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Joschi und die Empathie (“Nach-Lese” vom 3. Mai 2014)

Mehr denn je ringen Zeitungen und Zeitschriften um ihre Zukunft im Zeichen des Internets. »Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch«, versucht der Dichter (Hölderlin, »Patmos«) uns Papierbedruckste zu trösten. Und in der Tat, die Lage ist zwar be… – genau! – aber die Lösung (in der Jägersprache: Losung) wächst und liegt auf der Straße, man muss nur hineintreten, und schon gehört man zur angeekelten Zielgruppe des neuen Magazins »Kot & Köter«. Dessen Erstausgabe kam jetzt mit einer tosenden medialen Begleitmusik auf den Markt, von der andere gedruckte Neuerscheinungen nur träumen können.
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Eine echte Kakophonie allerdings, denn in »Kot & Köter« »können Hundefeinde lesen, was sie schon immer von den Vierbeinern hielten« (»Zeit«). »Doch für verbissene Hundehasser«, meint die »Süddeutsche Zeitung«, ist das Heft »wohl eine Enttäuschung«, da »zu verspielt, zu gaga, zu selbstironisch«. So fordern die Grünen laut »K&K« Kotbeutel aus Jute, und zum Festtags-Menü gehören »Schäferhundbris auf feinen Cocker-Spanielohren« und »Argentinischer Dackelrücken«. Nicht übermäßig witzig, für »Bild« sogar überhaupt nicht. Das Blatt macht sich zum Anwalt aller empörten Hundefreunde und stellt den »Kot & Köter«-Erfinder unter der Schlagzeile vor: »Dieser alte Knochen macht 1. Zeitschrift für Hunde-Hasser.«
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Tja, »Bild« meint’s leicht unernst, aber ob seine Leser das auch so sehen? Die stehen vermutlich eher auf der Seite jener Tierschützer, die ebenfalls steckbrieflich vorgehen, das aber todernst meinen, wenn sie in einer ganzseitigen (sehr umstrittenen, von der »SZ« abgelehnten) Anzeige in »Zeit«, »FAZ« und anderen großen Blättern einen Bremer Professor persönlich, bildlich und namentlich an den Pranger stellen. Dieser Forscher arbeitet mit lebenden Affen, denen er Sonden ins Gehirn setzt. Sehr unschön, sehr diskussionswürdig, aber wenn in der Anzeige zu lesen ist, »Tierexperimentatoren« seien »Wesen der besonderen Art – man sollte sie nicht leichtfertig Menschen nennen«, gruselt es angesichts einer »Tierliebe«, die notfalls über Menschenleichen gehen würde.
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Überhaupt haben fundamentalistische Tierfreunde und ebensolche Hundehasser mehr gemeinsam, als ihnen lieb sein dürfte. Sogar bei Tierfreunden kann die Grenze zwischen Mitleiden und Leidverursachen fließend verlaufen. Und selbst wenn von Berufs und Berufung wegen empfindsame Schriftsteller auf den Hund kommen, geht es der Literatur meist gut und dem Hund oft schlecht. Auch bei Thomas Mann, dem ausgewiesenen Hunde-Liebhaber, übertrifft die literarische Qualität das Hunde-Verständnis bei weitem. In »Herr und Hund«, der 1919 erschienenen Erzählung, wollte Mann seinem »Bauschan« ein Denkmal setzen, legte aber nur literarisches Zeugnis ab, wie man seinen Hund gerade NICHT behandeln sollte. Lesen Sie bitte selbst nach!
