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Montagsthemen (vom 19. Mai)

»Schon wieder dieser blöde Holländer!« Dabei hätten die Bayern dieses Finale gar nicht gewinnen dürfen, denn ein Experte, sogar DER deutsche Oberexperte, hatte vor dem Anpfiff eine Tatsachenentscheidung gefällt: Frank Wormuth verkündete im »Focus« aus der hohen Warte als DFB-Chefausbilder, also quasi ex cathedra, das Ballbesitz-Konzept von Guardiola sei engstirnig und unflexibel, er habe einfach keinen Plan B und könne daher gegen richtig gute Mannschaften nicht gewinnen. Der BVB ist eine solche. Hat aber verloren. Nicht nur, aber auch, weil Guardiola einen Plan B hatte.
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Beim »Spiegel« schreiben die klügeren Experten. Das sind, nicht nur im Fußball, solche, die hinterher wissen, warum andere, unvorsichtig Vorgeprellte völlig falsch liegen: »Es ist der persönliche Triumph des Josep Guardiola: Der Sieg im Pokalfinale hat viel mit den taktischen Änderungen des Bayern-Trainers zu tun. Mit einem Schlag dürfte die Kritik an seinem Kurs verstummen.«
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Womit der »Spiegel« das schlechte Gedächtnis seiner Leser einkalkuliert, denn die nächste Gelegenheit, bei der Kritik an Guardiolas Kurs wieder aufflammen könnte, liegt noch ein paar Monate in der Zukunft. Kommt aber bestimmt.
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Letzte Worte zum Thema Ballbesitz: Als Indiz wertvoll, als Fetisch Quatsch. Wenn ich mich recht erinnere, kam das Wort »Ballbesitz« nach dem Schlusspfiff nicht vor, da diesmal – wie so oft, aber längst nicht immer – irrelevant.
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»Schon wieder dieser blöde Holländer«? Sind Sie über den Eingangssatz gestolpert, womöglich sogar hoch empört? Wäre schade. Ich erlebte das Pokalfinale im Kreis von holländischen Freunden und brüllte ihnen nach dem 1:0 diese »Schmähung« entgegen. Die Holländer hatten, wie ich, ihren Spaß daran. Ähnlich wie die Arsenal-Fans und Mertesacker an ihrem »big fucking German«. Man stelle sich vor, Ribery würde bei uns als »kleiner fieser Franzose« tituliert. Nein, man stelle es sich lieber nicht vor.
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DFB-Pokal, spanisches Titel-Duell, nachrangig auch noch der englische FA-Cup: Bei aller Spannung wurde dennoch deutlich, dass die Spieler am Ende sind und die Spiele nicht mehr so hochklassig wie in der Saisonmitte. Was bedeutet das für die WM? Nichts. In Brasilien werden die Karten neu gemischt, und da zählt nicht der letzte Eindruck, sondern vor allem die Fähigkeit der Trainer, ihre Spieler in einem Crash-Kurs über kurze Atempause, aktive Erholung und Neuaufbau wieder in Topform zu bringen. Eine sehr komplexe und hoch anspruchsvolle Kunst. Dass Deutschland sie traditionell mit am besten beherrscht, macht den Gegnern Angst. Ist aber nur ein kleiner Pluspunkt. Für den Titel benötigt man viele große.
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Aber wer ihn auch holt, den Titel, er wird nicht die der Vollendung nahe Klasse der Mittsaison-Bayern erreichen. Das Pokalfinale haben die Endsaison-Bayern dagegen auf dem Zahnfleisch gewonnen, mit viel Kampf und zum Schluss noch mehr (Muskel-)Krampf. Im Boxen wäre es ein knapper, aber verdienter Punktsieg geworden. Im Fußball jedoch entscheidet die Zahl der gefallenen Tore. Da nur der BVB in regulärer Spielzeit ein solches schoss, wäre er nach regelgerechter Regelanwendung neuer deutscher Pokalsieger. Dem stand aber die Tatsache entgegen, dass im Fußball ein Zufallsgenerator mitspielt, der Tatsachen schafft, auch wenn sie keine Tatsachen sind.
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Nach all den Jahren mit meinem Ladenhüter »Video-Hilfe für den Schiedsrichter« habe ich keine Lust mehr, in der ewig gleichen Diskussion mitzudiskutieren, die aufgeregt  beginnt und bald ergebnislos im Nichts endet. Ich kämpfe nicht wie Don Quijote fanatisch für Gerechtigkeit um jeden Preis und auch nicht wie Michael Kohlhaas gegen Windmühlen (oder verwechsle ich da etwas?). Ich ziehe Galgenhumor vor und freue mich über den Fußball als mittlerweile einzig videoüberwachungsfreien Ort in Deutschland. Sogar unsere Wälder sind ja schon lange lückenlos videobestückt. Dort sollen zwar nur scheue Wildtiere in die Foto-Fallen tappen, doch wurde im tiefsten Tann als Beifang auch schon das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit dokumentiert. Beim Fremdgehen. Tatsache! Vor einiger Zeit in Österreich aktenkundig geworden.
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Somit bleibt zwar meine Video-Hilfe für den Schiedsrichter eine Illusion, nicht aber in Zweifelsfällen die videogestützte Tatsachenentscheidung für die Schiedsrichter-Gattin. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle