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Montagsthemen (vom 12. Mai)

Sehr unspektakulär, dieses Saisonfinale. Siege für die fünf führenden Klubs, Niederklagen für die letzten acht(!), Tabelle unverändert, Europa-Qualifikation logisch, Abstieg und Relegation ebenfalls. Und nichts beweist die Kluft zwischen oben und unten besser als eine Zahl: 28. So viele, so wenige Punkte hätten zum Klassenerhalt gereicht. Es kann eben nicht mehr jeder jeden schlagen, daher gibt es hier Plus- und dort Negativ-Punkterekorde.
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So wusste ich auch, dass die 40-Punkte-Faustregel längst nicht mehr gilt und konnte daher vor vier Wochen risikolos wetten, dass »die 35 Punkte  schon reichen«. Armin Veh hätte mich zu diesem Zeitpunkt dafür erwürgen lassen, wäre ihm die Wette bekannt geworden.
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»Niederklagen«? Freudscher Verschreiber? Nein, zu dicke Finger, die das »k« direkt neben dem »l« gerne mitdrücken. Und was steht ganz oben links auf der Tastatur? Gleich mehr dazu.
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Sehr viel spektakulärer als das Ligafinale trumpft diese erstaunliche Nachricht auf: »Archäologen haben in New York einen deutschen Biergarten ausgegraben.« Sensationell. Deutsche schon in der Steinzeit drüben? Warum nicht. Schon ein Wikinger soll ja lange vor Kolumbus in Amerika gewesen sein, warum nicht noch früher ein alter Germane? Und welche Kultstätte errichtet er als erste Maßnahme auf fremdem Boden? Genau!
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Gab’s auch schon Weißbierduschen für die Indianer? Oder umgekehrt, haben Indianer die Weißbierduschen erfunden und die Bajuwaren sie importiert wie der Freibeuter Francis Drake die Kartoffeln? Pep Guardiola jedenfalls wirkte unter dem zwanghaften Begießungs-Ritual wie ein Missionar, der den Eingeborenen im Dschungel diesen seltsamen Brauch lässt, aber in seinem missionarischen Eifer ungebrochen bleibt. Er hätte wohl am liebsten die Taste oben links gedrückt, aber er weiß: Das muss er aushalten – entweder lassen sich die Germanen zum fußballgöttlichen Ballbesitz bekehren, oder er landet im Kochtopf der Kannibalen.
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Wirklich Biergärten im urzeitlichen Amerika? In New York, lange bevor es New York überhaupt gab? Leider entpuppt sich die Sensations-Schlagzeile, wie so viele andere heutzutage, als aufgepumpte heiße Luft. Scheinbar haben die Archäologen schon alles ausgegraben, was aus grauer Vorzeit ausgrabbar war, daher buddeln sie nun schon Trümmer aus dem 20. Jahrhundert als archäologische Artefakte aus – der New Yorker Biergarten wurde im 19. Jahrhundert gebaut und erst im 20. (genau: 1911) abgerissen. Pfffft. Luft raus.
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Ob die Archäologen den selben PR-Berater haben wie der europäische Lieder-Wettstreit? Heiße Luft in Tönen. Manche klingen so schrill, als ob sie aus prall aufgepumpten Luftballons kämen, bei denen  man den Nippel auseinander zieht. Der Name des Wettsingens springt mir täglich auf der Tastatur ganz oben links ins Auge. Ich heiße weder Guardiola noch bin ich in irgendeiner Form missionarisch tätig, daher habe ich am Samstag die Taste wieder gedrückt. ESC. Escape.
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Daher erfuhr ich erst am Sonntag, wer gewonnen hat. Sofort dachte ich: Namenswitze sind furchtbar öde und für mich tabu. Zweitsofortigens gedacht: Wenn ich dennoch Namenswitze machen würde, hieße meine Schlagzeile: »Alles hat ein Ende, nur der Wurst hat zwei.« Dann schaute ich vorsichtshalber bei Google nach, wer »Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei« gesungen hat, meiner Erinnerung nach Reinhard Mey, doch es war Gottlieb … Wendehals. Passt doch.
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Nun könnte ich ernsthaft werden und betonen, dass eine als Frau verkleideter bärtiger Mann kein Sieg der Toleranz ist, sondern als x-te Version von »Charleys Tante« nur noch zu vorgerückter Stunde als Amateur-Sketch beim Schützenfest beklatscht wird. Aber ich will ja nicht als Muppet-Opa jeden Spaß verderben.
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Daher sehe ich es positiv, ebenso die Bierduschen und sogar Kevin Großkreutz’ Döner-Wurf. Bier literweise zu vergießen statt zu trinken, und das auch noch freudvoll, zeigt nur, wie ernst in der Vorbereitung auf die WM auch die sportgerechte Ernährung genommen wird. Dass Großkreutz sogar mutig voran geht und das fette Fast-Food so wütend wegschleudert, dass es als Kalorienbombe im Gesicht eines Provokateurs detoniert, setzt nicht nur ein Diät-Zeichen, sondern auch ein einschüchterndes Signal an die Gegner: Wir lassen uns nichts gefallen! Endlich haben unsere hochtalentierten, aber kreuzbraven Jungs den lange vermissten »emotional Leader«. Die WM kann kommen!
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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