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Mann kann man zu Gute halten, dass zu seiner Zeit die Kenntnisse, wie der Hund »tickt«, noch in den kynologischen Kinderschuhen steckten. Für Hartmut von Hentig, den vom pädagogischen Eros schwärmenden Reformer der Erziehungswissenschaft, gibt es dagegen keine mildenden Umstände mehr. Dessen Hund »Joschi« (Buchtitel) ist ein ganz armes Schweinchen. Leider kein erfundenes, denn von Hentig erzählt ein Stück aus seinem und des Hundes Leben. Joschi kommt als Welpe zur Nachbarin, kann tun und lassen, was er will. Ist ja auch sooo süß! Aber er wird größer, und da nicht mal ansatzweise erzogen, wächst er allen über den Kopf und wird in einen Zwinger abgeschoben. Nur wenn Nachbar von Hentig nach Hause kommt – alle sechs Wochen -, kehrt Freude ein, denn er geht mit Joschi spazieren. Aber wie! »Ein Kunststück, allein den in wahnsinniger Aufregung befindlichen Hund im Zwinger an die Leine zu kriegen. Unermüdlich zerrt mich Joschi voran.« Immer im Wechsel: Sechs Wochen im Zwinger, dann eine Woche wildestes Spazierenzerren mit dem Nachbarn, der nicht merkt, was angerichtet wird, sondern gerührt bekennt, dass Joschi »zu einer Furie der Freude« wird, wenn er ihn aus dem Zwinger lässt. »Ich muss, sobald ich Menschen kommen sehe oder kommen höre, die Leine um einen Baum schlingen, um nicht von Joschi umgerissen zu werden.« Es kommt, wie es kommen muss: Joschi beißt fremde Menschen. Die Vorfälle häufen sich, die Behörde muss einschreiten, der Hund wird geprüft, als gefährlich eingestuft, und es gibt Auflagen, die von Hentig als überbürokratisch kritisiert, zum Beispiel die Verpflichtung, dass Besitzerin und Hund sich einer Schulung unterziehen müssen. Dazu hat die Nachbarin weder Zeit noch Lust, von Hentig sowieso nicht, daher lassen sie Joschi . . . einschläfern! Und wer ist schuld? »Das war sein Leben. Nun ist es ausgelöscht durch eine amtliche Maßnahme.«
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Amtliche Maßnahme? Menschliches Versagen! Der Evolutionsforscher Manfred Eigen antwortete auf die Frage, welchen Wunsch er an eine gute Fee hätte: »Ich möchte einmal eine Stunde lang in meinem Hund sein.« Wünschen wir Hartmut von Hentig, dass ihm solch ein Wunsch nicht erfüllt wird. Eine Stunde lang Joschi sein – das wäre doch eine gar zu menschenquälerische Strafe.
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Von Hentig liebte nicht den Hund, sondern die Liebe zu einem Hund, und er besaß keinerlei Einfühlungsvermögen in dieses arme Lebewesen. Und da kommt die Odenwaldschule ins Spiel. Deren ehemaliger Leiter, von Hentigs verstorbener Lebensgefährte Gerold Becker, gilt als Hauptschuldiger des Missbrauchsskandals. In der Verteidigung seines Freundes verstieg sich von Hentig zur Behauptung, allenfalls hätten Schüler ihren Lehrer Becker »irgendwie« verführt. Außerdem sei die pädagogische Liebe »eine Form der persönlichen Liebe«, aber »unsere Gesellschaft« dafür zu »kleinmütig«.
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Wie kommt es zu dieser Diskrepanz zwischen selbst gefühlter Empathie und dem Schaden, den sie anderen an Leib und vor allem Seele zufügen kann? Der arme Joschi könnte Aufschluss geben. Aber der wurde zu Tode geliebt.
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Empathie: »Ein Lebewesen ist mit einem anderen empathisch, wenn es sich in dieses einfühlt, sich also vorstellt, es wäre das andere, beziehungsweise so fühlt, wahrnimmt und denkt, als wäre es das andere« (Wikipedia) – und das Gegenteil davon ist jene »Empathie«, die nur empfindsam in sich selbst einfühlt (ähnlich bei der Toleranz, doch das ist ein anderes Thema).
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Manche Vierbeiner hätten allen Grund, zum Psychiater zu gehen. Sigmund Freuds Chow-Chows hatten ihn im eigenen Haus. Bei Herrchen Freud mussten sie sich an seinen Geburtstagen mit der Familie um einen großen Tisch versammeln, dort auf Stühlen sitzen und – wie Freud selbst bei diesem Anlass – einen Papierhut tragen. Freud war offenbar psychoanalytisch auch ein recht interessanter Fall.
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Thomas Manns Tochter Elisabeth besaß Setter, die sie zum Klavierspielen abgerichtet hatte. Manche ihrer Hunde konnten sogar »schreiben«. Deren Pfoten-Tasterei auf der Schreibmaschine schickte die Mann-Tochter kommentarlos an die »New York Times«, die das dadaistische lyrische Werk auch prompt hundenichtsahnend abdruckte, weil die Redaktion dachte, es sei ein originaler Mann-Text. Wirklich!
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Und raten Sie mal, wer diese »Nach-Lese« geschrieben hat. Aber mit meinem Namen zu signieren, das traue ich mich nicht. Da nehme ich doch lieber den meines Zweibeiners.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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