schreiber an seinem wundesten: Recht geschehe ihm. Zuerst einen vernünftigen Kurzkommentar schreiben, dann wider besseres Wissen die scheinheilige Empörung der Medien übertreffen wollen und damit kräftig auf die Schnauze zu fallen, das sei eine verdient harte Strafe.

 

 

Das war ein Tiefpunkt, die Fax-Zeitung ein Höhepunkt im Journalistenleben. Der ist aber anscheinend schon so lange her, dass er nicht ins elektronische Archiv übernommen wurde. Ich finde jedenfalls nichts. Zum Glück habe ich mein eigenes Papier-Archiv mit den wenigen wichtigen meiner vielen Artikel. Dort habe ich es soeben gefunden. Schreibe es natürlich für den Blog nicht ab (für Gijon musste ich nur „klick“ machen). Jedenfalls bin ich jetzt bei beidem wieder auf dem Laufenden bzw. dem damals Gelaufenen. Was das mit den aktuellen „Montagsthemen“ zu tun hat? Abwarten. Jetzt: kurze Pause, Kaffee, Knicks, Feingliederung, und dann wahrscheinlich wie früher, etwa von elf bis eins, der Besinnungsaufsatz. Bis dann.

Veröffentlicht von gw am 22. Juni 2014 .
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Sonntag, 15. Juni, 11.00 Uhr

Wieder pünktlich mit dem Glockenschlag gegenüber fertig geworden mit den „Montagsthemen“. Ist dort jetzt jeden Sonntag Gottesdienst? Ist es eine lässliche Sünde, hier zu verharren? Habe ich mir mit der „Nach-Lese“ vom Samstag (siehe „gw-Beiträge Kultur“, bitte auch dazu die sehr schöne Mail von Pfarrer Lenz anklicken) ein Ablass-Zettelchen erkauft?

Aus den „Montagsthemen“ einen Absatz entfernt, um den Kollegen nicht mit einem zu großen Kolumnen-Trumm das Layout für die erste Sportseite zu erschweren. Den Text hebe ich mir für eine der nächsten Kolumnen auf und parke ihn hier (schließt an „De Winter, wohlgemerkt, ist ein Freund van Gaals“ an):
Bayern-Doc Müller-Wohlfahrt nicht. Ihn, den damals schon 67-Jährigen, forderte van Gaal brüsk auf, zum Training wie die Spieler gefälligst in kurzen Hosen zu erscheinen. Apropos Müller-Wohlfahrt: Französische Ärzte beschuldigen ihn, Ribery falsch behandelt zu haben. Müller-Wohlfahrt gilt als Schüler des ehemaligen Freiburger Sportmedizin-Gurus Klümper, der einen Ruf wie Donnerhall hatte, er schwört wie dieser auf ungewöhnliche Behandlungsmethoden, preist jetzt zum Beispiel sein Kälberblutserum – aber mit Cortison fitzuspritzen, wie es die Franzosen gerne getan hätten (und Ribery ablehnte), das würde »MW« nie tun, auch Klümper nicht, denn das lindert zwar kurzfristig die Beschwerden, macht sie mittelfristig aber nur noch schlimmer. Die französischen Ärzte sollten sich also mit Spitzen gegen Müller-Wohlfahrt so zurückhalten, wie sie es mit Cortison-Spritzen nicht tun.

Veröffentlicht von gw am 15. Juni 2014 .
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Sonntag, 15. Juni, 6.20 Uhr

Der Blick in die Meldungen der Nacht gilt vor allem dem England-Italien-Spiel, denn Nachtspiele schaue ich nicht live, jedenfalls nicht in der Vorrunde und nicht, wenn Deutschland nicht spielt.  Überhaupt kann ich nicht nachvollziehen, dass manche – viele? – Menschen jedes Spiel der WM sehen wollen. Ich lasse auch tagsüber viele Spiele aus, denn wenn die Sonne scheint und Dings gegen Bums spielt, was soll ich da vor dem Fernseher? Ich wäre also der ideale Arbeitnehmer von „Schraubenkönig“ Reinhold Würth, und damit zur Meldung der Nacht:

Zuletzt machte «Schraubenkönig» Reinhold Würth seinen Außendienstlern mit einem Brandbrief Beine, zur Fußball-WM fürchtet er nun erneut um deren Arbeitsmoral. «Ich mache mir wegen der Fußball-WM Sorgen, was die Wirtschaft betrifft», sagte der Unternehmer der Nachrichtenagentur dpa. Die Zeit, die die Menschen mit Fußballschauen verbrächten, koste Produktivität – erst recht, wenn sie danach morgens später mit dem Arbeiten anfingen.« Das gilt vor allem für Außendienstler, die kontrolliert ja niemand. Wenn die statt um halb 8 erst um halb 11 beim Kunden sind, geht viel Arbeitszeit verloren. Würth hatte seinen Mitarbeiter zuletzt in einem Brief aufgerufen, früher beim Kunden zu sein. Während der Fußball-Weltmeisterschaft sieht Würth mit Blick auf den verspäteten Dienstbeginn immerhin einen Vorteil: «Das einzig Gute ist, dass es der Konkurrenz ja dann genauso geht.“

Tja. Ich bin bereit! Etwas mehr interessierte mich dann doch die zweite Top-Meldung, der italienische Sieg. Die Berichte machen nachträglich Lust auf das Spiel. Hätte vielleicht doch aufbleiben sollen. Seit Wochen schon habe ich diese Notiz im Themenzettelkasten:

Englands U17 zum zweiten Mal nach 2010 Europameister / das widerspricht den gängigen Klischees

Damit meinte ich (und hätte in der Kolumne ausführen wollen), dass das Vorurteil, die Engländer vernachlässigten die Nachwuchsarbeit und setzten nur auf das Geld von Scheich & Co, nicht stimmen könne, und andererseits, das aber nicht ernstgemeint, dass England sogar zu den – allerdings sehr vielen – Mitfavoriten gehören müsse, wenn die Fachmeinung zuträfe, dass sich Titel im Nachwuchsbereich später mit „echten“ Titeln auszahlen würden. Bisschen viel Konjunktiv im Satz. Im Indikativ sollen die jungen Engländer aber wirklich ein großes Spiel gemacht haben und nur an „Genie und Wahnsinn“ (Pirlo/Balotelli) gescheitert sein. Na ja, wohl kein Montagsthema mehr.

