Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Ohne weitere Worte (vom 29. April)

Kluges, Originelles, Peinliches, Schräges, Dümmliches, Erhellendes oder sonstwie Interessantes, gesucht und gesammelt in der deutschen Medienlandschaft.

*****

Sie drangen ein ins Stadion (…) mit dem gleichen Fleiß, mit der gleichen Geduld, mit der Räuber einen Tunnel buddeln. Schaufel auf Schaufel, Pass auf Pass. Ballkontakt auf Ballkontakt. Ein emsiges, eintöniges Unterfangen. Am Strafraum aber stellten sie fest: Sie hatten ihr Handwerkszeug vergessen, um zum Tor zu gelangen. Wie die Räuber, die nach tagelangem Schaufeln am Tresor ankommen und begreifen müssen: Alles fehlt, kein Bohrer, kein Brecheisen, kein Dynamit, um das Ding zu knacken. (…) Die Bayern traten auf wie Trickdiebe ohne Tricks. Wie Räuber ohne Dietrich. (Süddeutsche Zeitung)

*

Die Mannschaft, die in der aktuellen Champions League im Schnitt mehr als doppelt so viel Ballbesitz hatte wie ihre Gegner – sie ist die einzige, gegen die im Halbfinale bisher ein Tor fiel. (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)

*

Die Bayern verlieren gegen Real Madrid, und ganz Deutschland diskutiert. Weniger über das Spiel, sondern über den größten Fußballdenker unter unserem Himmel. Sky-Experte Franz Beckenbauer trägt jetzt Bart! Natürlich nicht so ein Hipster-Gestrüpp wie der Chef der ihm treu ergebenen Bild-Zeitung. (…) Die wangenfreie Oberlippen-Kinn-Kombination gilt bei Kennern als »Henriquatre«, in Anlehnung an einen großen französischen König, was dem aktuellen Träger allerdings vollkommen wurscht sein dürfte, wie so vieles andere auch. (Süddeutsche Zeitung)

*

»Nehmen Sie den Hoeneß-Prozess. Ein ganz toller Fall von Rechtsstaatlichkeit. Ein kurzer Prozess trotz kurzfristiger Veränderung der Sachlage verhindert gerade  die Klärung dessen, was er zu klären gehabt hätte, nämlich: Woher kam das ganze Spielgeld?« (Bazon Brock, Kunsttheoretiker, im FAS-Interview)

*

»Ich interessiere mich für Menschen am Rande der Gesellschaft, die die Regeln kennen, aber mit ihnen spielen und sie dabei hie und da umgehen. Das war auch das Erste, was ich gedacht habe, als ich von der Geschichte mit Uli Hoeneß hörte. Ich habe sofort Sympathie für ihn empfunden. Weil er gespielt hat, weil er zu weit gegangen ist. Faszinierend. (…) Die Gefängnisstrafe finde ich übertrieben. Da sollten wir lieber sagen: Lieber Mensch, versprich, dass du das nie mehr machst. Und jetzt trinken wir ein Bier.« (der holländische Schriftsteller Leon de Winter im SZ-Interview)

*

Jeden Monat bezahlt der Staat (das sind übrigens wir alle) 40 Millionen Euro für das, was dort nicht geschieht. Die gesamte von Uli Hoeneß hinterzogene Steuersumme von 28,5 Millionen Euro würde gerade drei Wochen lang reichen, um die Tatsache zu finanzieren, dass in Berlin ein Flughafen nicht in Betrieb genommen werden kann. (Axel Hacke in seiner Kolumne »Das Beste aus aller Welt« im SZ-Magazin)

*

»Mir wurde eine Stadt voller Schlaglöcher hinterlassen, mit einem Schulsystem, das am Ende ist, und mit dramatisch angestiegener Armutsrate. Hinzu kommen 14 Milliarden Euro Altschulden, zum Teil noch aus der Zeit, als Rom sich um die Olympischen Spiele 1960 bewarb.« (Roms Bürgermeister Ignazio Marino, zitiert im Spiegel)

*

Der größte Fleischkonzern Deutschlands ist dabei, sein Engagement in Russland auszuweiten. Eineinhalb Millionen Schweine sollen demnach bald in Tönnies’ Auftrag dort in 18 Anlagen geschlachtet werden. Schweinesysteme arrangieren sich eben am besten mit Schweinesystemen. (taz)

*

»Wrestling. (…) Vieles am modernen Sport, erst recht am Boxsport, orientiert sich längst daran, nur dass die Fußballfans treuherziger, letztlich doofer als das Wrestling-Publikum sind und sich noch den Bären echter Feindschaften und hasserfüllter Matches aufbinden lassen. Aber das Foulspiel zum Schein, das übertrieben schmerzverzerrte Grimassieren auf dem Rasen, das genau ist Wrestling. (Zeit)

*

»Die Wahrheit ist das Synonym für Irrsinn. (…) Wer sich im Besitz der Wahrheit glaubt, ist ein psychopathischer Fall (Brock/FAS)

*

»Amerika ist das einzige Land, in dem ein großer Teil der Bevölkerung glaubt, Wrestling sei echt, aber die Mondlandung gefälscht.« (Late-Night-Moderator David Letterman, zitiert im SZ-Magazin) (gw)

*

(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«   Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle