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Sport-Stammtisch (vom 10. Mai)

Ein vielversprechender WM-Kader. Hoffentlich nicht viel versprechend und wenig haltend. Ob unsere ebenso hochtalentierten wie kreuzbraven Wohlfühlfußballer bei der WM die Schwänzchen einziehen, wenn kantige Südamerikaner oder ausgebuffte Italiener »Huch!!« rufen? Bei all den leicht Einzuschüchternden im Team bräuchten wir zumindest einen eigenen Einschüchterer (auch Khedira, der noch Kernigste, ist keiner). Zum Beispiel einen wie Eric Cantona. Fällt mir nur ein, weil ich in dieser Woche bei Arte den schönen Ken-Loach-Film »Looking for Eric« gesehen habe, in dem Cantona einem vom Schicksal gebeutelten Working-Class-Heroe als motivierender Geist erscheint.
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Natürlich sollten unsere lieben Jungs nicht alles nachahmen, was Cantona auf und neben dem Platz anstellte. Den legendär-berüchtigten Kung-fu-Tritt beispielsweise. Oder die Ohrfeige (verächtlicherweise auch noch mit dem Handrücken) für den Ex-Gladbacher Torhüter Jörg Stiel. Auch nicht nacheifernswert, dass ihn der französische Nationaltrainer Henri Michel einst rauswarf, weil Cantona ihn so wüst beleidigt hatte, »dass sogar die Marseiller Vorstädte erröteten« (hübsche Formulierung, in einer alten »11Freunde«-Ausgabe). Aber wenigstens die fast schon in Vergessenheit geratene Kult-Geste von Cantona sollten unsere Jungs buchstäblich verinnerlichen: Kragen hoch und drauf!
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Kaum standen die »Rasenballspielereien« im Blatt (»Anstoß« vom Donnerstag), da meldeten Nachrichtenagenturen die drohende Lizenzverweigerung für RB Leipzig. In der Kolumne war auch ein bei Facebook kursierendes und von mir minimal verändertes Protestgedicht zu lesen: »›Im Supermarkt, bitte bedenke / Es gibt auch andere Getränke / Nimm acht Cola und acht Bier / Doch …‹ – wie geht’s weiter? ›… Bluna, das verbiet’ ich dir.‹« – Dazu mailt Rüdiger Schulz: »Ein Hinweis noch zu dem von Ihnen zitierten Facebook-Eintrag: ›… acht Cola (und) acht Bier‹ wird stellvertretend für die Abkürzung A.C.A.B. verwendet, die für ›all cops are bastards‹ steht.« – Man lernt nie aus! Für mich  gilt aber M.C.A.F. (most cops are friends).
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Rüdiger Schulz ist sicher einer der besten Eintracht-Frankfurt-Kenner überhaupt (und besser bekannt unter seinem SGE-Blogger-Namen »Kid Klappergass«). Auch unser langjähriger »Anstoß-Begleiter und Mit-Kolumnist Otto A. Böhmer kennt sich bestens mit der »noch immer vom Desillusionsbeauftragten Bruchhagen angeführten« Eintracht aus.
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»Desillusionsbeauftragter« – gibt es ein herrlicheres Heri-Attribut als das des Wöllstädter Schriftstellers Böhmer? In alter Verbundenheit mailt mir »OAB« ab und zu seine Meinung, nicht zur Veröffentlichung gedacht, doch den »Desillusionsbeauftragten« sollten auch unsere Leser kennenlernen. Auch das: »Die Mannschaft, deren Zerfall nun, vorauseilend, beklagt wird, hat zuletzt kaum noch Entzücken hervorgerufen, was, wir wissen es, auch für ihren scheidenden Trainer gilt, dessen seltsame Aufstellungen nebst Ein- und Auswechslungen ich nicht vermissen werde, noch weniger seine irgendwo zwischen Selbstironie und Selbstüberschätzung georteten Auskünfte in eigener Sache« (Otto A. Böhmers komplette Eintracht-Mail steht – mit seiner von mir erbetenen Zustimmung – in der »Mailbox« des gw-Blogs »Sport, Gott & die Welt«).
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Dritter im Bunde unserer alten Eintracht-Bekannten: Henni Nachtsheim. In dieser Woche wurde unser Freund und »Kollege« deutschlandauf und -ab zitiert, allerdings nicht als von Ronny Thomas Herteux Interviewter in der Mittwoch-Kolumne, sogar nicht einmal namentlich, sondern in fast allen Heinz-Schenk-Nachrufen mit einer Zeile aus seiner Hessen-Hymne »Erbarme…«: »Unser David Bowie heißt Heinz Schenk.« Dass dies ganz anders gemeint ist, als die meisten außerhessischen Nachruf-Schreiber wohl dachten, erschließt sich nur dem, der den ganzen Satz kennt: »Da packt euch das kalte Grausen: Unser David Bowie heißt Heinz Schenk.« Und nur ganz alte Hessen wissen, dass Otto Höpfner im »Blauen Bock« der erste (und beste) Wirt war, Reno Nonsens der Clou und Lia Wöhr die Seele vom Ganzen.
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Wenn die WM-Gegner das kalte Grausen packen soll, könnte unser Cantona ja auch Schenk heißen, oder? Mit dem wird den Ronaldos schon im ersten Spiel einge»schenk«t. – Dies schreibe ich nur, um zu beweisen, dass ich vor nichts Angst habe, nicht einmal vor dem häufigsten »Blaue-Bock«-Wortspiel von Heinz Cantona alias Eric Schenk.
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Mehr an Gewaltanwendung lehne ich als Herzenspazifist ab. Ist ja auch schon brutal genug. Ohrfeigen verteile ich jedenfalls nicht, da eifere ich auch keinem Ribery oder Boateng nach, die soeben erst den Cantona machten. Apropos Ohrfeige: Wussten Sie, woher das Wort kommt? Ich weiß es, seit ich diese Mail erhielt: »Ihr Konto in Ubereinstimmung mit dem Vertrag wurde geandert zahlen Sie bitte die Schulden.« Es folgte nur noch der Satz: »Hochzeit machen Sie nicht mit getrockneten Feigen.«.
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Nachdem ich sofort meine Schulden bezahlt hatte (fällt tatsächlich irgendjemand auf derart primitiven Quatsch rein?), forschte ich nach dem Sinn des kryptischen Nachsatzes. Und fand im Internet dieses gereimte Rätsel: »Sie ist keine Heldin, / Gefahr macht sie säumen. / Sie liebt die Sonne / Und reift an Bäumen.«
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Die Feige, natürlich. Aber wussten Sie auch (siehe »matriarchat.info«), dass das »Herzerl«-Logo an Klotüren »ein Symbol« ist »für die für ihre verdauungsfördernde Wirkung wohlbekannte Feige«? Und dass die Feige auch Synonym für das primäre weibliche … und dass von ihr auch das vulgäre Verb für die geschlechtliche Tätigkeit … und dass die Ohrfeige so heißt, weil sie das Ohr anschwellen lässt, bis es aussieht wie eine … Als alter Feigling (auch der stammt wortgeschichtlich von der Feige ab!) überlasse ich weitere Nachforschungen unseren Lesern. Vielleicht können sie bzw. Sie mir dann auch sagen, warum die Cantonas, Riberys und Boatengs so gerne ohrfeigen. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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