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Sport-Stammtisch (vom 3. Mai)

Der schwarze Dienstag von München: Schlimmer, viel schlimmer als das verlorene »Finale dahoam« – denn da hatten hoch überlegene Bayern nur Pech, jetzt hatten sie keine Chance. Wie und ob sie das überhaupt verkraften? Zumal ohne Hoeneß? Dass nur er die »Mir san mir«-Mentalität personifiziert, wird um so klarer, wenn er abtaucht und die Rummenigges und Sammers seinen Galions-Part übernehmen müssen.
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Auch Guardiolas Analyse stimmt nicht zuversichtlich. Er hält an seinem Fetisch fest und glaubt daher, den Grund für die Niederlage erkannt zu haben: »Wir hatten keinen Ballbesitz.« Nun ja, beim 0:1 in Madrid waren es 66 Prozent, beim 0:4 in München »nur« noch 65 Prozent. Pro Prozent drei Tore – rechnen Sie selbst nach, mit wieviel Prozent Ballbesitz der FCB das Finale erreicht hätte, indem Sie die Zahlenreihe vervollständigen, die man so ähnlich als leichteste Übung aus den meisten IQ-Tests kennt: 0:4/65 – 0:1/66 – ?:?/67 – ?:?/68.
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Nun also ein Madrider Stadt-Derby im Europa-Finale, in dem zuvor zwei deutsche Klubs standen, die diesmal nur noch ein regionales Endspiel in Berlin bestreiten. Ende des deutschen Aufschwungs? Beginn des Abschwungs? Ein Symptom? Oder Zufall?
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Ich tippe auf Zufall. Vor ein paar Monaten hätte der FC Bayern München in seiner damals überirdischen Form Real Madrid vom Platz gespielt, Ballbesitz hin oder her. Warum dieser Absturz? Nur weil Guardiola die Bundesliga-Saison verfrüht für beendet erklärt und die Spannung weggenommen hat? Das behaupten die meisten »Experten«, doch die wissen nun mal immer erst hinterher, warum es anders gekommen ist, als sie es vorher gewusst zu haben glaubten.
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Vermutung: Wenn Weidenfeller den unberechtigten Elfmeter nicht hält, gewinnt Dortmund nicht 2:0, sondern verliert so hoch wie der FCB, der wiederum gewinnt, wenn ihm ein ähnlicher Zufallsmotivator gelingt. Aber was ist Zufall? Zwei Alberts geben Auskunft. Schweitzer: »Zufall ist das Pseudonym, das der liebe Gott wählt, wenn er inkognito bleiben will.« Einstein: »Gott würfelt nicht.« Sondern spielt Fußball.
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Warum glauben wir dennoch an die Hinterher-Besserwisser? Pipilotti Rist, eine Schweizer Künstlerin, weiß es, ohne etwas vom Fußball zu wissen: »Wir haben immer die Tendenz, im Nachhinein alles logisch zu sehen. Ganz oft regiert der Zufall, aber es ist leichter zu ertragen, wenn wir etwas für logisch halten.«*
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Ein Dämpfer für die WM? Würde nicht schaden. Die überhitzte Erwartungshaltung hat sich jedenfalls abgekühlt. Gut so. Obwohl sich nichts geändert hat: Deutschland gehört zu den Mitfavoriten, mit kleinen Nachteilen gegenüber Spanien und dem Veranstalter sowie den stärksten anderen Südamerikanern. Löw muss unbedingt hinten auf Hummels und vorne auf mehr Reus- und weniger Kroos-Stil setzen, also mehr Klopp wagen. Aber das ist (meine) Ansichtssache. Entscheiden wird sowieso ein anderer. Siehe oben.
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Die WM wirft ihre Fanartikel voraus und meine verbilligten Schoko-Osterhasen aus den Regalen. Mein Supermarkt bietet jedenfalls schon ein großes Schwarz-Rot-Gold-Sortiment an. »Schland« regiert, ein selten dämliches Wort, das in meinen Kolumnen nicht auftaucht. Nicht weil Stefan Raab die Markenrechte hält (wirklich!), sondern weil ich Doofes lieber selbst fabriziere. Leider meist unfreiwillig.
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Sehr doof wäre es aber auch, wenn sich bewahrheitet, dass der Rassismus-Aufreger der Woche abgesprochen war. Eigentlich, so die Gerüchte, galt die Banane Neymar, der – und nicht Alves – sie essen sollte, als Start einer von einer Werbeagentur lange geplanten Anti-Rassismus-Kampagne. Eine von vielen vom Typ Wohlfühl-Antirassismus, und dann auch noch als Fake – sollte sich das bewahrheiten, würde es der Sache extrem schaden.
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Wenn schon Fake, dann ein gelungener, ach was, ein genialer wie jener der Hamburger Filmstudenten, die einer Rede Hitlers den Ton abdrehten. Kennen Sie Polts Nummer mit dem Leasingvertrag? »Und ich Idiot unterschreibe diesen Leasingvertrag! Und seit dieser Zeit kann ich der Firma Ismaier 437 Mark und 80 Pfennig in den Arsch stopfen!« Polt steigert sich in wahre Tobsucht, und das alles mit täuschend echter »Führer«-Stimme, die die Studenten der Hitler-Rede unterlegten, absolut synchron, verblüffend, einmalig. Bei Youtube nur »Polt« und Leasingvertrag« eingeben – das müssen Sie gesehen und gehört haben!
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Übrigens: Auf Olli Kahn wurden mehr Bananen geworfen als auf alle anderen Fußballer zusammen, mit Affengrunzen als Begleitmusik. Und Kahn sieht so aus, wie Persil wäscht: weißer als weiß. Rassismus kann’s also nicht gewesen sein. Nur brummsdumme Saudämlichkeit. Was aber wiederum ein Synonym für Rassismus ist. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle