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Er bügelt gerne (“Wer bin ich?” vom 15. Mai)

Dass sich der Gesuchte in fast durchweg eigenen Worten vorstellt, mag ein Tipp sein, dass ich, der die eigenen WBI-Rätsel fast nie lösen könnte, diese Runde als besonders einfach erachtet, ist ganz gewiss einer. Aber damit habe ich fast schon zu viel verraten (Einsendeschluss: 22. Mai). – Auf geht’s:

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Meine Mutter hat immer auf mein Äußeres geachtet. Meine Mutter hatte Geschmack. Einmal habe ich einen Fußballfan mit einem Zungenring gesehen. Der wollte erst ein Autogramm, und dann musste er unbedingt seinen Schmuck vorführen. »Schau mal«, hat er gesagt, »sieht aus wie bei euch!« Ich bin eigentlich ein netter Junge, aber da wurde ich richtig wütend. Erst wollte ich ihm erklären, wie schöner Schmuck aussieht und wie wir ihn tragen, dezent und schlicht, aber dann habe ich mir diesen Burschen noch einmal angeschaut. Ich habe ihn mir vorgestellt, wie er wohl in seiner rosafarbenen Jogginghose aussieht, wenn er samstags morgens einkaufen geht. Ich habe ihm also noch einmal in die Augen geschaut und gemerkt, dass seine Mutter offensichtlich keinen guten Geschmack hatte, von dem er hätte lernen können. Die Geschichte mit den Jogginghosen ist mir übrigens gleich aufgefallen, als ich nach Deutschland kam. Im Supermarkt sieht man sie besonders gern in Lila. Ich könnte so nicht herumlaufen, ich könnte es einfach nicht.

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In Deutschland haben die Kinder mehr Freiheiten als wir, sie spielen mit Computern und streiten mit ihren Eltern. Wir hatten vor unseren Eltern Respekt, großen Respekt. Vor meiner Mutter besonders, denn sie hat es geschafft, mich und meine zwei Geschwister immer gut anzuziehen. Darauf war ich stolz.

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Ich lebte in Deutschland allein und bügelte alles selbst. Das ist keine Belastung, denn beim Bügeln denke ich oft an meine Mutter, die vor vielen Jahren verstorben ist, an meine Familie und an unseren Bolzplatz. Ein Fußball war damals das einzige Spielzeug, was ich hatte. Ich war jeden Tag draußen und spielte mit dem Ball. Ich habe einfach so zum Spaß gespielt, aus Liebe zum Fußball und nicht, um einmal Karriere zu machen.«

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Mit 17 Jahren feierte ich meinen Highschool-Abschluss mit einer Urlaubsreise nach Europa. Mutterseelenallein machte ich mich auf den Weg. Weil das Geld knapp war, begann ich den Urlaub in Deutschland, wo ich bei einem Freund meines Bruders wohnen durfte. Dieser Freund spielte Fußball bei einem Oberligisten. Einfach so zum Spaß schaute ich mir dort das Training an, und nach ein paar Tagen traute ich mich, den Trainer zu fragen, ob ich mitspielen darf. Ich hatte Glück, und er sagte ja. Nach meinem ersten Trainingstag fragte er, ob ich wiederkommen könnte. Ich bin also noch einmal hingegangen, habe wieder mit trainiert, und sie haben mich unter Vertrag genommen. So hat meine Fußball-Laufbahn begonnen. Innerhalb eines Jahres war ich bereits in der Bundesliga gelandet. Aber angefangen hatte alles mit einem Urlaub in Deutschland.

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Nach meinem Wechsel ins Ausland spielte ich noch viele Jahre bei verschiedenen Klubs. Gerne hätte ich meine Karriere in Deutschland beendet, aber es hat nicht sollen sein. Wie viele andere große Fußballer – und, in aller Bescheidenheit, ich war einer – ging ich zuletzt in die Wüste. Wer bin ich? (gw)

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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