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Sport-Stammtisch (vom 24. Mai)

Thomas Schaaf startet mit viel Vorschusslorbeer. Dass in seinen späten Werder-Jahren trotz aller Wertschätzung die Kritik immer lauter wurde, wobei häufig die Vokabel »veraltet« fiel, diese leise Skepsis vertreibe ich mit der Vision eines alten grün-weißen Bildes in neuen Farben: Ein Flugzeug landet auf Rhein-Main, oben öffnet sich die Dachluke der Pilotenkanzel, ein strahlender Schaaf hievt sich heraus und schwenkt die rotschwarze Eintracht-Fahne.
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Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen, sagt Helmut Schmidt, norddeutscher Bruder im knochentrockenen Bruchhagen-Schaaf-Geiste. Also begnüge ich mich mit der Hoffnung, die als geflügeltes Wort aus dem Süden der Republik kommt: »Geht’s raus und spielt’s Fußball!« Und egal ob mit Umschalt- oder Ballbesitz-Fußball, Hauptsache, immer schön weit vor dem Abstiegs-Strafraum.
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Schon sind wir bei den Bayern. »Der war nie im Leben drin«, so etwas kann nur eine Frau sagen. Und auch nur im »taz«-Cartoon (im Bett liegend, »danach« zu ihrem Partner). Allen anderen ist klar: Der war drin, drinner geht’s nicht. Selbst die Münchner Lokalzeitung weiß: »Hätte Meyer den Treffer gegeben – die Partie wäre vermutlich anders zu Ende gegangen« (»Süddeutsche Zeitung«).
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Ein echter Skandal, ein sehr großer sogar. Doch mit einer ungewöhnlichen medialen Behandlung: Er wird nicht noch aufgebauscht, sondern eher kleiner geschrieben. Aus scheinbar gutem Grund: Die Bayern waren besser, sie hatten den Sieg verdient. Was soll’s also? Doch Vorsicht, »verdient« ist im Fußball kein Kriterium, denn sonst gäbe es keine »Helden von Bern«, sondern einen Weltmeister Ungarn.
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Den Aberwitz, durch Festhalten an vorsintflutlicher »Tatsachenentscheidung« die Tatsachen auf den Kopf zu stellen, muss man nicht einmal an Hummels echtem Tor festmachen, es genügt der Rückblick auf das fast schon vergessene falsche von Kießling – es verhalf letztlich Bayer Leverkusen in die Champions League. Statt VW Wolfsburg. Was wiederum »verdient« ist. Aber da beißt sich jetzt die Katze in den Schwanz.
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Hochnäsige Kritiker spotten, die »Tatsachenentscheidung« sei nicht das einzig Vorsintflutliche im und am Fußball. Trainings- und Taktikanspruch seien jedenfalls nicht zu vergleichen mit anderem Sport. Oder hat man jemals bei Basket-, Hand- oder Football gesehen, dass sich mehr als die halbe Mannschaft gegen Spielende in Krämpfen windet? Andererseits: Die mit deutlich mehr Krämpfen hat gewonnen. Aber doch nur wegen eines nicht gegebenen Tores? Nein, weil sie den Sieg verdient … und die Katze kreiselt um sich herum, in den eigenen Schwanz verbissen.
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Am Ballbesitz-Fußball ist nichts auszusetzen außer den zumeist belanglosen statistischen Vergleichsquoten. Vielleicht ist er sogar das erfolgversprechendste System und ein Annähern des Fußballs an höher entwickelte Sportarten. Die sind aber wieder längst einen Schritt weiter: Zeitspiel! Es soll den Sport für die Zuschauer attraktiver machen. Handball ohne Zeitspiel-Regel zum Beispiel wäre eine recht langweilige Angelegenheit.
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Für Pep Guardiola bedeutet Ballbesitz totale Kontrolle. Manchmal weiß man aber nicht, wer wen total kontrolliert. So listete »Bild« gerade »das Milliarden-Imperium der Wüsten-Scheichs« aus Katar auf. Auch mit diesem Beispiel: »Frankreichs Fußballklub Paris Saint-Germain kontrolliert das Emirat komplett.«
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Apropos Kontrolle: Unsere Gießener Stadtredaktion ließ mir als Liebhaber solcher Subjekt-Objekt-Vertauschungen diese Original-Polizeimeldung zukommen: »Vier Männer kontrollierten die Gießener Beamten am Freitag. Diverse Lebensmittel und Bekleidung stellten sie dabei in ihren Taschen fest.«
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Verbale Real-Satire der ganz anderen Art: Jürgen Kessler, der Leiter des Deutschen Kabarettarchivs, fordert im »Spiegel«-Interview, Satire in die »Unesco-Liste des immateriellen Weltkulturerbes« aufzunehmen. Hübsch satirisch, dachte ich, Satire als Weltkulturerbe. Las das Interview zu Ende. Und noch einmal von vorn. Und stellte ernüchtert fest: Das ist ernst gemeint.
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Auch Frankreichs Nationaltrainer Didier Deschamps meint es ernst. Als die Freundin des nicht für die WM nominierten Samir Nasri wütend twitterte »Fuck France and fuck Deschamps«, reagierte er nicht auf die einzig vernünftige Weise, nämlich überhaupt nicht, sondern er verklagte das Unterwäsche-Model (gibt es eigentlich keine anderen Berufe für Fußballerfrauen?) wegen Beleidigung. Deschamps hätte sich besser ein Beispiel an Gottfried Benn genommen (in einem Brief an Ernst Jünger): »Über mich können Sie schreiben, dass ich Kommandant von Dachau war oder mit Stubenfliegen Geschlechtsverkehr ausübe, von mir werden Sie keine Entgegnung vernehmen.«
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Ich pflege übrigens im Verkehr mit Stubenfliegen – jetzt nerven sie wieder! – die sadistische Variante. Ttssss … bumm!
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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