Auch kein Thema in meinen Kolumnen: Das Geißeln von Missständen in Brasilien. Nicht, weil ich verharmlose, nicht, weil ich die Augen verschließe, sondern weil ich mich an dem Ritual nie beteilige, das im Vorfeld von WM und Olympia abläuft, in welchem Land es auch sein möge. Immer dient das Großereignis als Vehikel für Kritiker, ihrem Protest gegen Menschenrechtsverletzungen, Korruption, Ausbeutung, Kriminalität, Wirtschaftsschweinereien usw. zu weltweiter Aufmerksamkeit zu verhelfen, meist zu Recht, aber pünktlich zur Abschlussfeier, nein, meistens schon zur Eröffnungsfeier interessiert sich die Weltöffentlichkeit nicht mehr dafür, vor allem auch die veröffentlichende und veröffentlichte Meinung nicht mehr. Auf den Kurzzeit-Zug springe ich nie auf, weil ich glaube, das sollte man Kundigeren überlassen, jedenfalls Kundigeren, als ich es in den meisten dieser Fälle bin. Außerdem, und hier kommt mein resignativer Pessimismus hinzu, gibt es kein Land auf dieser Erde, in dem es nicht, wenn es Ausrichter wäre, berechtigte Proteste gegen schlimme Missstände geben müsste. Kein Land, auch unseres nicht. Mit am schlimmsten war die WM damals in Argentinien (siehe dazu auch Otto A. Böhmer in der „Mailbox“). Dass der WM-Titel gekauft war, scheint nicht nur historische Wahrheit zu sein, sondern ist im Vergleich zu anderen Schweinereien der Junta fast unerheblich.

Meine Montagsthemen müssen aber andere sein. Zum Beispiel, warum ich dem Portugal-Spiel leicht optimistisch entgegensehe (wegen der vermuteten Stiländerung im bisher so berechenbaren deutschen Spiel). Außerdem muss ich mal nachschauen, ob es stimmt, woran ich mich beim Bayern-Doc (Fall Ribery) erinnere (Stichwort Klümper). Auch der japanische Schieri vom Eröffnungsspiel soll noch einmal eine Rolle spielen (dass er ein ehrenwerter Mann ist / mit Schwenker zur Videohilfe). Und natürlich van Gaal und Holland. Bis dann.

Veröffentlicht von gw am 15. Juni 2014 .
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Pfingstsonntag, 8. Juni, 11 Uhr

Gegenüber läuten die Glocken und erinnern mich an jahrzehntelange Unterlassungs-Sünden.

Gegen diese christliche Ur-Sünde war der heutige Verzicht auf den Frühsonntagmorgen-Blog eine lässliche. Überhaupt lasse ich den Blog in letzter Zeit schleifen. Grund? Der gleiche, aus dem sich mein alter Pino, Gott hat ihn hoffentlich selig, bei Gelegenheit gerne das Geschlechtsteil geleckt hat. Weil er’s konnte. Mich zwingt niemand zum Blogschreiben, nur die Lust dazu, und die lässt momentan jahreszeitbedingt nach. Und wenn’s nur oben vom Berg die Beobachtung von Fauna und Flora drunten im Tal ist, zu der es mich mehr drängt als zum Blog. Außerdem will (auch hier: will, nicht muss; ich weiß: ein Privileg! Kleiner Abschwiff: Beachten Sie bitte das Semikolon. Umstürzlerische Kräfte wollen es abschaffen; ist doch eine meiner Lieblings-Tasten! Wie geht’s satzbaumäßig weiter … huch … bin auf eine seltsame Taste gekommen, plötzlich wird der Text ganz klein, und ich sehe keine Möglichkeit der Korrektur; also in Mini-Schrift weiter; aber wie? Ach so:) viel Kolumnen-Arbeit geleistet sein: Die Glosse fürs nächste „Senioren-Journal“ (mein E-Bike-Outing), eine „Nach-Lese“ für nächsten Samstag (Urknall), dazu die Montagsthemen für Dienstag (eine Sekunde vor dem 11-Uhr-Glockenschlag beendet), gleich kommen noch „Ohne weitere Worte“ dran, beide muss ich vorschreiben, denn dann geht’s auf Radtour mit den beiden alten Jungs aus der Abi-Klasse, zwei Tage im Vogelsberg, diesmal mit zwei „auf Akku“; der arme Dritte im Bund.

Die „Montagsthemen“ werden erst heute abend online auftauchen, damit die Kolumne im Blatt nicht allzu sehr hinterher hinkt. Zum Schluss noch die Empfehlung, in die „Mailbox“ zu klicken. Zwar habe ich die besagte Bild-Sonderausgabe, obwohl Bild wirklich zu meiner Pflichtlustlektüre zählt, ungelesen in die blaue Tonne geworfen, doch glaube ich dem Schreiber aufs Wort. Zu einem Widerruf des Widerrufs  (der mehr anpasserisch als überzeugt war), gäben auch noch andere Äußerungen Lahms Anlass. Aber das muss für heute früh genügen. Bis dann.

Veröffentlicht von gw am 8. Juni 2014 .
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Baumhausbeichte - Novelle