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Sonntag, 27. April, 5.30 Uhr

Vom prasselnden Regen geweckt. Sorgen um meine letzte Bastelarbeit, das Hochbeet. Aus Verschalungsbrettern zusammengenagelt und schwedenrot angestrichen. Der zart und keck sprießende Ruccola und das Blattsalat-Band (oder ist Ruccola auch ein Blattsalat?), ob sie das Prasseln heil überstehen? Es gießt wie aus Kübeln, was mich auch an erste Englisch-Schulstunden erinnert: “It’s raining cats and dogs.” Früheste Englisch-Erinnerung aber: “Bunny”, das Kaninchen im Sexta-Schulbuch. Mit schönen bunten Zeichnungen. Allererste Lektion: “Bunny has a narrow escape.” Finde ich immer noch ganz schön schwierig für den Einstieg ins Englische.

Gestern ein Anruf von Herrn H. Ob mir sein Name etwas sage? Mir fallen nur zwei ein: Ein ehemaliger Profifußballer aus dem Mittelhessischen (Matthias H.) – und mein alter Mathelehrer aus der Mittelstufe. Und der ist’s. Schöne Überraschung, ja Verblüffung. 40 Jahre ist das her! H. war damals ein junger Studienrat, jetzt ist er 80. Komisch, und ich bin immer noch 14. Wie relativ die Zeit doch ist. Herrn H. hatte unsere Klasse und er uns nur ein Jahr lang, und dennoch erinnert er sich an mich. Eigentlich sogar nur an mich, sagt er. Meinen Weg habe er verfolgt, als Sportler und als Schreiber. Warum er sich ausgerechnet an mich erinnert? Weil ich der Beste, Tollste, Klügste war? Schön wär’s. Nein, weil ich meinen großen Körper immer so überzwerch aus der Bank gehievt habe, wenn ich drankam (ja, liebe Schüler, damals stand man noch auf!). Das aber erinnerte mich an eine meiner ersten sportlichen Leistungen, vielleicht die größte überhaupt: Fast die ganze Schulzeit verbrachte ich im Liegen: Füße im Ranzenfach der Bank vor mir verhakt, Oberschenkel von unten an die eigene Bank gepresst, Schultern und Kopf auf die Bank des Hintermanns gestützt, alles mit dem Hintern auf dem Stuhl austariert, fast senkrecht auf der Spitze von dessen Kufen (gibt’s solche Kufen an den Stuhlbeinen noch?) balancierend. War sehr gemütlich, sogar ein Nickerchen zwischendurch war möglich. Liebe Kinder, gebt fein acht: Früher war alles besser, waren wir einfach besser – oder könnt ihr das auch?

O nein, bitte nicht! Ich will nicht dran schuld sein! Was blendeten die Wrestler bei ihren Stunts immer ein? “Don’t try this at home.” Und auch nicht at school.

Wrestling. In der “Gesellschaftskritik”-Kolumne des “Zeit”-Magazins schreibt Jens Jessen über Wrestling (anlässlich des Todes vom “Ultimate Warrior”), dass dort alles “nur fingiert” sei: “Vieles am modernen Sport, erst recht am Boxsport, orientiert sich längst daran, nur dass die Fußballfans treuherziger, letztlich doofer als das Wrestling-Publikum sind und sich noch den Bären echter Feindschaften und hasserfüllter Matches aufbinden lassen. Aber das Foulspiel zum Schein, das übertrieben schmerzverzerrte Grimassieren auf dem Rasen, das genau ist Wrestling. Ultimate Warrior ist nicht tot, er lebt in der Champions League fort.”

Stimmt natürlich, weiß ja mittlerweile fast jeder. Aber als ich vor … Moment, ich speichere ab und muss mal im Archiv nachschauen …

Bin wieder da. Also: … als ich vor zwanzig Jahren schrieb, Wrestling sei athletischer Turniertanz und die “Kämpfe” abgesprochene, bis ins Detail choreographierte Comic Strips, wollten das die Wrestling-Fans nicht glauben, einige protestierten empört und ungläubig. Im Archiv finde ich jetzt neben diesen frühen auch meine Abschlussgeschichte zum Wrestling:

