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Rüdiger Schulz: Cantona

In Javier Marias’ empfehlenswertem Buch „Alle unsere früheren Schlachten“ habe ich vor Jahren ein Essay über den legendären Tritt des bereits des Feldes verwiesenen Eric Cantona gegen die Brust eines Zuschauers gelesen. Javier Marias schreibt:

„Es gilt als selbstverständlich, dass das Publikum geachtet werden muss, auch wenn es schon lange nicht mehr achtenswert ist. Wer einmal einen Fuß in ein Stadion (..) gesetzt hat, hat feige Individuen gesehen, die es aus dem Schutz der Entfernung oder der Anonymität heraus wagen, den Fußballspielern (..) Dinge zuzurufen, die sie niemals jemanden zuflüstern können, der nur zwei Schritte von ihnen entfernt stünde. (..) In der Masse untergetaucht, finden sie den Mut zu Beleidigungen und Schimpfworten, zu denen sie sich aufhetzen. Sie fühlen sich sicher, denn an solchen Orten ist es fast unmöglich, sie voneinander zu unterscheiden und sie als das wahrzunehmen, was sie sind: Individuen.
Nur wenige Dinge auf der Welt sind niederträchtiger als die Lynchjustiz, sei sie körperlich oder verbal, oder als eine Gruppe von Individuen, die ihre Individualität zeitweilig aufgeben, um sich jeder Verantwortung zu entziehen, damit sie jemanden töten oder schlagen oder beleidigen können. (..) Dieser lynchbereiten Masse die Stirn zu bieten oder auf sie loszugehen, ist so gut wie unmöglich, und in einer solchen Situation denkt das Opfer: „Wenn ich nur jedem von ihnen einzeln gegenübertreten könnte.
Genau das hat der große Cantona getan: jemanden in dieser Masse ausgemacht, mit dem Fuß (statt mit dem Finger) auf ihn zu zeigen, ihn aus seiner bequemen Anonymität herauszuholen und ihm das zu geben, was er verdient. (..)
Hätten wir diesen Vorfall im Kino gesehen, wir hätten in Bezug auf die Reaktion des Genies keinerlei Zweifel gehabt, mit Sicherheit hätten wir ihm zugestimmt. Manchmal frage ich mich, warum wir das wirkliche Leben nicht mit derselben Schärfe, mit derselben Gelassenheit zu deuten wissen wie einen Film oder einen Roman. Wir sollten versuchen, das Leben stets wie eine fiktive Aufführung zu nehmen, und uns vor allem auf unseren Zuschauer- oder Leseinstinkt verlassen, der wesentlich seltener versagt als unser Urteil als Bürger.“

 

 

Mir fällt ein Urteil, das über eine bloße juristische Wertung hinausgehen würde, schwer. Körperliche Gewalt bleibt für mich das letzte Mittel der Wahl. Und ich weiß natürlich, dass die Reaktion Eric Cantonas 1995 ebenso wenig richtig war wie im Frühjahr 2010 der Flaschenwurf Paolo Guerreros in Richtung eines Zuschauers. Aber ich würde lügen, würde ich behaupten, ich könnte es nicht verstehen. Helmut Kohl war mir nie zuvor und nie danach so nah wie in jener Situation, als er im Mai 1991 versuchte, eines der Menschen habhaft zu werden, die ihn hinter einer Absperrung aus der Menge heraus mit Eiern beworfen hatten. (Rüdiger Schulz)

 

PS: Mehr als sein Tritt in der Partie bei Crystal Palace im Januar 1995 wird mir immer Cantonas Tor zum 5:0 gegen Sunderland knapp zwei Jahre später in Erinnerung bleiben. Ein wunderbarer Treffer, der am Ende seiner Karriere noch einmal die ganze Klasse dieses außergewöhnlichen Fußballers bewies und darüber hinaus sein besonderes Verhältnis zum Publikum unterstrich. Nachdem er kurz hinter der Mittellinie den Ball angenommen und sich gegen zwei Gegenspieler durchgesetzt hatte, überwand er im Sprint die Strecke bis zum Strafraum und mit einem Doppelpass den dritten Gegner, um dann im Sechzehner angekommen – unbeeindruckt vom herangrätschenden vierten Gegenspieler – so abzubremsen, dass ihm das Leder maßgerecht vor den rechten Fuß lief. Mit diesem schlenzte er den Ball über den machtlosen Schlussmann hinweg in den linken Torwinkel. Das Raunen des Publikums war während Cantonas Solo angeschwollen und entlud sich nun im Jubel über ein Tor und große Fußballkunst. Der Künstler jedoch blieb auf der Stelle seiner letzten Tat stehen, drehte sich langsam um 360 Grad, als ob er die Reaktion jedes Einzelnen im gesamten Stadion prüfen wollte, bevor er die Hände, die sich zuvor wie bei einem Revolverhelden nach siegreichem Duell noch angespannt an den Seiten der Hüfte befanden, endlich in die Höhe hob, um mit ausgestreckten Armen die Huldigung seines Publikums anzunehmen.

https://www.youtube.com/watch?v=pRRdXPqnZBA

Ein unvergesslicher Moment, der mich entfernt an Jürgen Grabowskis Traumtor zum 3:0 beim 6:0-Sieg gegen Bayern München im November 1975 erinnert, als der Eintracht-Kapitän vom linken Flügel den Ball anstelle der von Sepp Maier erwarteten Flanke direkt neben den rechten Pfosten ins Tor setze – und dann an Ort und Stelle kurz vor der Torauslinie stehen blieb und lediglich beide Arme in die Luft reckte. Ich vermisse diese Kunst und noch mehr diese Künstler, die nicht auf die Pose verzichteten, sie aber sparsam – und ans vollbrachte Werk angemessen – einsetzten.

https://www.youtube.com/watch?v=wRu_NJRth3w

 

Baumhausbeichte - Novelle