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Rasenballspielerei (Anstoß vom 8. Mai)

Einmalig, dieser Durchmarsch in die zweithöchste deutsche Spielklasse. Aber: Kein Wunder mit diesem Trainer! Da ist sogar die Bundesliga möglich.
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RB Leipzig? SV Alsenborn! Den führte Fritz Walter als Trainer, Mentor und Galionsfigur vor einem halben Jahrhundert aus der tiefsten Unterklassigkeit in die Regionalliga, die damals zweithöchste Fußballklasse in Deutschland. Anschließend scheiterte Alsenborn drei Mal nur knapp am Aufstieg in die Bundesliga.
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Alsenborn profitierte vom Knowhow und vom Nimbus des größten deutschen Fußballers aller Zeiten (sorry, Kaiser Franz). Beim SSV Markranstädt begann vor fünf Jahren ein ähnliches, gleichzeitig aber auch ganz anderes Projekt. Nicht mit dem großen Fritz, sondern mit dem gigantischen Mateschitz. Der »nistete sich als Wirtstier« (Süddeutsche Zeitung) in Markranstädt (Betonung auf der ersten Silbe) vor den Toren Leipzigs ein, übernahm vom dort heimischen SSV das Startrecht für die Oberliga und ist als »RB Leipzig« nun in der 2. Bundesliga angekommen. Was nach Dietrich Mateschitz’ Selbstverständnis nur eine Zwischenstation sein kann, nein: darf.
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Weil ein Fußballklub in Deutschland zwar »Bayer« (hat tatsächlich etwas mit Tradition zu tun), aber nicht »Bluna« oder »Sinalco« heißen darf, kürzte Mateschitz seine Brause ab. Wobei »RB« nicht das bedeuten darf, was es bedeutet, ähnlich wie bei dem einen oder anderen »USC«, der kein »Universitäts-«, sondern »Unabhängiger Sport-Club« ist.
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Doch mit diesem »RB« will ich heute nicht die alte Leier zupfen, dass die Ware Sport nicht der wahre Sport ist, sondern  zum Urgrund allen Fußballs kommen. Auf welchem Grund wird Fußball gespielt? Auf Rasen. Und was kürzt »RB« ab? Rasenballsport. Mateschitz, Sie Schlingel!
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Nicht jeder nimmt’s gelassen hin. So kursiert bei Facebook ein Protestgedicht: »Im Supermarkt, bitte bedenke / Es gibt auch andere Getränke / Nimm acht Cola und acht Bier / Doch …« – wie geht’s weiter? » … Bluna, das verbiet’ ich dir.« Oder so ähnlich.
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Der Fan hat es in der Hand? Na ja. Wenn er etwas anderes trinkt, trinkt er dann wirklich was anderes? Bei dieser Art fußballorientierter Kapitalismuskritik müsste der Traditions-Fundamentalist nicht nur auf eine Brausemarke, sondern auf fast alles verzichten, vom Bier übers Auto bis zur Lebensversicherung – selbst auf Öko-Strom und manches andere, vor und auf dem das Zauberwort »Öko« steht.
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»Rasenballsport« bringt uns zu den Versen des großen Seinsphilosophen Heinz Erhardt, der auch über den Fußball letztgültige Wahrheiten verkündet: »44 Beine rasen durch die Gegend ohne Ziel / und weil sie so rasen müssen, nennt man das ein Rasenspiel / Rechts und links stehn zwei Gestelle, je ein Spieler steht davor / hält den Ball er, ist ein Held er, hält er nicht, schreit man: ›Du Tooor!!!‹ / Fußball spielt man meistens immer mit der unteren Figur / Mit dem Kopf, obwohl’s erlaubt ist, spielt man ihn ganz selten nur.« – Deckt alles ab. Ist unseren Fernseh-Fußballexperten jemals ähnlich Tiefgründiges eingefallen?
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Das Rasenspiel wird auf selbigem gespielt, doch wird dieser oft sträflich vernachlässigt. Auch da bringt uns »RB« dankenswerterweise zu einer Hommage und an den Urgrund des Fußballs zurück. Im SZ-Magazin gab ein Landschaftsbauer vor Jahren Einblick in das Gefühlsleben der Graspflanzen, die in den modernen, zugebauten und überdachten Stadien schwer zu leiden haben, vor allem im Winter: »Für den Rasen bedeutet das einen gigantischen Stress, denn unten ist die Bodenheizung, und oben herrscht Frost. Dabei hätten die Pflanzen eigentlich Winterschlaf und fragen sich nun: Sollen wir wachsen oder nicht?«
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Nun wachsen sie, im Stadion und in unseren Gärten. Wobei wir das sensible Mitlebewesen natürlich nicht derart verächtlich behandeln wie die Fußballprofis, denn wenn es im Garten kreucht und fleucht, keucht und rotzt es im Stadion, sehr zum Leidwesen des grasemphatischen Landschaftsbauers: »Die Spieler spucken dauernd drauf. Schlimm, dass man mit diesen wunderbaren Pflanzen oft so miserabel umgeht. Gras ist ein Gottesgeschenk allerersten Ranges.« Sein zu Herzen gehendes Schlusswort »Wenn Gras schreien könnte, wäre es im Stadion noch viel lauter.«
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»Die Grenzen zwischen Hell und Dunkel müssen exakt durch die Strafraum-, die Mittel- und die Fünfmeter-Linie laufen«. Dass die FIFA diese strengen Stadion-Mähregeln erlassen hat, sei hier nur erwähnt, weil der Weltverband damit meinen Wunsch nach Video-Hilfe für den Schiedsrichter wenigstens ansatzweise erfüllt: die Mäh-Hilfe bei der Abseits-Entscheidung.
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Über Fritz Walter, Heinz Erhardt und allerlei Graswurzelwitzelei auf meine Video-Hilfe kommen zu können, das verdanke ich Herrn Mateschitz und seinem Rasenballsport. Ich werde es ihm nicht vergessen. Vielleicht fällt mir sogar noch der Name seiner Brause ein.
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Ach ja, Alsenborn: Später, Fritz Walter hatte sich längst verabschiedet, stürzte der Klub in die Zehntklassigkeit ab, irgendwo da unten existiert er immer noch.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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