Es war einmal eine lebende Comic-Strip-Serie, die Kinder und Erwachsene, eher einfach Gestrickte und intellektuell Angehauchte gleichermaßen entzückte: die bunte Welt des Wrestlings der 90er Jahre. Hulk Hogan, Sting, Bret Hart, Randy Savage, Ric Flair, der Undertaker und wie sie alle hießen verbreiteten den Charme von Donald-Duck-Geschichten, gezeichnet von Carl Barks und getextet von Dr. Erika Fuchs. Es war die Hoch-Zeit des verspielten, selbstironischen Wrestlings (vulgo: Catchen), das im Lauf der späteren Jahre versimpelt ist – nicht mehr Donald und Dagobert, sondern nur noch Fix und Foxi. Wrestling damals: Bis ins kleinste Detail inszeniert, geprobt und dargestellt. Wie bei einem Spitzen-Tanzpaar wusste jeder, mit welcher Bewegung er sich der Bewegung des Partners anpassen musste. Wenn man sich diesen perfekt choreographierten Turniertanz muskulöser Stuntmen anschaute, wenn man dann noch den ständig wiederholten Warnhinweis auf dem Bildschirm sah (»Don’t try this at home«), dann konnte man seine helle Freude an diesem Spektakel haben – aus der ironischen Distanz. Mittlerweile bleibt nur Distanz, denn das moderne Wrestling ist öde und phantasiearm geworden. Kein Esprit mehr, nur noch Trash. Vielleicht begann der Untergang mit einem Absturz: Als Owen Hart, einer der Stars der Szene, im Mai 1998 im grellbunten Kostüm des »Blue Blazers«, einer Art Vogel, von einer 30 Meter hohen Stahlkonstruktion in den Ring stürzte. Der Karabinerhaken des Seils an seinem Gürtel hatte sich gelöst. Hart war sofort tot. Frenetischer Jubel erfüllte die Arena, während der leblose Körper im federgeschmückten Strampelanzug weggeschafft wurde. Das Publikum glaubte, der Sturz sei Teil der Show. Owens Bruder, Bret »Hitman« Hart, selbst Star-Wrestler, sagte später: »Ich bin mir sicher, dass er zehn Meter vor dem Aufprall dachte: Hier falle ich, in diesem blödsinnigen Outfit, vor all diesen Leuten, die sich einen Scheiß um mich scheren, und das war es dann.« Das war es dann auch mit dem Wrestling. Es bleibt die Nostalgie um den Hulkster oder um »Mean Jean«, jenen legendären Reporter im Ring (selbst ein Star der Szene), der mit seiner wunderbar empört-entgeisterten Mimik auch hier das Schlusswort spricht: »I can’t believe it.«

Während des Schreibens merke ich, dass dieser (meinetwegen auch dieses) Blog heute zum echten Stein(es)bruch für die Montagsthemen taugt. Mal sehen. Da müsste dann noch Klitschko rein, mit dem Maidan-Bruder in der Ecke. Und mit Michael Buffer als Ringsprecher? Weiß nicht, ich schaue mir die Fallobst-Spektakel nicht an. Buffer begann seine Karriere übrigens ebenfalls beim Wrestling.

Nicht in die “Montagsthemen” kommt, was mir die Liebste gestern erzählt hat, als sie von der Eröffnung der Landesgartenschau zurück kam. Dort hatte ein kleines Grüppchen dagegen demonstriert, einer daraus kam auf sie zu, die in einem Grüppchen von Kollegen stand, und sagt sinngemäß: Kolumnen von ”gw” lese er gerne, obwohl er, “gw”,  manchmal ziemlich überheblich sei. Sie darauf: “Das sage ich ihm auch immer.” Er: Ich verzeihe ihm aber, sogar, obwohl er sich als Anti-Kommunist geoutet hat.

Diese Vergebung ist sehr großherzig, da sie von einem echten und seit Jahrzehnten unbeirrbaren Kommunisten kommt: Michael Beltz, Bruder des großen Matthias, früher ein be- und geliebter Begleiter meiner Kolumnen, jetzt als Hesse im Himmel ihr Schutzheiliger.

Ob Michael Beltz (ich kenne ihn nur aus dem einen und anderen sehr angenehmen Telefonat) das “Senioren-Journal” gelesen hat, für das meine allerliebste Zielgruppe zuständig ist? Im Online-”Stammtisch” habe ich am Freitag darauf hingewiesen, dass ich in der am Samstag beiliegenden Zeitungsausgabe einen Beitrag über meinen “progressiven Alttag” (mit zwei “t” statt zwei “l”) geschrieben habe. Tags darauf fragte Walther Roeber an:

Ist das Senioren-Journal eine jeweils regional eigene Ausgabe in WZ / GAZ /AZ? In der WZ-Beilage von heute habe ich nichts von Ihnen gefunden… Schade!

Für Nur-Online-Leser aus ferner Welt, die unsere Zeitungen nicht kennen sollten (was nur in wirklich fernsten Welten entschuldbar ist): WZ = Wetterauer Zeitung, GAZ = Gießener Allgemeine Zeitung, AZ = Alsfelder Allgemeine Zeitung. Meine Antwort an unseren geschätzten Stammleser und ständigen Kolumnen-Begleiter: Das Senioren-Journal der GAZ ist heute erschienen, das der WZ kommt nächste Woche, ob meine Kolumne dabei sein wird, weiß ich nicht. In der WZ-Zeitungsausgabe sollte der hinweisende Absatz gestrichen werden, ich hoffe, es wurde auch gemacht. Die “Alttag”-Kolumne werde ich auch online stellen, wahrscheinlich in “gw-Beiträge Kultur”.

Ach ja, das könnte ich eigentlich sofort machen. Danach die “Montagsthemen”. Hier nur noch meine Antwort zur Mail von Arno Baumgärtel (siehe “Mailbox”): “Ich habe mir beim Schreiben darüber ebenfalls Gedanken gemacht, mich dann aber -
schwankend – für die “Bauernfußballregel” entschieden, da ich eher vom
“Bauernfußball” ausging als von der “Bauernregel”, also von einer Regel
für den Bauernfußball. Aber Ihr Einwand ist ganz sicher berechtigt.”

Und willkommen. Wie auch andere Einwände und sonstige Anmerkungen zu Blog und Kolumne. Ich weiß, dass ich viel falsch mache. Bin doch erst 14.

 

Und jetzt: Knicks, Kaffee, Kuchen, FAS, SZ und die Montagsthemen. Bis dann.

Baumhausbeichte - Novelle