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Sport-Stammtisch (vom 31. Mai)

Die beachtenswerte Aktion von Kevin Großkreutz wird vielfach fehlinterpretiert. Nicht Volltrunkenheit, sondern eine »Femen for men«-Demo steckt hinter der Urin-Attacke in der Hotel-Lobby. Damit protestierte der Fußball-Ultra »unten ohne« gegen die neuen Benimmregeln am »Ballermann«, dem beliebtesten innerdeutschen Kicker-Treffpunkt, an dem Grölen, Pöbeln und Wildpinkeln ab sofort bestraft wird. Da fragt sich der Fan auf der Reise zur Saisonabschluss-Fete nach Mallorca: Was kann man denn dort sonst noch machen?
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Der »eigentlich gute Junge« (alle über Großkreutz) ließ sich die Solidarität mit seinen Gesinnungsgenossen etwas kosten: 50 000 Euro Strafe vom BVB – dafür kann man auf Mallorca 250 Mal an die Hauswand pinkeln.
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Falls es aber keine gutgemeinte Demo war, was dann? Überhaupt: Warum wird so viel wildgepinkelt? Juan Franch, Tourismusforscher an der Universität von Palma de Mallorca, kennt den sehr einfachen Grund (im »Reisen«-Ressort der »Zeit«): »Urlauber wissen, dass man nicht an Hauswände pinkelt. Es ist ihnen nur manchmal egal.«
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Noch ein Interpretations-Versuch: Haben Sie gesehen, wie eiskalt Klopp an Großkreutz vorbeigeschaut hat, als er ihn nach dem spielentscheidenden Fehler im Pokalfinale auswechselte? »Kloppo«, der väterliche Freund seiner Spieler, kann auch ein knallharter autoritärer Knochen sein, und Großkreutz weiß, dass selbst die wildesten Attacken seines Trainers gegen den vierten Offiziellen liebevollste Streicheleinheiten sind gegen das, was Kevin allein zu Haus beim BVB erwartet. Womöglich wollte er in einem Anfall von Rest-Mut nur beweisen, dass er sich vor Angst nicht in die Hosen macht, sondern wohin er will.
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Bei Löw kommt der gute Junge unrasiert und ungeschoren davon. Zwar hat der Bundestrainer schon manchen (Kuranyi! Kruse!) aus nichtigerem Anlass geschasst, aber auf den vielseitigen Großkreutz kann er wegen der prekären Verletztenlage einfach nicht verzichten (oder doch? Warten wir’s ab). Außerdem verkörpert der Dortmunder fast idealtypisch die vom DFB geförderte Multikulti-Gesellschaft: Er gehört zu einer großen kulturellen Minderheit, pflegt seine ganz eigenen Gebräuche, hat dringendsten Integrationsbedarf und ist in oberen Hierarchien unterrepräsentiert. In der obersten des Fußballs, der Nationalelf, hat er unter all den bestens integrierten braven Özils, Miros und Poldis ein echtes Migrations-Alleinstellungsmerkmal. Inklusion für Kevin!
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So, das Pinkel-Blödeln auf Stammtisch-Niveau sei damit beendet. Obwohl die staatstragend wirken sollende Reaktion des Kapitäns (Lahm: »Wichtig ist, dass er alles gibt für die Mannschaft«) nach der Frage schreit: Etwa noch mehr? Für die nötige Ernsthaftigkeit sorgt Lukas Podolski, der immer noch als scheinbar schlichter Kölscher Gaudi-Bub Unterschätzte. Er, der überhaupt keinen Alkohol trinkt und trotzdem zusammen mit Thomas Müller der Fröhlichste ist, verweist (in »Bild«) auf die Mitverantwortlichen: »Es ist passiert, aber das darf nicht noch einmal passieren. Beim nächsten Mal müssen auch Mitspieler eingreifen, wenn sie merken, dass zu viel Alkohol im Spiel ist.« Stimmt. Und wo waren sie?
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Großkreutz ist noch Löws geringste Sorge. Angeschlagene Stammspieler, mögliche negative Auswirkungen des schlimmen Unfalls auf die Spieler-Psyche, dazu die aufkommende Diskussion über Sinn und leistungsmindernden Unsinn dieser grassierenden Sponsoren-»Events«, dann auch noch die Brandmarkung als notorischer Raser und Wiederholungstäter, was schließlich kein Pipi-Delikt ist – es holpert und stolpert Richtung WM und hat nur einen Vorteil: An den Titel, den Deutschlands Erwartungshaltung schon als sichere Beute eingeheimst hatte, glaubt in der kippenden Stimmungslage kaum noch jemand. Gut so, um so unbelasteter kann er angestrebt werden. Der Titel. Für den kam nie nur Deutschland in Frage – aber auch. Immer noch.
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Hoffentlich gibt es wenigstens keinen »Minala«-Effekt. Denn wenn’s so richtig schiefginge, wäre »Minala« mein Synonym für eine hoffnungsvolle Fußballer-Generation, die schon vor der Reife verblüht. Der Kameruner Joseph Minala vom Klose-Klub Lazio Rom ist offiziell erst 17 Jahre alt, gerüchteweise aber schon 42, was jetzt dementiert wurde, obwohl er tatsächlich eher wie 42 aussieht. Im Fußball altern die Talente heutzutage nun mal schneller, und selbst ein jugendlich wirkender Beau wie Löw könnte in Brasilien ganz schön alt aussehen. Was wir aber nicht hoffen, ja, nicht einmal befürchten wollen. Dann spielt mal; schön!
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Jens Voigt ist schon 42, obwohl er deutlich jünger aussieht und vor allem fährt. Er genießt seine letzte Rad-Saison, auch, weil er weiß: Von nun an geht’s bergab, wie vom Tourmalet, und zwar ungebremst. Er weiß, was danach kommt: »Ich werde nur noch schwächer, langsamer und dicker.«
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Das Los des Leistungssportlers. Doch die Lebenskrise nach der Sportlerlaufbahn hat auch ihre Vorteile: Wenn andere in die Midlife-Krise kommen, hat man sie schon längst hinter sich. Ich weiß, wovon ich schreibe.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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