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Sport-Stammtisch (vom 17. Mai)

Verletzungsgebeutelt sind beide nun auf gleichem Niveau, die Formkurve spricht für den BVB, die Stimmung auch, das Potenzial dagegen weiterhin für die Bayern, die leichter Favorit wären, wenn, ja wenn sie den Dortmundern nicht so gut lägen. Mein Tipp? Ich bin unentschieden. Aber das gibt’s ja nicht.
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Wenn die deutsche Presseagentur (dpa) recht hat, wird heute einer den Unterschied ausmachen. Denn im letzten Ligaspiel »erzielte Lewandowski vier von zwei Treffern«. Er ist halt nicht nur der aktuell beste Stürmer der Welt, sondern auch ein Zauberer. Auf die dpa-Illusion fielen so manche Tageszeitungen herein, die das Kunststück anstandslos übernahmen.
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Andererseits: Wenn Guardiola heute Pizarro in die Startelf stellt und durchspielen lässt, könnten die Bayern sogar den »Vier von zwei«-Zauberer entzaubern – mit seinen zehn Saisontoren sticht der selten eingesetzte Pizarro den Vielspieler Lewandowski in punkto Effizienz klar aus: Der Peruaner benötigte im Schnitt nur eine gute Stunde (68 Minuten) für ein Tor, der Pole fast zweieinhalb (140).
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Genug gespaßt. Was wirklich zählt, sind nicht die Zahlen. Warum spielten die Bayern in der Hinrunde Fußball in Vollendung und schlafften dann ab? Am Ballbesitz-Fetischismus des Trainers kann es nicht gelegen haben, nicht alleine jedenfalls. Ungewollt gibt Philipp Lahm in einem Interview, in dem er Guardiola (»Dieser Mann ist top-top-top«) auf etwas peinliche Art bauchpinselt, einen verräterischen Hinweis: Das System des Trainers sei total klasse, Real Madrid habe aber nun mal mit »mehr Energie« gespielt. Und die Bayern? »Wir haben im letzten Jahr mit ganz, ganz viel Energie gespielt.« Und in diesem?
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Energie? Die fällt nicht wie Manna vom Himmel, sondern wird trainingssystematisch aufgebaut. Unter Heynckes gelang also etwas, was unter Guardiola misslang. Doch nicht nur Zahlen, auch solche kritischen Worte sind Schall und Rauch – wenn die Bayern heute triumphieren. Nur das Real-Desaster, das bleibt.
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Rund um das  Pokalfinale wird wieder viel über System und Taktik gesprochen. Die »Experten« schwadronieren, auch ihr  »Kaiser« wurschtelt gerne belanglos rum. Da freut es mich, endlich einmal einleuchtend und in klaren Worten erklärt zu bekommen, was Taktik und System überhaupt bedeuten: »Taktik ist die Umsetzung deiner Möglichkeiten unter Berücksichtigung der Möglichkeiten des Gegners. Ob ich nun mit der Vierer-Abwehrkette spiele oder mit drei Innenverteidigern, das ist eine Sache des Systems. Mit Taktik hat das nichts zu tun. Taktik ist, meine Stärken genau zu kennen und die Stärken sowie Schwächen des Gegners. Und meine Mannschaft darauf einzustellen.« – Wer spricht da so klar, so klug, so firlefanzfrei? Ist schon eine Weile her, aber: Franz Beckenbauer! Er kann, wenn er will.
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Heribert Bruchhagen gilt als der Firlefanzfreieste  überhaupt, klar und klug im Wort sowieso. Aber was ist nur mit ihm und seiner Eintracht los? Da klappt hinten und vorne wenig bis nichts, in der Trainerfrage wurde rumgeeiert und dilettiert, und auch bei den Spieler-Transfers von und zur Eintracht fehlt das glückliche Händchen. Kann sich alles noch ändern, klar, aber langsam beginnt sich der Eindruck zu verfestigen, dass sich Bruchhagen zwischen Anspruch und Wirklichkeit verheddert und zudem fußballerisch zu sehr noch in seinen »Old school«-Bahnen denkt (hat er wirklich selbst Babbel und Fink ins Gespräch gebracht?).
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Mieses Karma? Karma kama ändern. Heribert Bruchhagen hat sich vielleicht zu sehr in seinem Nimbus des Obervernünftigen gesonnt. Auf zu neuen Zielen! Die Eintracht hat Potenzial, und wer sich an die ersten Spiele der Saison erinnert, als sie Liga-Mittelständlern haushoch überlegen war und sogar gegen die Großen keineswegs abfiel, fragt sich, wie diese Mannschaft in Abstiegsgefahr geraten konnte.
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Auch da fällt mir wieder das Lahm-Wort ein. Energie. Eine Sache des Trainers. Auch Veh gilt nicht gerade als Trainingsintensivtäter. Dass er angekündigt hatte, die Eintracht wegen der hier fehlenden Perspektiven zu verlassen, nun aber im perspektivisch obersensationellen Stuttgart gelandet ist, steht jedoch auf einem anderen Blatt. Das trägt die Überschrift »Glaubwürdigkeit?« und ist schon mit vielen anderen Namen vollgekritzelt.
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Zuletzt kamen die von Alves, Neymar und Loduca hinzu. Mittlerweile scheint sich das Gerücht zu bestätigen, dass das demonstrative Bananen-Essen eine gezielte Aktion der PR-Agentur Loduca war, ursprünglich mit Neymar geplant, dann mit Alves umgesetzt. Man hört und liest kaum noch etwas davon, offenbar will man das Zweifelhafte der Aktion durch Verschweigen aus der Diskussion bringen.
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Natürlich gibt es auch im Sport Rassismus, aber Bananenwürfe (Kahn!) gehören nicht unbedingt dazu, und wenn ja, dann sind sie zu brummsdumm, um ihnen weltweite Aufmerksamkeit zu gönnen. Echter, schlimmer Rassismus, den gab es zum Beispiel in der NBA. Nein, nicht der aktuelle Fall eines senilen Milliardärs, der seiner etwa hundert Jahre jüngeren Freundin Schwachsinniges erzählt und dabei abgehört wird. Dieser Skandal ist eher ein guter, weil er im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten überhaupt als Skandal aufgefasst wird. Zur Erinnerung: Bis 1950 war die NBA für schwarze Basketballer tabu, was als Nebeneffekt den Ruf der Harlem Globetrotters als bestes Team der Welt erst ermöglichte, denn dort spielten alle Nicht-Weißen, und zwar etwa drei Klassen besser als die besten NBA-Klubs.
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Auch die Schwarze-Faust-Aktion von John Carlos und Tommie Smith 1968 in Mexiko gehört zu den Meilensteinen des Anti-Rassismus-Kampfes. Aber die gefakte (»getürkte« wäre ebenfalls problematisch) PR-Aktion mit der Alvez-Banane sicher nicht. Oder heiligt der gute Zweck auch die verlogenen Mittel? Aber das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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